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„Standorte hätten gerettet werden können!“

© Frank Meckes
Stand:  27.5.2024
Lesezeit:  03:30 min
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Landliebe-Werke in Heilbronn und Schefflenz schließen – über 400 Mitarbeiter betroffen

Die Horrormeldung für die Mitarbeiter von Landliebe kam Anfang 2024: Die beiden letzten Werke in Heilbronn und Schefflenz sollen bis Sommer 2026 ihren Betrieb einstellen – angeblich seien sie nicht mehr rentabel. Damit stehen über 400 Beschäftigte vor einer ungewissen Zukunft. Dabei hätten die Standorte gerettet werden können, davon ist Frank Meckes, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), überzeugt. Im Interview spricht er über die vielen Fehler, die gemacht wurden und darüber, wie er gemeinsam mit dem Landliebe-Betriebsrat um einen Sozialplan kämpft.

Kurzer Rückblick: 

Am 22. Februar 2023 hat das Bundeskartellamt der Übernahme der renommierten Marke „Landliebe“ vom niederländischen Milchkonzern FrieslandCampina durch die Unternehmensgruppe Theo Müller zugestimmt. Auf den Tag genau ein Jahr später hat der neue Besitzer angekündigt, die beiden verbliebenen Landliebe-Werke in Heilbronn und Schefflenz bis zum Sommer 2026 schließen zu wollen, da die Produktion an andere Standorte des Unternehmens verlagert wird. Über 400 Mitarbeiter müssen sich nach neuen Arbeitsplätzen umsehen. Aus Unternehmenskreisen heißt es Medienberichten zufolge, die Werke seien nicht mehr rentabel, was die Schließung unvermeidlich mache. Eine harte Entscheidung angesichts von weltweit über 32.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro (2022). Frank Meckes von der NGG ist überzeugt, dass die Schließungen der Standorte von langer Hand geplant waren. Gemeinsam mit dem Betriebsrat kämpft er nun um einen Sozialplan, schließlich wurde „Landliebe Heilbronn“ erst im Juni 2023 ins Handelsregister eingetragen. Aufgrund einer vierjährigen „Schonfrist“ könnte der Konzern also Sozialplan-Leistungen verweigern.

Frank, ganz direkt: Hätte der Landliebe-Standort in Heilbronn gerettet werden können? 

Frank Meckes: Ich bin überzeugt davon, obwohl diese Frage nicht in ein paar Sätzen zu beantworten ist. Die vielen unternehmerischen Fehler sind aus meiner Sicht bereits beim Vorgängerunternehmen, der FrieslandCampina, entstanden. Über Jahre hinweg wurden erfolgreiche Produkte und die Marke Landliebe auf Verschleiß gefahren. 

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Über Jahre hinweg wurden erfolgreiche Produkte und die Marke Landliebe auf Verschleiß gefahren.

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Was meinst Du mit „auf Verschleiß gefahren“? 

Frank Meckes: Zu wenig schlagkräftige Innovationen gepaart mit kaum vorhandenen Marketingaktivitäten in die margenträchtige Marke Landliebe sorgen nicht gerade für ein erhöhtes Kaufverlangen beim Verbraucher. Ein völlig aus dem Verhältnis geratener Produktionsmix zwischen Markenartikeln und Handelsmarken zerschießt jegliche betriebswirtschaftliche Kostenkalkulation. Da gewinnt man aus der Ferne den Eindruck: „Solange die Zitrone noch Saft gibt, wird gepresst.“ Und anschließend, wenn Manager mit ihren Ideen am Ende sind, wird der ganze Laden verkauft. Dass es dabei um Menschen geht, die sich über Jahrzehnte in den Dienst der Standorte gestellt haben und jetzt die Leidtragenden sind, scheint bei dem Deal niemanden interessiert zu haben.

Der Betriebsrat hat einige Vorschläge gemacht, ist unter anderem an einen Investor herangetreten. Warum stieß das Gremium auf „taube Ohren“? 

