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Als der Bundeskanzler zur Betriebsversammlung kam

© AdobeStock | Franz Pfluegl
Stand:  20.2.2024
Lesezeit:  04:00 min
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Thomas Herzberg hat in über 20 Jahren als Betriebsrat und 46 Jahren Arbeitsleben viele Überraschungen erlebt

Betriebsrat Thomas Herzberg sagt: „Wenn Du etwas erreichen willst, brauchst Du eine Taktik.“ Das gilt auch für Betriebsversammlungen, meint der 63-Jährige. Einmal schrieb er Olaf Scholz direkt an, ob der nicht mal bei der Hamburger Müllverwertungsanlage am Rugenberger Damm vorbeischauen möchte. Und? Er kam! Thomas Herzbergs Mut hatte sich ausgezahlt, wie so oft in seinen 46 Arbeitsjahren. 

Thomas, Du hast Bundeskanzler Olaf Scholz vor einigen Jahren persönlich getroffen – wie kam es dazu? 

Thomas Herzberg: Im Seminar habe ich gelernt, dass man Betriebsversammlungen möglichst interessant gestalten soll (grinst). Also habe ich als Betriebsratsvorsitzender immer versucht, Gastredner einzuladen. Und irgendwann habe ich mir gedacht, einfach mal ganz nach oben zu greifen. Und habe den damals Ersten Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, angeschrieben: Ob er nicht Lust hätte, was zu erzählen. Nach drei Wochen kam dann die Bestätigung seiner PR-Abteilung.

Und wie ist Olaf Scholz persönlich? 

Thomas Herzberg: Ein sehr angenehmer Mensch. Ich hatte den Eindruck, dass er sich nicht vor den Karren spannen lässt. Er hat sich mehr für die Mitarbeiter als die Geschäftsführung interessiert und sich vieles angehört, ist sogar eine Zeit lang sitzen geblieben. Sein Vortrag war lustig, er wusste genau Bescheid und hat niemanden von oben herab behandelt – das kenne ich gerade bei Politikern auch anders. Für ihn war es natürlich ein Heimspiel. 

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Es gibt ja immer noch Bundesländer, die keinen Bildungsurlaub erlauben – das verstehe ich nicht.

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Was würdest Du Dir von ihm und seiner Regierung in Bezug auf das Betriebsratsamt wünschen?

Thomas Herzberg: Nichts Akutes, weil ich finde, dass wir dank des Betriebsverfassungsgesetzes ein super System haben. Das Personalvertretungsgesetz hingegen finde ich ein bisschen dünn, da wären mehr Möglichkeiten – wie für den Betriebsrat – sicherlich wünschenswert. Ein anderer Punkt wäre mir jedoch wichtiger, wobei der nicht direkt etwas mit dem BR-Amt zu tun hat: Es gibt ja immer noch Bundesländer, die keinen Bildungsurlaub erlauben. Das verstehe ich nicht, weil da eigentlich nichts dagegenspricht und wir ein bisschen mehr in die Zukunft blicken müssen. 

Apropos Zukunft: Gibt es etwas, dass Deiner Meinung nach der heutigen Arbeitsgeneration fehlt? 

Thomas Herzberg: Andersrum! Ich würde mir wünschen, dass sich die Älteren etwas von der jüngeren Generation abschauen. Es ist nicht immer „Arbeit first“ im Leben, sondern es gehört mehr dazu. Deshalb habe ich vor ein paar Jahren Stunden reduziert, hatte dadurch eine Vier-Tage-Woche, was meinem Leben nochmal einen ganz neuen Aspekt gegeben hat. Warum sollten Menschen nicht etwa mal ein Sabbatical nehmen, um sich die Welt anzuschauen? 

Du warst 20 Jahre im Betriebsrat, davon 16 als Betriebsratsvorsitzender: Was hat Dir das Amt all die Jahre „gegeben“? 

Thomas Herzberg: Dank all der Seminare, an denen ich teilgenommen habe, hatte ich immer einen guten Einblick in andere Firmen, konnte mir ein großes Netzwerk aufbauen. Dazu haben mir die Tipps der Referenten immer viel gebracht. Ganz besonders waren die Rhetorikseminare, die viel dazu beigetragen haben, die Betriebsversammlungen immer lebendig gestalten zu können. Motiviert haben mich zudem die Veränderungen in der Arbeitswelt. Heutzutage gibt es viel zu viele Vorgesetze und zu wenig Führungskräfte. Das ist ein Unterschied: Führungskräfte sind in der Lage, zu führen. Das habe ich all die Jahre versucht, bei uns zu glätten.

