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Die Herausforderungen des Arbeitsrechts in Japan

Zangyō, Nomikai, Karoshi: Was es mit der japanischen Arbeitskultur auf sich hat!

Lebenslange Beschäftigung und große Verbundenheit mit dem Arbeitgeber, dafür ist Japan bekannt. Die Schattenseite der Arbeitskultur in Japan ist ihre Intensität und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeitnehmer: 2.900 Selbstmorde aufgrund von arbeitsbedingten Problemen im Jahr 2023 lassen aufhorchen. Wir werfen einen Blick auf die Herausforderungen und Veränderungen in der japanischen Arbeitswelt.

Stand:  24.5.2024
Lesezeit:  02:45 min
Arbeitsrecht in Japan | © AdobeStock | Media Srock

Japan ist bekannt für seine notorisch langen Überstunden (zangyō) bis spät in die Nacht, endlose Meetings und wenige Urlaubstage. Doch auch vor Japan macht der Wandel des Arbeitsmarktes nicht halt. In den letzten 30 Jahren sank die Jahresarbeitszeit der Japaner von 2082,42 Stunden in den 90er-Jahren auf 1738,36 Stunden im Jahr 2017. Damit arbeiten die Japaner etwa genauso viel wie die Amerikaner, aber immer noch deutlich mehr als die Deutschen, die auf 1353,89 Stunden kommen. 
Das japanische Arbeitsrecht sieht eine gesetzliche Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche vor, acht Stunden am Tag plus eine Stunde Pause – also nicht viel anders als in Deutschland. Was also unterscheidet Japan von Deutschland?

Urlaubstage in Japan

Japaner mit einem Vollzeitjob haben nach sechs Monaten im Job Anspruch auf 10 Urlaubstage pro Jahr. Mit jedem weiteren Jahr im Unternehmen steigt die Anzahl der Urlaubstage; bis auf maximal 20 Tage nach sechs Jahren. Zusätzlich gibt es 16 gesetzliche Feiertage. Somit haben Berufseinsteiger durchschnittlich 26 freie Tage, während es bei langjährigen Angestellten bis zu 36 Tage Urlaub pro Jahr sind. In Japan ist die lebenslange Beschäftigung, bekannt als „Shushin koyo“, weit verbreitet, was die Verbundenheit der Arbeitnehmer mit ihren Unternehmen zeigt und stärkt.
Trotz des Urlaubsanspruchs nehmen Japaner ihre Urlaubstage selten wahr. Aufgrund Ihrer Arbeitsmentalität befürchten sie, dass ihre Abwesenheit eine Mehrbelastung für die Kollegen bedeutet oder dass sie dadurch ihre Chancen auf eine Beförderung verschlechtern. Außerdem haben sie Angst, als entbehrlich angesehen zu werden. Da hilft anscheinend nur eines: In Japan gibt es 5 Tage Zwangsurlaub – ein Konzept, das für Deutsche kaum vorstellbar ist!

Nomikai-Party: Nach der Arbeit geht es weiter!

Kanpai (Prost)! In Japan ist der Alkoholkonsum ein fester Bestandteil der Arbeitskultur. Nach der Arbeit ist es üblich, mit Kollegen und Vorgesetzten zum Feierabendbier und -essen zusammenzukommen, bekannt als Nomikai (Trinkzusammenkunft). Diese geselligen Runden erleichtern die Kommunikation und stärken wichtige Beziehungen. Oft endet der Abend nicht mit dem ersten Treffen: Es folgt das Nijikai (Party nach der Party – zweites Treffen), bei dem man gemeinsam weiterzieht und den Abend fortsetzt. Zum Vergleich: In Deutschland gaben 2021 von 3.000 jungen Erwachsenen immerhin 27 Prozent an, mindestens einmal im Monat Feste bzw. Partys zu feiern. Aber nach Feierabend mit Chefs und Kollegen? Wohl eher selten. 

