Von Null zum BR-Vorsitz. Tips für mich?

  • Hallo Kollegen.

    Zuerst eine kurze Vorstellung. Ich bin der Marcel, 36 und arbeite in einem Unternehmen der Zulieferbranche.

    Das Unternehmen ist stetig gewachsen und befindet sich, wie ich finde, in einer langsamen Transformationsphase.

    Nun stehen BR-Wahlen an. Der alte BR bestand aus 3 Leuten wo 5 sein müssten, der neue wird ein 7er Gremium. Ich habe mich aufstellen lassen und gegenüber dem bisherigen BRV meinen Willen zu erkennen gegeben Dinge zu verändern. Ich bin auch mal initiativ zur Gewerkschaft gefahren und habe dort mit den verantwortlichen Leuten gesprochen. Eines Tages kam der noch-BRV auf mich zu und meinte ich solle mich mal auf der Gewerkschaft melden. Die Probleme in unserem Unternehmen sind bekannt(z.B. fehlende Tarifbindung, Willkür des AG usw.)Der Gewerkschaftsvertreter eröffnete mir das der jetzige BRV nicht mehr antreten will und fragte mich ob ich mich nicht zur Wahl des BRV aufstellen lassen will. Vom alten BR tritt nur noch ein Mitglied an, welches aber seine letzte Amtszeit macht und danach in Rente geht. Es wird also ein kompletter Neuanfang. Der alte BR hat uns seine Unterstüzung als Ratgeber zugesagt. Ich denke er ist einfach amtsmüde geworden, da unser Chef ein ziemlich schwerer Fall ist. Er meinte er gibt das Amt gerne an eine jüngere Generation ab.

    Mit diesem Hintergrund bin ich nun verstärkt auf Leute zugegangen von denen ich der Meinung bin sie sind heiß etwas zu Verändern. Meine Freundin ist dabei und ein langjähriger Freund, Menschen mit denen ich das ein oder andere Bier zuviel getrunken habe aber auch Kollegen die ich nicht auf dem Schirm hatte. Nun sind 9 Leute auf der Liste.

    Ich habe viel Zuspruch von Kollegen erhalten und ich denke wir sind eine schlagkräftige Truppe.

    Es besteht natürlich Schulungsbedarf. Das verbliebene Mitglied sagte mir man dürfe nur 2 Schulungen pro Jahr besuchen. Nunja, §37 Abs 6 BetrVG sagt mir das etwas anderes ;)

    Der alte BR hat die Öffentlichkeitsarbeit sträflich vernachlässigt, von Betriebsversammlungen reden wir hier erst gar nicht.

    So der langen Rede kurzer Sinn:
    Habt ihr ein paar Tips für mich für die erste Zeit nach der Wahl. Wir möchten natürlich beim GF ein paar Duftmarken hinterlassen. Nach dem Motto: Wir sind die neuen und wir schauen dir mal genauer auf die Finger.
    Welche Themen kann man in den ersten Wochen angehen?

    Ich bin für jede Hilfe dankbar

    Grüße
    Marcel

  • Erst mal meinen Glückwunsch, oder sollte ich Beileid sagen?

    Von Null auf 100 ist schon was.

    Das wichtigste ist Seminare, Seminare, Seminare...

    Ohne Hintergrund und rechtssicheres Wissen wird das nichts.

    Duftmarken setzen!?! Da wäre ich vorsichtig. Du könntest dich gewaltig verbrennen. Besonders ohne richtiges Wissen wie vom Seminaranbieter ifb oder der Gewerkschaft. Du würdest dann verglühen wie eine Sternschnuppe, wenn du sofort auf Kravall gebürstet auftrittst.

    Trete besonnen und mit Hintergrundwissen (nicht nur von Tante Google oder was "Insider" dir erzählen werden) auf. Step by Step heißt es nicht umsonst.

  • Hallo.

    Ich würde auch empfehlen, sich erst einmal schulen zu lassen und sich die betrieblichen Belange einzuarbeiten: Duftmarken kann man dann auch nach 6 oder 12 Monaten setzen.

    Ich würde aber konsequent von Anfang an die Betriebsversammlungen abhalten, dabei auch ehrlich ansprechen, dass Schulungs-und Einarbeitungsbedarf da ist. Gegenüber dem AG sollte klar sein, dass der komplette BR mit ihm Monatsgespräche abhält, dass die Beteiligung in personellen und mitbestimmten Angelegenheiten einzuhalten ist usw.

    Grüße Winfried

  • Hallo

    Ich sehe das so wie meine Vorredner.

    Stepp bei Stepp.

    Fangt mit den Grundlagenschulungen zum BetrVG an, da könnt ihr 1 und 2 auch als inhouse-Schulung in einer Woche machen. Das IFB hat da gute Angebote

    Teil 3 und AR 1-3 könnten so bis Mitte Ende 2019 gemacht sein.

