„Bildungsurlaub ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des Betriebs“

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Anspruch und Antrag: Bildungsurlaub steht vielen Beschäftigten per Gesetz zu

Extra-Urlaubstage dank „Bildungsurlaub“ – wer würde da nicht zugreifen? Tatsächlich nutzen viele Beschäftigte diese Möglichkeit bisher nicht. Manche wissen gar nicht, dass sie einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub haben. Andere hingegen fürchten, im Betrieb auf Unverständnis zu stoßen, sagt Lara Körber. Sie ist Mitbegründerin einer Vermittlungsplattform von Bildungsurlaubs-Seminaren – und begeistert von dem großen Angebot, das vielen Arbeitnehmern offensteht. 

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Lara Körber

Mitbegründerin von bildungsurlauber.de – einer Vermittlungsplattform von Bildungsurlaubs-Seminaren

Frau Körber, Was ist der außerordentlichste Bildungsurlaub, von dem Sie schon mal gehört haben? 

Lara Körber: Es gibt viele Bildungsurlaube, die auf den ersten Blick überraschend wirken – etwa Achtsamkeitsseminare auf einem Segelschiff oder Führungskräftetrainings mit Pferden. Erst kürzlich ins Auge gefallen ist mir ein Seminar rund um die Menopause und ihren Einfluss auf die Arbeit. Ein unterschätztes und nicht besprochenes Thema. Meinen letzten Bildungsurlaub habe ich für eine Weiterbildung im Ehrenamt genutzt, denn auch das ist möglich.      

Wichtig ist dabei zu wissen: Egal wie außergewöhnlich ein Bildungsurlaub klingen mag, dessen Konzept wird von den Bundesländern inhaltlich geprüft, bevor das Seminar offiziell als Bildungsurlaub anerkannt wird – ein Mehrwert ist also immer gegeben, auch wenn das Seminar nach Spaß klingt. Lernen und Spaß am Lernen schließen einander nicht aus. 

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Viele Beschäftigte wissen schlicht nicht, dass sie einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub haben.

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Warum nehmen denn so wenige Arbeitnehmer Bildungsurlaub, was hält sie ab? 

Lara Körber: Viele Beschäftigte wissen schlicht nicht, dass sie einen gesetzlichen Anspruch darauf haben. Andere fürchten, im Betrieb auf Unverständnis zu stoßen – gerade wenn das gewünschte Seminar danach klingt, als könnte das Lernen dort Spaß machen. Auch Seminare rund um Burnout-Prävention oder körperliche Gesundheit tragen oftmals ein gewisses Stigma. Und letztlich gibt es leider keine gesetzliche Kommunikationspflicht auf Unternehmensseite – diese müssten aktiv über Bildungsurlaub aufklären, anstatt ihn zu verschweigen. Das würde die Hürde bei der Beantragung für viele Beschäftigte senken. 

Wie sind Sie persönlich auf das Thema Bildungsurlaub gestoßen, was war Ihr Auslöser? 

Lara Körber: Auf die Gründungsidee sind wir gekommen, als der Vater meines Mitgründers Anian von seinem Tai-Chi-Bildungsurlaub erzählt hat. Diesen Bildungsurlaub hatte er sich aufgrund seiner anhaltenden Rückenschmerzen ausgesucht. Dort hat er dann Gesundheits- und Bewegungsübungen an die Hand bekommen. Das war der Startschuss für uns: Warum nutzen nicht viel mehr Menschen ihren Anspruch auf Bildungsurlaub? Wieso wissen so wenige davon? Und warum ist die Beantragung so kompliziert? Hier wollten wir anpacken. 2020 sind wir dann passend zum ersten Corona-Lockdown an den Start gegangen – das war nicht einfach. Heute ist Bildungsurlauber.de die größte Plattform für Bildungsurlaub in Deutschland – darüber bin ich sehr dankbar.  

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In den meisten Bundesländern gilt, wer länger als sechs Monate in seinem Unternehmen angestellt ist (auch in Teilzeit), hat ein Recht auf Bildungsurlaub.

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Wie genau kommt man als Arbeitnehmer zu einem Bildungsurlaub, wie läuft das ab? 

