Kurzarbeit: Welche Kostenersparnis für AG?

  • Liebe BR-Kolleg*innen,


    für die Verhandlung einer Aufstockung wäre es hilfreich zu wissen, wie genau sich aktuell die Ersparnis durch Kurzarbeit aus Arbeitgebersicht darlegt - inkl. vorübergehender Senkung der Remanenzkosten/Rückerstattung der Sozialversicherungsbeiträge auf den Fiktivlohn. Unsere Arbeitgeberin argumentiert nämlich, dass alles schon "einkalkuliert" ist, und jeder Euro überlebenswichtig ist, aber wir haben da so unsere Zweifel und möchten ihr darlegen, dass sie ihre Zielersparnis trotz KUG-Aufstockung von 60/67% auf 80% immer noch problemlos erreicht, wenn ein Teil der Rückerstattung an die Arbeitnehmer*innen fließt.


    Der Einfachheit halber angenommen: 10 AN, Lohnsteuerklasse 1, keiner Kinder, Prozentsatz=50% (Kurzarbeit 50), reguläres Brutto 2000 EUR, AG will über 45% Kosten sparen.


    Ergibt anhand von z.B. dem Nettolohn.de-Rechner:

    Reguläres Monatsbrutto2.000,00 €
    Monatsbrutto Kurzarbeit1.000,00 €
    Berechnung des Kurzarbeitergeldes
    pauschalisierter Nettolohn regulär 1)1.417,49 €
    pauschalisierter Nettolohn Kurzarbeit 2)800,00 €
    Differenz617,49 €
    Leistungssatz 5)60%
    Ihr Kurzarbeitergeld370,49 €
    regulärer Nettolohn während Kurzarbeit 3)799,75 €
    Einkommen während Kurzarbeit= 1.170,24 €
    regulärer Nettolohn ohne Kurzarbeit 4)1.416,99 €
    Unterschied zum regulärem Einkommen-246,75 €

    Die Nebenrechnungen:

    FxLROG7.gif


    Ich würde davon ausgehen, pro Arbeitnehmer spart der AG klassicherweise sowie zusätzlich im Rahmen der Neuregelung bis Ende des Jahres circa:

    1. (1) an Nettolohn:
      617.24 € = 1416.99 - 799.75
      43.6% = 617.24 / 1416.99
      (oder argumentiert man bei der Ersparnis anhand der Bruttolohndifferenz? Also 50%?)
    2. (2) an rückerstatteten Sozialversicherungsbeiträgen: 160.20 € = 400.50 * (1 - 0.5) * 0.8
      (400.50 = Sozialversicherungsbeiträge für reguläres Netto ohne Kurzarbeit; 0.5 = Kurzarbeit 50; 0.8 = 80% der Entgeltdifferenz = Fiktivlohn; abstrahiert davon, dass für die SozVersich-Beiträge beim entgangenen Lohn einige Komponenten entfallen, wie z.B. ALV.)

    Eine Aufstockung wäre sozialversicherungsfrei, sofern sich KUG + Aufstockung 80% der Nettoentgeltdifferenz nach § 106 SGB III nicht überschreitet -

    • (3) Max. Betrag für Aufstockung auf 80%: 123.49 € = (370.49 / 0.60 * 0.80) - 370.49
      (KUG durch Leistungssatz 60% mal 80%, dann abzgl. des bereits gezahlten KUGs; entspricht auch 80% der Nettoentgeltdifferenz abzgl. KUG)

    Der Arbeitgeber hätte also trotz Aufstockung noch mehr gespart:

    • (4) Statt
      55% = (617.24 + 160.20) / 1416.99 immerhin noch
      46.1% = (617.24 + (160.20 - 123.49)) / 1416.99



    Fragen:

    1. Macht die Berechnung/der Gedankengang so Sinn?
    2. Werden die 123.49 brutto aufgestockt, d.h. erhalten die 10 AN netto durch Lohnsteuer weniger? Wenn ja: Wie viel weniger?


    Vielen Dank und schöne Feiertage!

  • Hallo Lumpini,


    ich Frage mal so, was macht ihr und womit verdient der Arbeitgeber sein Geld.

    In der regel verdient der Arbeitgeber damit sein Geld, in dem er eine Leistung verkauft für die er Beschäftigte braucht um diese Leistung zu erbringen.