    Mit jedem Seminar werdet ihr neue Möglichkeiten erfahren wie ihr Arbeiten könnt.

    Dann noch darauf achten das man nicht Zuviel auf einmal angeht.

    In meiner 8 Jährigen Amtszeit habe ich bis Dato ca. 55 Seminare besucht und lerne immer noch weiter.

    Bin damals auch von 0 auf 100 angefangen. Geht alles.

    Habe jetzt nach erfolgreicher Wiederwahl meine 3. Amtsperiode vor mir.

    Euch viel Erfolg.

    Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt, sei wachsam

    Reinhard Mey

  • Hallo Marcel,

    erst mal herzlichen Glückwunsch!

    auch ich kann meínen Vorrednern nur zustimmen. Das wichtigste jetzt ist schulen, schulen, schulen und ganz wichtig schulen!!

    Duftmarken setzen würde ich eher nicht machen, nur wenn dein AG mit Themen von sich aus kommt müsst ihr euch auch auf den ein oder anderen Machtkampf einstellen. Der AG möchte mit Sicherheit wissen, aus welchem Holz das ihr geschnitzt seid. Hier einfach cool bleiben und nach besten Gewissen und Wissen (hab ich schon gesagt das ihr euch schulen müsst) handeln. Beteiligt auch eure Kollegen an Entscheidungen, falls das Möglich und auch sinnvoll ist. Das stärkt euch den Rücken und gibt euch Bestätigung.

    Fordert auch immer wieder und hartnäckig eure Beteiligungs und Informationsrechte ein, denn das wird immer wieder ein schwieriges Thema werden. Besonders das mit den Informationsrechten, da das nicht so eindeutig geregelt ist wie die Beteiligungsrechte. Um diese Rechte zu kennen helfen übrigens Schulungen die ihr unbedingt machen müsst, und zwar alle und nicht nur ein oder zwei.

    Denke auch daran, der Betriebsrat ist keine One-Man-Show Betirebsratsarbeit ist Teamarbeit, anders ist das auch nicht zu bewerkstelligen, sonst arbeitest du dich kaputt.

    Schön ist, dass sich der alte Betriebsrat trotz seiner Amtsmüdigkeit bereit erklärt hat dir zu helfen, nutze das.

    Aber das wirst du auch bestimmt selbst merken.

    Mann ich höhr mich schon an wie ein alter Mann, deshalb ist es besser ich hör auf mit weiteren Tips.

    LG und Viel Erfolg!

    Markus

    P.S.: Zu den Themen die ihr anpacken solltet: Redet einfach mit den Beschäftigten, die wissen besser als wir, welche Dinge am brisantesten sind. Das sollten dannn auch die Themen sein, die ihr als erstes angeht. Aber immer eines nach dem anderen.

    "Ein Kompromiss ist dann vollkommen, wenn alle unzufrieden sind" Aristide Briand

  • Vielen Dank für die Hinweise.
    Dass wir Schulungsbedarf haben ist unstrittig. Ich war mal als Vertrauensmann in Inzell zu einem Seminar aber das ist ewig het und hatte mit BR Arbeit nur am Rande was zu tun. Wir werden so schnell wie möglich Seminare besuchen.
    BR 1+2, sowie BRV und Schriftführer sind die erklärten Ziele für dieses Jahr

    Wir werden natürlich dem Chef nicht gleich mit der Einigungsstelle drohen oder ihm mit Paragraphen kommen. Aber er wird versuchen zu blockieren so wie er es oft macht. Ich denke aber auch dass, wie ihr schreibt, der Chef uns testen wird oder versucht aufgrund der Unerfahrenheit unsererseits irgendwas durchzudrücken. Da müssen wir wachsam sein. Bei der letzten BR-Wahl hat er rumgemosert warum die Leute während der Arbeitszeit wählen gehen.

    Ich habe mich in den letzten Tagen sehr oft mit Kollegen unterhalten. Der Grundtenor war: Wir müssen die IG Metall hier reinbringen! Tarifvertrag! Deswegen werden wir Betriebsversammlungen machen und die entsprechenden Personen von der Gewerkschaft dazu einladen.

    Sicher müssen wir erst einmal sehen wo wir stehen. Welche BVs gibt es überhaupt? Sind die aktuell? Generell die Frage, wie sieht die alltägliche BR-Arbeit aus?
    Ich habe in den letzten Wochen eine Liste erstellt mit Themen die ich so aufgegriffen habe und auch wo Kollegen zu mir gekommen sind und gesagt haben ob wir das nicht mal angehen könnten. Da ist eine Menge zusammengekommen, die wir erst einmal sortieren und priorisieren müssen. Wichtig wäre erst mal ein eigenes Büro. Momentan wird eine Fertigungshalle neu gebaut, da müssen wir zusehen dass wir da etwas bekommen.

    Danke soweit für eure Hilfe, ich bin aber weiterhin offen für Ratschläge

    Grüße
    Marcel

  • Team-ifb

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