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Studie vs. Schlagzeilen: KI ersetzt Millionen Jobs?

Was die Untersuchungen zur Automatisierung von Jobs für Betriebsräte bedeuten

„Millionen Jobs in Gefahr durch KI“ – solche Schlagzeilen sorgen schnell für Verunsicherung und schüren Ängste. Die Deloitte-Studie „Datenland Deutschland: Jobs der Zukunft“ zeigt jedoch ein anderes Bild: Arbeit verschwindet nicht, sie verändert sich. Was steckt dahinter und wie können Sie als Betriebsrat diesen Wandel aktiv begleiten?

Stand:  5.5.2026
Lesezeit:  02:45 min
Jobs der Zukunft | © stockadobe.com | CHA | KI-generiert

Die Deloitte-Studie macht deutlich, dass viele Schlagzeilen zu dramatisch sind. Statt von massenhaft wegfallenden Jobs auszugehen, schauten die Forscher genauer hin und analysierten rund 1.000 Berufe in etwa 100 Berufsgruppen. Der entscheidende Punkt: Es wurden nicht ganze Jobs bewertet, sondern die einzelnen Aufgaben und Tätigkeiten darin. Dafür nutzte die Studie konkret sechs Schlüsseltechnologien:

  • Data Analytics (Datenanalyse, z. B. Auswertung von Verkaufszahlen oder Krankheitsquoten)
  • Robotik (Einsatz von Maschinen und Robotern, z. B. in der Produktion oder Logistik)
  • Robotic Process Automation (automatisierte Büroprozesse, z. B. automatische Rechnungsprüfung oder Dateneingabe)
  • Machine Learning (selbstlernende Systeme, z. B. Programme, die Muster erkennen und Prognosen erstellen)
  • Natural Language Processing (Sprachverarbeitung, z. B. Chatbots oder automatische E-Mail-Antworten)
  • Computer Vision (Bilderkennung, z. B. Qualitätskontrolle per Kamera oder Gesichtserkennung)

Anhand dieser Technologien wurde geprüft, welche Tätigkeiten in den einzelnen Berufen sich automatisieren lassen und welche nicht. Heraus kommt eine spannende Erkenntnis, nämlich der Anteil an Arbeitszeit, der sich verändern oder durch eine Technologie ersetzt werden könnte. 
Aber das ist noch nicht alles. Gleichzeitig wurde ein zweites Modell einbezogen, das zeigt, wo in Zukunft überhaupt Arbeit gebraucht wird, etwa durch den demografischen Wandel, veränderte Nachfrage nach Produkten oder wirtschaftliche Entwicklungen bis 2035.  Ein Teil der Aufgaben verschwindet, aber an anderer Stelle entsteht neue Arbeit. Das heißt, Jobs lösen sich nicht einfach auf, sie verändern sich Schritt für Schritt. 

Bis 2035 wird die Beschäftigung in Deutschland insgesamt steigen – um rund 1,3 Millionen Jobs.

Mehr Jobs – aber andere

Entgegen vielen Befürchtungen kommt die Studie zu einem klaren Ergebnis: Bis 2035 wird die Beschäftigung in Deutschland insgesamt steigen – um rund 1,3 Millionen Jobs. Gleichzeitig verschiebt sich die Arbeit deutlich. Ein Teil der heutigen Tätigkeiten wird automatisiert, aber längst nicht alles. Laut Studie sind nur etwa 35 % der Arbeitszeit technisch automatisierbar, während rund 65 % weiterhin menschliche Fähigkeiten erfordern. Es geht mit dem Blick in die Zukunft nicht um einen flächendeckenden Jobabbau, sondern um einen Umbau von Arbeit. Routinetätigkeiten nehmen ab, dafür wachsen Aufgaben, die Kommunikation, Problemlösung und Zusammenarbeit verlangen. Besonders gefragt bleiben damit Fähigkeiten wie Empathie, Kreativität und der Umgang mit Menschen.

Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, denn aktuell erleben wir in vielen Branchen einen spürbaren Stellenabbau. Unternehmen reagieren kurzfristig auf wirtschaftlichen Druck, Strukturveränderungen oder Produktivitätsgewinne durch Digitalisierung. Tätigkeiten fallen oft schneller weg, als neue entstehen. Die Studie zeigt jedoch die langfristige Entwicklung: Während an manchen Stellen Jobs verschwinden, entstehen an anderer Stelle neue – häufig mit anderen Anforderungen.

Vor allem „menschliche“ und komplexe Tätigkeiten gehören zu den Gewinnern der Arbeitswelt von morgen

Ohne Mensch geht es auch in Zukunft nicht

Die Studie zeigt, dass vor allem „menschliche“ und komplexe Tätigkeiten zu den Gewinnern der Arbeitswelt von morgen gehören. 