    Wenn mann als BR und Belegschaftes gut gemacht hat, dann verdienen in den Zeiten, in den die Leistung gut verkauft werden kann beide auch gut an dem was der Arbeitgeber verkauft.


    Kommen wir nun zum jetztigen Zustand. Jenachdem was ihr "Verkauft" sind dort die Umsätze drastisch zurück gegangen und damit auch die Umsätze. Ohne Kurzarbeit läuft somit der Betrieb in die Gefahr "insolvent" zu werden, also keinen mehr bezahlen zu können. Um das zu verhindern hat der Gesetzgeber die Kurzarbeit erfunden. Weniger zu tun dann kann der AG mit Zustimmung des AN (BR) Kurzarbeit durchführen und auf einen Teil der Leistungserbringung durch den Mitarbeiter verzichten, so lange auch weniger Leistung erforderlich ist. Die Differenz wird mit Kurzarbeitergeld ausgeglichen, für das ja auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer in die Kasse eingezahlt haben.


    Wenn das System richtig läuft und der BR auch im Wirtschaftsausschuss und durch ihre Vertreter im Aufsichtsrat auch dort das Zahlenwerk des Arbeitgeber sic hansehen stellen Sie fest, dass tortz Kurzarbeit der Arbeitgeber nichts spart sonden auch höhere Kosten in Kauf nimmt, weil die "Einsparungen" in keinster Weise den Auftragsrückgang kompensieren können.


    Bei uns hat z.B. der Arbeitgeber dank Kurzarbeit im lezten Jahr bei einer Aufstockung auf 80% zwar ca. 1,5 Mio Lohnkosten eingespart, trotz allen einen Verlust von 3 Mio gemacht statt einen Gewinn von 1 Mio., weil die Kosten Miete, Gerätschaften, Strom, Lager Maschinen, Lohnbüro etc. weiter laufen. Damit fehlt Geld für neue Investitionen die die Zukunft des Betriebes sichern.


    Daher wenn Kurzarbeit erforderlich ist, und die Zahlen richtig vom Betriebsrat und Aufsichtsrat bewertet werden wirst du feststellen das auch eine AUfstockung nicht mehr macht als den Verlust des Betriebes zu erhöhen. Inwieweit dank Rücklagen dieses möglich ist müßt ihr bei Betrachtung der Zahlen für euren Betrieb selber festlegen.


    Wie Kurzarbeit weiterhin berechnet wird, dazu hatte Moritz mal sehr ausführlich geantwortet. Stöbern hilft :D


    Gruß

    Rabauke

  • Hallo Rabauke,


    ich verstehe, was du meinst. Und generell bin ich da absolut bei dir: Aufstockung in schwierigen Zeiten ist ein Drahtseilakt; und als BR ist man da wohl auch schnell der Buhmann statt ein engagierter Interessenvertreter. Nur ich glaube auch, man muss differenzieren:


    "ich Frage mal so, was macht ihr und womit verdient der Arbeitgeber sein Geld."


    Versetz dich mal in die Lage einer deutschen Dépendance eines internationalen Dienstleisters der Informationstechnologie mit Wurzeln in Europa, aber US-amerikanischem und investorgetriebenem Denk- und Führungsstil. Dessen Kunden, vornehmlich größere Unternehmen, nutzen eine Software as a Service, und zahlen die Nutzung im Rahmen langfristiger Verträge idR weit im Voraus. Daruner sind auch Händler, die mitunter ausschließlich Umsätze aus dem Filialgeschäft beziehen, und die nun in Bredouille geraten. Manche wird es in 6 Monaten nicht mehr geben. Genauso sorgt ein Investitionsstopp bei potenziellen Neukunden auf breiter Front dafür, dass der Vertrieb strauchelt.


    Ein solches Unternehmen wächst nun nicht mehr im ursprünglich geplanten Ausmaß, das ist klar. Und für potenzielle Käufer sinkt die Attraktivität: "Bei der Umsatzrendite?! Dann doch lieber Bitcoins." Aber das Geschäft läuft - anders als bei einem geschlossenen Zoo - grundlegend weiter. (Direkte Konkurrenten - mit oder ohne BR - haben keine Kurzarbeit angemeldet.)


