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WM 2022: Gucken, ja oder nein?

Pro und Contra zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar

Arbeitnehmer, Betriebsräte und ganze Freundeskreise debattieren derzeit über die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft: Anschauen oder boykottieren? Eine klare Antwort gibt es nicht – stellvertretend haben wir zwei Stimmungsbilder aus den aktuellen Diskussionen eingefangen. Klar ist schon jetzt: Eine „normale“ WM wird das nicht.

Stand:  15.11.2022
Lesezeit:  04:00 min
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WM 2022: Gucken, ja oder nein? | © AdobeStock | tomispin

Pro: Gedämpfte Vorfreude auf den Sport

Von Tim Schmid. Sein Herz schlägt für das runde Leder; schließlich ist er schon lange selbst Fußballtrainer. Für diese WM gilt seiner Meinung nach: „Weil eben nicht allen alles egal ist!“

Eines sei vorweggenommen: Menschrechtsverletzungen, Homophobie, unterirdische Arbeitsbedingungen sind auf das schärfste zu verurteilen – hier darf es keine zwei Meinungen geben! Auch der Klimaaspekt (runtergekühlte Stadien, während der Rest der Welt Energie sparen sollte) macht es nicht gerade leicht, Argumente zu finden, warum man die WM trotzdem gucken darf. Ich versuche es dennoch:

Wenn die (skandalöse) Vergabe der WM nach Katar überhaupt einen positiven Effekt hat, dann den, dass endlich hingeschaut wird. Mir persönlich war die Tragweite im Jahr 2010, als Sepp Blatter den Umschlag öffnete, keineswegs bewusst. Vielleicht lag es am Alter. Jedenfalls hielt sich der Aufschrei auch bei der Handball-WM 2015 in Katar bzw. bei der Schwimm-WM, die 2024 in Doha stattfinden wird, in überschaubaren Grenzen. Hier entfaltet König Fußball also seine ganze Stahlkraft. Jetzt gilt es, genau hinzusehen, ob sich im Anschluss wirklich was verbessert, was die Verantwortlichen ja immer prognostizieren. In jedem Fall ist es die Chance, mit kritischem Blick auch auf andere Teile der Welt zu blicken. Vor allem: Worauf muss in Zukunft bei der Vergabe sportlicher Großereignisse zwingend geachtet werden? Selbst in unserem eigenen Land wäre genau das der Anstoß, frühzeitiger Finger in Wunden zu legen. Denken wir nur mal an den Skandal rund um die Leiharbeiter bei Fleischproduzent Tönnies. Einen Boykott der Spiele des FC Schalke O4 forderte damals keiner. Ganz wichtig: Das eine legitimiert das andere – selbstverständlich – keineswegs!  

Hauptgrund, warum ich dennoch einige Spiele sehen werde, sind der Fußballsport an sich, der mich schon mein ganzes Leben begleitet. Sowie die Spieler, die überhaupt nichts dafürkönnen. Und es gibt eben nicht nur die Multimillionäre, sondern auch diejenigen, für die es die einzige Chance auf eine WM-Teilnahme ist. Zudem hoffe ich – und ich rechne auch fest damit –, dass es die geben wird, die sich klar positionieren. Weil eben nicht allen alles egal ist!

Völlig klar, das WM-Schauen wird in wesentlich kleinerem Rahmen stattfinden, das WM-Feeling wird nicht so sein, wie es schon mal war. Public Viewing gibt es aufgrund der Jahreszeit ohnehin kaum. An dieser Stelle werde ich ein wenig nostalgisch, wenn ich an meine erste bewusst mitverfolgte Weltmeisterschaft denke. 1994 in den USA war das, ich war sechs Jahre alt. Ob sich Kinder diesmal ähnlich wie ich endgültig in den Sport verlieben? Ich habe schon von Eltern gehört, die ihre Kinder aufgrund der Situation in Katar nicht schauen lassen. Da frage ich mich, wen man damit eigentlich wirklich bestraft. Ich bin der Meinung, es darf geschaut werden.

Die FIFA sollte (auch nach der WM) weiterhin im Zentrum der Kritik stehen!

Die FIFA sollte (auch nach der WM) weiterhin im Zentrum der Kritik stehen, da sie die alleinige Verantwortung trägt. Für die Vergabe und auch für die Tatsache, dass viel zu oft weggeschaut wird. Der blanke Hohn ist ja, dass sie als gemeinnütziger Verein anerkannt ist. Konsequenterweise müsst ich dann aber irgendwie alle Fußballwettbewerbe boykottieren. Und mich in dieser Zeit, in der es gefühlt auf sämtlichen Ebenen nur Negatives gibt, für etwas anderes begeistern. Beispielsweise für die Olympischen Spiele?


 

Contra: Nicht meine WM!

Von Peter Knoop alias „Andi Latte”. Gerade weil er Fußball liebt, macht ihm die WM diesmal keinen Spaß: „Grenzen ziehen – genau das machen engagierte Betriebsräte jeden Tag.“

In der Mittagspause wurde ich heute gefragt, warum ich dieses Mal bei unserem ifb-WM-Tippspiel nicht mitmache. In den letzten 20 Jahren war ich bei jeder WM und EM mit Freude als „Andi Latte“ dabei. Ich liebe Fußball! Und genau deshalb macht es mir diesmal keinen Spaß.

Es ist nicht das eine Thema, welches mich angewidert wegschauen lässt, es ist die Summe der Missstände, auch wenn es für jeden Punkt Gegenargumente gibt: Korruption – ja mei, des gab es bei „unserer“ WM wohl auch schon. Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen – durch die WM schaut die Welt wenigstens hin. Missachtung von Menschenrechten – nur durch die Öffnung zum Westen wird sich da etwas verbessern. Ökologischer Klima-Wahnsinn in gekühlten Stadien – deshalb spielen wir ja im Winter.

Ich kann mich nicht für bessere Arbeitsbedingungen in Deutschland einsetzen und Tote für Fußballspiele weglächeln.

Verstehe ich alles, aber irgendwo ist für mich Schluss! Diese maßlose Geldgier des Fußballes habe ich schon bei Kylian Mbappé nicht ertragen (630 Millionen für 3 Jahre – auch von Katar). Ich kann mich nicht für bessere Arbeitsbedingungen in Deutschland einsetzen und Tote für Fußballspiele weglächeln (ob 37 oder 6.500). Ich möchte mich nicht über die Kultur der Kataris erheben, aber ich bin mir ganz sicher, dass Schwulsein kein „geistiger Schaden" ist. Und ökologisch sendet diese WM auch nur ein Zeichen: Vollgas, wen kümmert das Klima. Und nein, durch eine WM wird nicht alles besser – wer war nochmal der letzte WM-Gastgeber?

Ich könnte diese WM nicht genießen, selbst wenn ich wollte. Deshalb findet sie ohne mich statt. Das stört meinen zehnjährigen Sohn sicher mehr als die Funktionäre der FIFA und die Emire in Katar. Irgendwo muss aber jeder für sich seine Wertegrenze ziehen und für diese WM ist meine Grenze deutlich überschritten.

Es ist kein Boykott, es ist kein Aufruf, es ist meine persönliche Haltung zu diesem Thema. Meinung bilden, Haltung entwickeln und Grenzen ziehen – genau das machen engagierte Betriebsräte jeden Tag.

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