„Betriebsrat heißt, Verantwortung für den ganzen Betrieb zu übernehmen“

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Stand:  7.7.2026
Lesezeit:  04:30 min
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Thorsten Ratberg, neuer BRV der S-Bahn München, über die Herausforderungen zwischen Wirtschaftlichkeit und Mitarbeiterschutz

Seit Mai 2026 steht Thorsten Ratberg an der Spitze des Betriebsrats der S-Bahn München. Im Interview spricht er darüber, warum Vertrauen im Gremium aktuell das wichtigste Thema ist, wie sich die Personalsituation entspannt hat und weshalb seiner Meinung nach Betriebsratsarbeit heute etwas anders aussieht als früher. 

Thorsten Ratberg | © Thorsten Ratberg

Thorsten Ratberg

Thorsten Ratberg ist seit Mai 2026 Betriebsratsvorsitzender der S-Bahn München und ist in seiner zweiten Amtszeit im Gremium. Zuvor war er vier Jahre stellvertretender Vorsitzender sowie Leiter des Arbeitszeit- und Sozialausschusses. Beruflich kommt er aus der Einsatzplanung und Disposition. Seit 2022 ist er weitgehend für die Betriebsratsarbeit freigestellt.

Thorsten, Du bist seit 2022 bei der S-Bahn München im Betriebsrat und seit Kurzem Betriebsratsvorsitzender. Welche Themen stehen aktuell ganz oben auf eurer Agenda?

Thorsten Ratberg: Wir sind ehrlich gesagt noch ein Stück weit in der Findungsphase. Es sind neue Kolleginnen und Kollegen dazugekommen und wir haben bei uns die Besonderheit, dass mehrere Listen und zwei große Gewerkschaften vertreten sind. Da gibt es wie in der Politik unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Im Moment geht es deshalb vor allem darum: Wie finden wir zusammen? Wie stellen wir Mehrheiten her? Und wie bauen wir Vertrauen auf? Ich bin jemand, der sehr transparent arbeiten und alle einbinden will. 

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Ich bin jemand, der sehr transparent arbeiten und alle einbinden will.

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Von außen wird viel über Pünktlichkeit und Infrastruktur bei den Bahnen diskutiert: Was sind aus Deiner Sicht die eigentlichen Betriebsratsthemen?

Thorsten Ratberg: Diese öffentlichen Themen sind für uns Alltag, aber sie beschäftigen uns nicht im Kern. Vieles davon liegt gar nicht im Einfluss der S-Bahn selbst. Unser Fokus liegt eher auf den internen Auswirkungen, zum Beispiel auf den Planungsabteilungen. Durch kurzfristige Baustellen müssen Schichten ständig umgeplant werden und da kommen wir mit den Kapazitäten an Grenzen. Genau da schauen wir: Wie können wir entlasten? Das ist für uns viel relevanter.

Die öffentlichen Debatten lassen Dich also eher kalt?

Thorsten Ratberg: Wir ordnen das schon realistisch ein. Medien müssen verkaufen, da werden Themen oft zugespitzt und das, was dahinter steckt, wird gar nicht erklärt. Ich bin seit 36 Jahren bei der Bahn, mich stört das nicht. Für mich ist es nach wie vor das verlässlichste Verkehrsmittel. Und ich glaube, so sehen das viele bei uns.

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Das ist ein Erfolg, der in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat entstanden ist.

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Stichwort Personal: Hat sich die Situation in den letzten Jahren verbessert?

Thorsten Ratberg: Ja, und zwar deutlich. Es gab eine große Recruiting-Offensive, da wurde viel Geld in die Hand genommen. Stand heute sind wir erstmals in einer Phase, in der wir einen ausgeglichenen Personalstand haben – sogar leicht darüber. Das ist ein Erfolg, der in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat entstanden ist.

Seit Mai 2026 ist Thorsten Ratberg Betriebsratsvorsitzender der S-Bahn München.

Dennoch dürfte es weitere Herausforderungen für den Betriebsrat geben …

Thorsten Ratberg: Die gibt es immer. Durch den ausgeglichenen Personalstand fallen zum Beispiel Zusatzdienste weg, mit denen Kolleginnen und Kollegen früher Geld verdient haben. Das ist dann gewissermaßen die andere Seite der Medaille. Gleichzeitig müssen wir schauen, dass wir die Planung entlasten und Strukturen schaffen, die auch in Zukunft tragen. Da sind wir gefordert, gemeinsam mit dem Arbeitgeber Lösungen zu finden.

