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Ängstliche Suche nach Fachkräften (Kommentar)
Die Bundesregierung hat sich auf den umständlichsten Weg verständigt, den Mangel an Fachkräften in Deutschland zu beheben. Sie will nun Ingenieure aus aller Herren Länder überzeugen, nach Deutschland zu kommen. Warum beherzigt sie nicht einfach den Vorschlag der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Ingrid Sehrbrock? Sie hat einen im Grunde sehr naheliegenden Tipp parat: „Wer rasch viele Akademiker treffen möchte, sollte zum Taxistand am örtlichen Bahnhof gehen.“
Natürlich ist das Fachkräftekonzept der Bundesregierung eine gute Sache, natürlich war es auch überfällig. Sein Wert besteht vor allem darin, dass es einer Politik für Familien, Frauen, Jugendliche, Ältere und Migranten eine gemeinsame Story verleiht. Es macht klar, dass es beim Ausbau von Krippen nicht nur darum geht, den Interessen von Kleinkindern und deren Müttern gerecht zu werden; dass Gesundheitsschutz und Weiterbildung für ältere Arbeitnehmer nicht nur eine Frage von Anstand und Respekt sind. Derlei ist keine Benefizveranstaltung, sondern es handelt sich um Investitionen. Wie alle Investitionen sollen sie Ertrag bringen – und in dem Fall nicht mal dieser Gruppe und mal jener, sondern der gesamten Volkswirtschaft.
Natürlich ist das Konzept auch lediglich ein „erster Schritt“, wie Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und DGB-Chef Michael Sommer wortgleich festgestellt haben. Das ist so mit jedem Konzept: zunächst das Papier, anschließend hoffentlich die Umsetzung. Ein erster Schritt ist es aber vor allem deshalb, weil die deutsche Gesellschaft auf einen tragenden Teil dieses Konzepts mental bisher gar nicht vorbereitet ist. Zuwanderung als eine Möglichkeit zur Rettung des Wirtschaftsstandorts? Daran hat bisher kaum jemand gedacht.
In den vergangenen Jahren wurde Zuwanderung hierzulande vor allem unter negativen Gesichtspunkten diskutiert. In weiten Teilen der Gesellschaft herrschte der gefühlte Eindruck, Zuwanderer kämen vor allem in Gestalt von Flüchtlingen nach Deutschland, und diejenigen, die vielleicht noch Arbeit fänden, seien vor allem Niedriglöhner, die dann das Gehaltsniveau hier insgesamt nach unten drücken. Ausdruck dieser Form von German Angst war, dass Deutschland sich sieben Jahre lang Zeit ließ, bevor es am 1. Mai dieses Jahres endlich seinen Arbeitsmarkt für die Bürger aus acht osteuropäischen EU-Ländern öffnete. Ausdruck dieser Angst ist, dass der DGB nun vor allem die Risiken sieht, die eine globale Suche nach Fachkräften haben könnte. Und Ausdruck dieser Angst ist, welch absurde Debatte Wirtschaftsminister Philipp Rösler und seine Kollegin im Arbeitsressort, Ursula von der Leyen, deshalb zu führen haben.
Wer nicht aus der EU stammt und sich in Deutschland niederlassen will, muss dafür ein Mindestgehalt nachweisen: 66 000 Euro. Macht ein Monatsgehalt von ungefähr 5000 Euro. Das ist eine Größenordnung, die auch unter den Deutschen nur eine Minderheit erreicht. Deshalb wollen Rösler und Leyen diese Grenze auf 40 000 Euro senken. Das entspräche einem Monatsgehalt von 3000 Euro, und es wäre das Anderthalbfache des Durchschnittsverdiensts hierzulande. Hört sich also nicht nach Dumpinglohnniveau an. Und trotzdem kommen vor allem Christsoziale und Gewerkschafter genau mit dieser Warnung daher.
Verrückt an der Debatte ist weniger der Betrag, um den es geht. Verrückt ist die Debatte als solche: Hier ist eine Nation, die mit anderen Nationen um die besten Fachkräfte konkurriert – und sie ergeht sich in Angst, dass Zuwanderer, deren künftiges Einkommen über dem der meisten Einheimischen liegen könnte, auf diese Weise die Löhne drücken. Außerdem sucht sie Ingenieure in aller Welt, lässt aber diejenigen, die seit Jahren da sind, immer noch als Taxifahrer arbeiten. Wer das alles kapiert, möge sich bitte melden.
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