Lara Körber: In den meisten Bundesländern gilt, wer länger als sechs Monate in seinem Unternehmen angestellt ist (auch in Teilzeit), hat ein Recht auf Bildungsurlaub. Nur in Bayern gibt es derzeit noch keinen gesetzlichen Anspruch auf Weiterbildung. Dann wählt man eine vom Bundesland als Bildungsurlaub anerkannte Veranstaltung aus. Der Antrag wird in der Regel mehrere Wochen vor Beginn schriftlich beim Arbeitgeber eingereicht, zusammen mit dem offiziellen Anerkennungsbescheid des Kurses. 

Kann der Chef die Teilnahme blockieren oder verhindern? 

Lara Körber: Bildungsurlaub steht Beschäftigten per Gesetz zu. Es gibt nur wenige Gründe, aus denen ein Antrag abgelehnt werden kann: Zum Beispiel, wenn die Beantragungsfrist nicht eingehalten wurde oder betriebliche Gründe dagegensprechen, etwa eine wichtige Projektphase oder Urlaubsanträge von Kollegen. Zudem gelten in manchen Bundesländern Regelungen für Kleinunternehmen, die keinen Bildungsurlaub gewähren müssen, sowie Maximalgrenzen an Beschäftigten, die pro Betrieb jedes Jahr Bildungsurlaub nehmen dürfen. 

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In den meisten Ländern ist kein unmittelbarer beruflicher Bezug erforderlich.

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Muss der Bildungsurlaub in Zusammenhang zu meinem eigentlichen Job stehen? 

Lara Körber: Das hängt vom Bundesland ab. In den meisten Ländern ist kein unmittelbarer beruflicher Bezug erforderlich. Wichtig ist hier nur, dass ein Seminar im eigenen Bundesland offiziell als Bildungsurlaub anerkannt ist. NRW, Hessen und Baden-Württemberg fordern einen mittelbaren Berufsbezug. Allerdings können diese Bedingung auch Seminare rund um die mentale oder körperliche Gesundheit erfüllen, die die Leistungsfähigkeit vom Beschäftigten im Beruf erhalten.  

Ist der Bildungsurlaub an den Wohnort gekoppelt – oder an den Sitz des Arbeitgebers? 

Lara Körber: Maßgeblich ist der Hauptarbeitsort, also das Bundesland, in dem man überwiegend tätig ist. Wer also in Hessen im Home-Office arbeitet, die Firma aber in Schleswig-Holstein sitzt, für den gilt das hessische Bildungsurlaubsgesetz. 

Wie ist es mit den Kosten, wer kommt dafür auf? 

Lara Körber: Während des Bildungsurlaubs wird das Gehalt weitergezahlt – das übernimmt der Arbeitgeber. Die Kursgebühren sowie Reise- und Unterkunftskosten tragen die Arbeitnehmer selbst. Berufsbezogene Seminare lassen sich aber von der Steuer absetzen. 

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Weiterbildung stärkt Fachkompetenzen, fördert Soft Skills und kann die Bindung ans Unternehmen erhöhen.

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Welche Vorteile haben Arbeitgeber von einem Bildungsurlaub? 

Lara Körber: Unternehmen profitieren von motivierten, qualifizierten und oft auch resilienteren Mitarbeitenden. Weiterbildung stärkt Fachkompetenzen, fördert Soft Skills und kann die Bindung ans Unternehmen erhöhen. Gerade Gesundheitsseminare wirken sich positiv auf Leistungsfähigkeit und Fehlzeiten aus. Bildungsurlaub ist aus meiner Sicht eine Investition in die Zukunftsfähigkeit eines Betriebs. 

Nicht alle Kollegen werden begeistert sein – wie spreche ich das Thema im Team am besten an, wenn ich einen Bildungsurlaub plane? 

Lara Körber: Offenheit hilft. Wer frühzeitig informiert und transparent macht, wie Aufgaben in dieser Zeit organisiert werden können, nimmt vielen die Sorge vor Mehrbelastung. Wenn es im Betrieb dennoch als unmöglich empfunden wird, Bildungsurlaub einzuplanen, ist das weniger ein Problem des Instruments selbst, sondern ein Signal für eine zu hohe Arbeitsbelastung im Team. Diese führt früher oder später dann auch zu Fehlzeiten – und damit zu langfristigen, kaum planbaren Personalengpässen. (cbo) 

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