Eines der meistbeachteten Projekte Deutschlands ist der Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke in München. Wie bewertest Du dies aus Betriebsratssicht?

Thorsten Ratberg: Ich mache mir da ehrlich gesagt keine großen Sorgen. Es wird sehr viel dafür getan, dass zum Start alles steht – personell und organisatorisch – und im Grunde nur noch auf den Knopf gedrückt werden muss. Natürlich kann es anfangs technische Probleme geben wie bei jedem großen Projekt. Beim Personal sehe ich uns gut vorbereitet. 

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Natürlich auch mit dem Ziel, dass keine Arbeitsplätze verloren gehen, sondern die Kolleginnen und Kollegen weiterqualifiziert werden.

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Ein anderes Thema ist die Digitalisierung: Wie begleitet Ihr als Betriebsrat diesen Wandel?

Thorsten Ratberg: Wir sind als Betriebsrat immer eingebunden, wenn sich etwas verändert. Ein konkretes Beispiel: Es wurde ein zusätzlicher Fortbildungstag eingeführt, der sich nur mit den dienstlichen Endgeräten und Anwendungen beschäftigt. Das ist ein großer Mehrwert, weil sich viele Beschäftigte sonst schwer tun. Gleichzeitig laufen erste KI-Anwendungen, etwa in der Leitstelle. Das ist alles noch in Entwicklung, aber wir begleiten das eng. Natürlich auch mit dem Ziel, dass keine Arbeitsplätze verloren gehen, sondern die Kolleginnen und Kollegen weiterqualifiziert werden. 

Konflikte zwischen Fahrgästen und Personal nehmen zu – was kann der Betriebsrat tun?

Thorsten Ratberg: Zunächst: Jeder Übergriff ist einer zu viel! Es wird mittlerweile viel getan, beispielsweise mit Bodycams oder technischen Lösungen. Wir als Betriebsrat begleiten und sensibilisieren, entscheidend ist für mich allerdings Führung. Führungskräfte müssen nah dran sein, die Mitarbeiter mitnehmen und ihnen erklären, wie sie zwischen Wirtschaftlichkeit und Eigenschutz agieren. Das ist der Schlüssel. Komplett lösen lässt sich die Thematik nicht, aber man kann die Kolleginnen und Kollegen stärken.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber generell?

Thorsten Ratberg: Es ist wie überall: Wir verhandeln. Ich schaue immer, was braucht die andere Seite, was brauchen wir und versuche, sachlich Lösungen zu finden. Mir ist wichtig, dass wir auf Augenhöhe miteinander umgehen. Das klappt aus meiner Sicht gut. Wir haben ein gutes Verhältnis und bewegen und innerhalb unserer jeweiligen Leitplanken. Seit ich dabei bin, gab es sehr wenige Einigungsstellen, das war davor ganz anders. 

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Wir müssen uns auf dem Niveau von HR und Geschäftsleitung bewegen, sonst verlieren wir den Anschluss.

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Was macht für Dich erfolgreiche Betriebsratsarbeit aus?  

Thorsten Ratberg: Meiner Meinung nach hat sie sich stark verändert. Es geht nicht mehr nur darum, Dienstpläne zu prüfen. Für mich ist die wichtigste Aufgabe, die Mitarbeiter in ihrer Entwicklung zu unterstützen, sie zu ermutigen, neue Wege zu gehen. Gleichzeitig müssen wir uns als Betriebsrat selbst professionalisieren. Mit Verhandlungstraining, Kommunikation und Know-how zur Digitalisierung. Wir müssen uns auf dem Niveau von HR und Geschäftsleitung bewegen, sonst verlieren wir den Anschluss. 

Welche Entwicklungen würdest Du Dir ganz konkret für den Betriebsrat der S-Bahn München wünschen?

Thorsten Ratberg: Dass wir unseren Weg weitergehen. Dass wir als Betriebsrat modern aufgestellt sind und die gesamte Organisation im Blick behalten. Es geht nicht nur um die Mitarbeiter, sondern darum, dass der gesamte Betrieb funktioniert. Wenn es dem Betrieb gut geht, geht es auch den Menschen gut und umgekehrt. Dieses Verständnis ist für mich zentral. (tis) 

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