Frank Meckes: Die Unternehmensgruppe Theo Müller hatte von vornherein einen Verkauf der Marke Landliebe sowie einen Verkauf des Standorts Heilbronn an einen direkten Mitbewerber ausgeschlossen. Diese Aussage wurde im Verlauf der Verhandlungen auch auf mögliche Interessenten des Handels ausgeweitet. Durch diese unternehmerische Vorgabe gab es keine Chance, den Standort Heilbronn zu erhalten.

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Damit Standortschließungen verhindert werden können, braucht es nun mal einen beidseitigen Willen von Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung.

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Du glaubst also, die Schließung der Standorte war bereits bei der Übernahme von der Müller-Gruppe geplant? 

Frank Meckes: Davon bin ich nach wie vor überzeugt und ich sehe mich nach den Verhandlungen zum Alternativkonzept in meiner Wahrnehmung bestärkt. Damit Standortschließungen verhindert werden können, braucht es – neben gut ausgearbeiteten alternativen Konzepten – nun mal einen beidseitigen Willen von Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung. 

Was werft Ihr der Geschäftsleitung konkret vor? 

Frank Meckes: Nach unseren Erkenntnissen sind über viele Jahre vom Vorbesitzer FrislandCampina grobe Fehler gemacht worden, die die Standorte wirtschaftlich unter Druck gebracht haben. Ein Grund, warum von der Müller-Gruppe wesentliche Punkte aus dem Alternativkonzept nicht angenommen wurden, ist, dass sich keine schnellen wirtschaftlichen Erfolge einstellen würden. Von einem verantwortungsvollen Arbeitgeber, der mit seiner unternehmerischen Entscheidung über 400 Menschen um ihre berufliche Existenz bringt, hätte ich erwartet, dass die wirtschaftlichen und zukunftsfähigen Chancen des Alternativkonzeptes nicht als „Kurzstreckensprint“ betrachtet werden, sondern hier die notwendige Ausdauer an den Tag gelegt wird.

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Aus meiner Sicht besteht daher hinsichtlich einer Abkehr der Schließungsabsichten keine Hoffnung mehr.

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Gibt es noch Hoffnung?

Frank Meckes: Die Unternehmensgruppe hat klargestellt, dass kein Interesse zur Umsetzung der alternativen Vorschläge des Betriebsrats besteht. Das Alternativkonzept wurde vom Grundsatz als nicht zukunftsfähig abgelehnt. Aus meiner Sicht besteht daher hinsichtlich einer Abkehr der Schließungsabsichten keine Hoffnung mehr.

Was passiert jetzt mit den Beschäftigten? 

Frank Meckes: Der Betriebsrat hat bereits begonnen, mit dem Arbeitgeber Regelungspunkte eines Sozialplans zu erstellen. Dies ist insofern eine große Anstrengung, da sich die Landliebe GmbH gleich zu Beginn auf den Schutz des § 112a Abs. 2 BetrVG berufen hat und der Auffassung war, keinen verpflichtenden Sozialplan eingehen zu müssen. Von dieser Meinung ist der Arbeitgeber nach meinem aktuellen Wissensstand aus verschiedenen Gründen auf Distanz gegangen. Möglicherweise auch darum, weil wir diesen Vorgang in der Öffentlichkeit skandaliert haben. Wenngleich sich der Arbeitgeber auch hier zwischenzeitlich anders positioniert, spiegelt genau das meiner Meinung nach die grundsätzliche unternehmerische Einstellung wider.

Wie kann man sich Eure Rolle als Gewerkschaft in dem gesamten Prozess vorstellen? 

Frank Meckes: Zwischen Betriebsrat und Gewerkschaft NGG besteht seit Jahrzehnten eine vertrauensvolle und gut organisierte Zusammenarbeit. Wir sind im Betrieb stark präsent und das hat sich in der Vergangenheit für die Beschäftigten hinsichtlich sehr guter Tarifverträge ausgezahlt. Unsere Rolle war, neben der Begleitung des Betriebsrats bei den Verhandlungen, die Organisation der öffentlichen Arbeit, Pressemeldungen herausgeben, Petitionen starten und verwalten sowie Kundgebungen organisieren. Vor allem aber: Vertrauter Ansprechpartner der Beschäftigten bei allen arbeits- und sozialrechtlichen Fragen zu sein. (tis) 

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