    Was, wenn Kurzarbeit für den gesamten Betrieb (statt zB bloß im Vertrieb) nicht notwendig wäre, um Löhne zu zahlen und die laufenden Kosten zu bedienen? Was, wenn sie nicht dem Erhalt des Unternehmens diene, sondern die Krise ausgenutzt würde, um sich auch anhand europäischer Förderprogramme und einem gewissen "Verständnis" für Kündigungen international gesundzustoßen, um später vergleichsweise blendend gegenüber Konkurrenten dazustehen? Was, wenn Fehlentscheidungen des Managements, das in guten Zeiten ohnehin deutlich stärker protifiert als ein Großteil der Belegschaft, den Betrieb nun in Schieflage brächte, und zudem das Management keinen wesentlich höheren Beitrag zur Kostenersparnis einbrächte, als die Mitarbeiterin, die sich Miete und Lebensunterhalt monatlich vom Mund abspart? (Davon gäbe es nicht wenige.)


    Man weiß nicht, ob es so ist. Und wie du dir vorstellen kannst, ist es für die einzige Mitarbeitervertretung, die zudem immer noch grün ist und bestenfalls "knurrend hingenommen" wird, in einem internationalen Gepflecht einer solchen Prägung schwer, sich Klarheit zu verschaffen. Noch dazu, wenn die Zeit - wie jetzt - drängt. Man muss aber solche Fragen stellen und Maßnahmen hinterfragen dürfen. Selbst wenn es, wie eingangs gesagt, ein schmaler Grat ist. Oder siehst du das anders? (Du scheinst ja deutlich mehr Erfahrung zu haben.) Die Krise als Anlass zu nehmen, Fehlentscheidungen oder Sanierungen nun auf den Rücken der Belegschaft abzuzwälzen, wäre wohl fragwürdig.


    Aber wie gesagt: Ich teile deine Ansicht, und ja, wahrscheinlich wird es wohl eher so sein, dass Verluste vorübergehend hingenommen werden. Aber man verstrickt sich da eben schnell in "Verschwörungstheorien".


    Ich schaue mal nach dem Beitrag, danke für deine Rückmeldung und den Wink.


    Frohe Ostern /

    Lumpini

  • Wie Kurzarbeit weiterhin berechnet wird, dazu hatte Moritz mal sehr ausführlich geantwortet. Stöbern hilft :D



    Du meinst die Frage "Sozialabgaben" von Bettina, zu der Moritz ausführlich antwortete? Ja, das hatte ich schon gesehen. Und ich hatte auch überlegt, meine Frage darunter zu packen. Aber meine Frage geht in eine etwas andere Richtung. Zudem bin ich mir unsicher, ob das ein oder andere Statement der "Lohntante" zutrifft:

    Zitat

    Um es den AG zu ermöglichen, hier auch ein wenig mehr zahlen zu können, ohne dadurch übermäßig belastet zu werden, darf der AG sich jetzt auch den AG-Anteil für die SV-Beiträge für diese 20 % von der AV wiederholen. Und zwar genau bis zu 20%, sprich, zahlt der AG weniger, führt er natürlich auch weniger ab und erhält auch weniger zurück. Zahlt er aber mehr, dann muss er auch mehr abführen, erhält aber trotzdem nur bis max. 20% den AG-Anteil erstattet!


    Welche 20%? Differenz 80%-Aufstockung und KUG bei Kinderlosen? Das träfe mW nicht zu.


    Mein Kenntnisstand ist:

    • Während des Bezuges von Kurzarbeitergeld sind die AN weiterhin sozialversichert.
    • Die auf das verminderte Arbeitsentgelt (1000 € im Bsp) zu entrichtenden Beiträge leisten AG und AN weiter voll gemeinsam.
    • Die auf den Entgeltausfall zu entrichtenden Beiträge (im Bsp die übrigen 1000 €) leistet der AG allein für den AN vor (ua § 248 Abs. 2 SGB V).