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Selbst der Geschäftsführer war etwas geknickt, als ich aufgehört habe, auch wenn man immer miteinander gekabbelt hat.

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Gibt es etwas, auf das Du in Deiner Ehrenamtszeit besonders stolz bist? 

Thomas Herzberg: Dass wir es geschafft haben, dass der Betriebsrat einen guten Platz bei den Mitarbeitern hatte – es war viel Vertrauen da. Selbst der Geschäftsführer war etwas geknickt, als ich aufgehört habe, auch wenn man immer miteinander gekabbelt hat. So sind Verhandlungen eben, aber es war stets respektvoll. Das schreibe ich unserem Betriebsrat auf die Fahne: Wir konnten gut miteinander arbeiten. 

Andersrum: Auf welche Erfahrung hättest Du gerne verzichtet? 

Thomas Herzberg: Für mich war am schlimmsten, bei Betriebsratsversammlungen an verstorbene Kollegen zu erinnern – das hat mich immer sehr bewegt, gerade wenn sie jung waren. Davon abgesehen, würde ich sagen, dass es keine klare „Niederlage“ gab. 

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Mein zukünftiges Motto ist jedenfalls: 365 Tage im Jahr Urlaub, ich will das Leben noch leben!

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Nach 46 Jahren im Arbeitsleben jetzt also der Ruhestand – auf was freust Du Dich am meisten? 

Thomas Herzberg: Eigentlich darauf, meine eigene Geschwindigkeit zu finden. Jahrzehntelang hat die Arbeit den Takt vorgegeben, davor die Schule. Nun komme ich wieder in die Zeit vor der Einschulung – völlige Selbstbestimmung also. Das freut mich, macht mich aber zeitgleich ein wenig unruhig, was das mit mir anstellt. Mein zukünftiges Motto ist jedenfalls: 365 Tage im Jahr Urlaub, ich will das Leben noch leben! Wobei ich mich schon in einem Fitnessstudio angemeldet habe, weil dieser Köper irgendwann sagen wird: Ich stell den Betrieb ein. Deswegen ist es mir wichtig, was zu machen.

Die letzten Wochen dürfte noch viel zu tun gewesen sein. 

Thomas Herzberg: Es war viel aufzuräumen, viele Papiere durchzuschauen. Da dachte ich mir ein ums andere Mal: „Boah, ist das lange her.“ Außerdem hat man ja seit der Ausbildung jede Menge Wissen aufgebaut. Das an die Kollegen weiterzugeben, war mir sehr wichtig. Wenn’s brennt, bin ich natürlich weiterhin da. Aber ich will ja nicht ständig angerufen werden (lacht). (tis) 

© Müllverwertungsanlage am Rugenberger Damm

Thomas Herzberg

Thomas Herzberg hat einst eine Ausbildung zum Energiegeräteelektroniker absolviert und dadurch immer noch ein Faible für „Mischausbildungen“, wie er sagt: „Ich finde es total klasse, wenn man wie als Mechatroniker zwei Sachen lernt und dann entscheidet, in welche Richtung man möchte.“ In den Achtzigerjahren wechselte er in den Außendienst eines Herstellers für Mess- und Regeltechnik von Industrieanlagen – eine bewegte Phase seines Lebens. Im Frühjahr 1986 war er beispielsweise in Botswana, als sich die Katastrophe in Tschernobyl ereignete. „Die Welt früher war ja gefühlt viel größer. Ich habe mich gefragt: Darf ich jemals wieder nach Europa“, erinnert er sich. Generell verbrachte er viel Zeit im Ausland, von einer Woche in Nigeria bis anderthalb Jahre in Portugal. Kurz vor seinem 40. Geburtstag schloss er sich der Hamburger Müllverwertungsanlage am Rugenberger Damm an, war hier viele Jahre Verfahrenstechnischer Assistent. 1998 wurde er erstmals in den Betriebsrat gewählt, 2002 wurde er Betriebsratsvorsitzender – für die nächsten 16 Jahre. 2018 entschloss er sich, sein Amt niederzulegen. Aber auch danach stand er seinen Kollegen – wenn immer sie wollten – mit Rat und Tat zur Seite. Anfang März 2024 verabschiedet sich der 63-Jährige von seinen rund 110 Kollegen und geht in Rente.

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