Das Senpai-Kohai-System

In der japanischen Arbeitswelt bezeichnet „Senpai“ (Senior) eine höherstehende Person und „Kōhai“ einen Junior. Im Gegensatz zu westlichen Ländern gibt es in Japan strikte Hierarchien. Der Begriff Senpai wird im Kontext von Schule, Arbeit, Sportverein oder sozialen Organisationen verwendet und beschreibt jemanden, der als Mentor für seinen Kōhai fungiert und Verantwortung übernimmt. Respekt gegenüber Vorgesetzten und Älteren ist tief in der Kultur verankert. Ältere Mitarbeitende genießen einen besonderen Respekt, unabhängig von ihrer Position. Eine schöne und wünschenswerte Tradition!
In Japan entscheidet oft die Anzahl der Dienstjahre im Unternehmen über die Position. In traditionellen japanischen Unternehmen werden Berufseinsteiger oft erst nach gründlichem Anlernen durch die Senpai im Alter von 35 oder 40 Jahren zum Manager befördert.

Eine anstrengende Arbeitskultur mit Folgen für die Gesundheit

Bei dieser einnehmenden Arbeitskultur stellt sich schnell die Frage: Wann schlafen die Japaner eigentlich? Resultat: Eher weniger als genug! 2023 ergab eine Untersuchung der japanischen Regierung, dass rund 45,5 Prozent der arbeitenden Japaner pro Nacht weniger als sechs Stunden schlafen. Dieser Schlafmangel hat erhebliche Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit. 27 Prozent derjenigen, die vier Stunden weniger Schlaf als empfohlen bekamen, zeigten Symptome schwerer Depression und Angststörungen. Bei fünf Stunden Schlafmangel lag dieser Anteil sogar bei 38,5 Prozent. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate in Japan überdurchschnittlich hoch ist: Laut Statista begingen im Jahr 2023 fast 2.900 Menschen Selbstmord aufgrund von arbeitsbedingten Problemen.
Selbstmord durch beruflichen Stress oder Überarbeitung wird in Japan als Karojisatsu („Selbstmord durch Überarbeitung“) bezeichnet. Auch Karoshi – der Tod durch zu viel Arbeit – ist in Japan keine Seltenheit. Selbst junge Arbeitnehmer sind betroffen, sie erleiden plötzlich Schlaganfälle oder Herztode, brechen auf der Straße zusammen oder wachen morgens nicht mehr auf.

Die Konsequenzen der Überlastung von Arbeitnehmern

Seit 2019 gibt es in Japan eine gesetzliche Regelung, die die Zahl der Überstunden auf 100 im Monat und 720 im Jahr begrenzt. Zunächst galt das Gesetz für größere Unternehmen, ab 2020 mussten auch kleinere Unternehmen nachziehen.
Im Jahr 2021 diskutierte die japanische Regierung über die Einführung einer 4-Tage-Woche, um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu ermöglichen. Größere Unternehmen wie der Elektronikriese Hitachi Ltd., Panasonic Holdings Corp., Fast Retailing Co. und Mizuho Financial Group Inc. experimentierten mit diesem Modell. Der Vorreiter war allerdings bereits 2019 der IT-Riese Microsoft in Japan, der das dreitägige Wochenende testete. Das Ergebnis: Die Produktivität der Mitarbeiter stieg um 40 Prozent.

Fazit: Kein Wunder also, dass auch das Ikigai-Konzept aus dem Land der aufgehenden Sonne kommt. Das Lebensmodell Ikigai, das den Sinn des Lebens und die Zufriedenheit durch das Finden einer erfüllenden Tätigkeit betont, bietet den überarbeiteten Japanern einen wichtigen Ausgleich. Es hilft ihnen, trotz hoher Arbeitsbelastung einen tieferen Zweck und Freude im Alltag zu finden. Indem sie ihren Ikigai entdecken und verfolgen, können sie besser mit dem Stress und den Anforderungen des Berufslebens umgehen, was zu mehr Lebensqualität und innerem Wohlbefinden führt. Auch in Deutschland hinterfragen immer mehr Arbeitnehmer den Sinn ihrer beruflichen Tätigkeit. Das bedeutet: Mehr Druck für Unternehmen, den Menschen eine familienfreundliche und sinnstiftende Tätigkeit zu bieten und für uns, sie hoffentlich zu finden! (sw)

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