      • Bemessungsgrundlage hierfür sind allerdings "nur" 80% der Nettoentgeltdifferenz nach § 106 Abs. 1 SGB III (§ 232a Abs. 2 SGB V) - damit sinken zB die Rentenansprüche des AN, wenn auch in geringem Umfang.
      • Beiträge zur Arbeitslosenversicherung entfallen genauso wie der Beitragszuschlag für Kinderlose zur Sozialversicherung (§ 60 Abs. 7 SGB XI).
      • Die Beiträge werden dem AG seit März und bis zum 31.12.2020 in pauschalierter Form von der BAfA auf Antrag wie gefordert erstattet, sogar vollständig.
        • Auch Hubertus Heil will angeblich "mit Arbeitgebern und Gewerkschaften darüber reden, wie sie diesen Vorteil an die Beschäftigten weitergeben können".
        • Da für die 80% bereits Sozialversicherungsbeiträge geleistet wurden, fallen für Aufstockungen bis zu diesem Wert nicht erneut welche für den AG an - für den AG ist dies daher aus finanzieller Sicht ein wichtiger Schwellenwert.

    Erstattet werden somit alle Sozialversicherungsbeiträge, die auf das entfallene Entgelt vorgeleistet wurden, nicht 20%, oder?


    Ich frage mich weiterhin:

    • Wie zeige ich der Lohnkostenvorteil bei Kurzarbeit auf: Vergleich Lohnkosten brutto vorher/nacher? Oder netto vorher nacher?
    • Was würde bei einer Aufstockung beim AN landen - hierauf wird ja scheinbar noch Lohnsteuer erhoben?
    • Stimmt die Höhe der dem AG erstatteten Sozialversicherungsbeiträge?

    Schöne Grüße!

  • Hallo Lumipini,


    zum einen Stelle ich fest, du hast dich sehr gut mit dem Thema auseinander gesetzt.

    Zum anderen habe ich das Empfinden, das Kurzarbeit als Sparprogramm scheinbar bei euch wahrgenommen werden soll.


    Wenn aber nicht weniger zu tun ist. Weiterhin alle Beschäfti gten "voll" Beschäftigung haben dann ist es die Aufgabe des BR dem Ami zu sagen STOP we have no hire and fire, we are german!

    Weiterhin muss dann deutlich gemacht werden, dass die Bezüge weiter zu zahlen sind (§615 BGB) da es mit dem Betriebsrat keine Vereinbarung zur Kurzarbeit und Kurzarbeit nicht als Sparprogramm hingenommen werden kann.


    Alle Zahlen Daten Fakten vorlegen lassen, warum aus Sicht des Arbeitgeber nun weniger Arbeit anfällt, wo dieses weniger anfällt und wieviel es ist und wieso dort wo weniger anfällt (Management mit betrachten) nun Kurzarbeit erforderlich ist.


    Das Maß der Kurzarbeit muss definiert sein und kann auch nur einzelne Personengruppen betreffen, z.B. alle Manager ab Ebene 3 aufwärts haben 40% weniger zu tun und sind deshalb in Kurzarbeit und kommen nur noch 3 von 5 Tagen täglich maximal 8 Stunden arbeiten. Kurzarbeit ist kein SPARPROGRAMM des Arbeitgebers sondern dient den ARBEITSAUSFALL aufzufangen!


    Nun auf deine Ausgangsfrage zurück kommend, ist deine Berechnung halbwegs richtig und welche Auswirkungen hat das für den AN. Die Berechnung ist habwegs richtig, bedenkt jedoch nicht, dass das Kurzarbeitergeld auch Auswirkungen auf den Steuerjahresausgleich hat. Das nennt man Progresionsvorbehalt. Je länger die Kurzarbeit andauert um so mehr Steuern muss somit der AN mit dem verpflichtenden Jahresausgleich nachzahlen.

    Weiterhin hat Kurzarbeit auch Auswirkungen auf Krankengeld und Rente, da das Kurzarbeitergeld geringer ist als das normale Brutto und somit auch weniger Sozialabgaben eingezahlt werden.


    Aus diesem Grund stocken gute Betriebsräte das Kurzarbeitergeld wenn es denn dem Unternehmen möglich ist auf. damit sollen die Nachteile die der AN zum Teil hat aufgefangen werden.


    Aber nochmals und das ist denke ich bei euch wichtig, wenn sich das Arbeitsaufkommen nicht verringert hat gibt es keinen GRUND für KURZARBEIT, egal was der Unternehmer will.


    Gruß

    Rabauke