Zukunftssichere Jobs zeichnen sich durch drei zentrale Merkmale aus:

  • Hohe Interaktion: viel Zusammenarbeit und Austausch mit anderen Menschen
  • Denken und Problemlösen: analysieren, bewerten und Entscheidungen treffen
  • Wissensintensität: Fachwissen anwenden und kontinuierlich weiterentwickeln

Das betrifft z.B. Bereiche wie das Gesundheitswesen, wo Pflegekräfte oder Therapeuten nicht nur medizinisches Wissen brauchen, sondern täglich mit Menschen arbeiten und individuell entscheiden müssen. Ähnlich ist es in der Bildung. Lehrkräfte vermitteln nicht nur Inhalte, sondern begleiten Lernprozesse, reagieren auf unterschiedliche Bedürfnisse und fördern Entwicklung. Auch im Management oder in der Organisation geht es zunehmend darum, komplexe Abläufe zu steuern, Teams zu koordinieren und Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.
Gleichzeitig verlieren klassische Routinetätigkeiten an Bedeutung. Aufgaben wie standardisierte Dateneingaben, einfache Buchungen oder repetitive Produktionsschritte lassen sich zunehmend automatisieren. Das verändert die Arbeit spürbar. Ein Sachbearbeiter prüft nicht mehr nur Formulare, sondern bewertet Ausnahmen und trifft Entscheidungen. Ein Industriemechaniker arbeitet nicht mehr nur an der Maschine, sondern überwacht digitale Prozesse und greift bei Störungen ein.  Häufig entstehen neue Rollen, in denen Mensch und Technologie eng zusammenarbeiten, etwa wenn ein HR-Mitarbeiter KI-gestützte Analysen nutzt, um Personalentscheidungen besser vorzubereiten. 
Kurz gesagt: Je komplexer, kommunikativer und menschlicher eine Tätigkeit ist, desto besser sind ihre Zukunftsaussichten.

Der Wandel der Arbeitswelt lässt sich nicht aufhalten, aber er lässt sich gestalten

Was bedeutet das konkret für Betriebsräte?

Der Wandel der Arbeitswelt lässt sich nicht aufhalten, aber er lässt sich gestalten. Genau hier haben Sie als Betriebsrat die Chance, gemeinsam mit der Geschäftsleitung und der Belegschaft frühzeitig zu erkennen, wo sich Tätigkeiten verändern werden. Statt erst zu reagieren, wenn Stellen wegfallen oder neue Systeme eingeführt sind, können Sie in Ihrer Rolle als Betriebsrat aktiv in die Analyse einsteigen. Es geht langfristig nicht darum, jeden einzelnen Arbeitsplatz zu „retten“, sondern darum, alle Beschäftigte gut durch den Wandel zu begleiten und neue Perspektiven für stark automatisierte Routineberufe zu schaffen. Ein sinnvoller Ansatz ist, Tätigkeitsprofile frühzeitig systematisch zu prüfen, besonders dort, wo viele Routinen enthalten sind. Beispiel: In der Sachbearbeitung werden künftig Teile der Datenerfassung oder Prüfung automatisiert. In der Produktion übernehmen Maschinen bestimmte Abläufe. Sie könnten hier gemeinsam mit den Fachbereichen und der Geschäftsleitung klären:

  • Welche Aufgaben fallen voraussichtlich weg?
  • Welche bleiben bestehen?
  • Welche neuen Tätigkeiten entstehen?

Darauf aufbauend lassen sich konkrete Vorschläge entwickeln, noch bevor Veränderungen umgesetzt werden. Etwa: Ein Sachbearbeiter, der bisher hauptsächlich prüft, wird künftig stärker in Ausnahmen, Kundenkommunikation oder Prozessverbesserung eingebunden. Ein Produktionsmitarbeiter wird frühzeitig für die Überwachung digitaler Anlagen oder für Wartung und Steuerung qualifiziert. Beschäftigung zu sichern bedeutet also auch, Beschäftigungsfähigkeit zu sichern. 

Veränderung bringt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen

Entscheidend ist, wie wir mit den Veränderungen umgehen

Auch wenn uns die täglichen Schlagzeilen verunsichern und der Druck in vielen Unternehmen spürbar ist, lohnt sich ein zweiter Blick. Veränderung bringt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Vielleicht hilft uns dabei ein Blick zurück: Als E-Mail und Internet in die Büros einzogen, war die Skepsis groß. Der Informatiker Joseph Weizenbaum nannte das Internet einmal einen „stinkenden Misthaufen mit ein paar wertvollen Perlen“ und war überzeugt, dass man einen Brief mit Stift schneller schreibt. Ganz falsch lag er damit nicht, wirklich papierlos arbeiten viele Unternehmen erst seit wenigen Jahren. Und trotzdem ist heute klar, wie stark das Internet unsere Arbeit verändert und auch neue Jobs geschaffen hat.
Genau darin liegt die eigentliche Botschaft für heute. Entscheidend ist nicht, ob sich Arbeit verändert, sondern wie wir damit umgehen. Sie als Betriebsrat können dazu beitragen, den Wandel so zu gestalten, dass neue Perspektiven entstehen. Optimistisch zu bleiben heißt dabei nicht, Probleme zu ignorieren, sondern die Entwicklung bewusst mitzugestalten. (sw)

 

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