Seit fünf Wahlperioden vertritt Mathias Greulich die Beschäftigten als Ein-Mann-Betriebsrat
18 Beschäftigte, ein Betriebsrat: Mathias Greulich vertritt die Kollegen an seinem Standort seit fünf Wahlperioden allein. Im Gespräch berichtet er von schwierigen Entscheidungen, der Bedeutung guter Netzwerke und davon, warum Betriebsratsarbeit auch in kleinen Betrieben viel bewegen kann.
Mathias, ehrliche Frage: Fühlt man sich als Ein-Mann-Betriebsrat nicht manchmal einsam?
Mathias Greulich: Nein, überhaupt nicht. In meinem Gremium bin zwar nur ich, aber einsam bin ich definitiv nicht. Im Gegenteil: Ich bin sehr nah am Team und an den Menschen, die ich vertrete. Das ist aus meiner Sicht einer der größten Vorteile eines Ein-Personen-Betriebsrats. Natürlich muss ich viele Dinge mit mir selbst ausmachen, aber ich sammle Meinungen ein, hole Rückmeldungen und frage nach, wie die Stimmung im Team ist. Das ist bei 18 Personen nicht besonders schwer. Außerdem habe ich eine offene Tür. Wenn ich im Büro bin, kommen ständig Kollegen vorbei, erzählen von Problemen, Wünschen oder Ideen. Die Arbeit ist deshalb alles andere als einsam.
Die Nähe zur Belegschaft hat also auch unmittelbare Auswirkungen auf die Rolle des Betriebsrats?
Mathias Greulich: Ja, durchaus. Mit der Zeit bin ich für viele so etwas wie ein „Kummerkasten“ geworden. Die Leute kommen nicht nur mit Themen aus dem Arbeitsalltag, sondern schon mal mit privaten Anliegen. Kollegen haben mal scherzhaft gesagt, ich solle lieber ein Sofa statt eines Schreibtischs ins Büro stellen. Irgendwann habe ich das Thema professionalisiert und die ifb-Ausbildung zum Mediator gemacht. Heute unterstütze ich bundesweit im Unternehmen bei Konfliktbearbeitungen.
Wer so nah an den Menschen ist, bekommt vermutlich auch Kritik direkt mit.
Mathias Greulich: Ja, und das finde ich grundsätzlich positiv. Wir haben eine sehr konstante Belegschaft, viele kennen sich seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten. Die Kritik ist deshalb ehrlich und direkt. Natürlich wünschen sich Menschen unterschiedliche Dinge, manchmal Gegensätzliches – das ist bei uns nicht anders als in der Gesellschaft insgesamt. Aber die Kollegen sagen offen, wenn sie etwas anders sehen oder sich Veränderungen wünschen. Damit kann ich gut umgehen.
Wo liegen die größten Herausforderungen, wenn man Entscheidungen allein treffen muss?
Mathias Greulich: Eine ist mir bis heute in Erinnerungen geblieben, das war kurz nach meiner ersten Wahl. Etwa einen Monat später ging es bereits um Personalabbau, das war ein harter Einstieg ins Betriebsratsleben. Ich musste sehr schnell lernen, dass man nicht alles verhindern kann. Gleichzeitig musste ich vertraulich mit Informationen umgehen und durfte keine unnötige Unruhe erzeugen. Ich habe mit den Betroffenen gesprochen, aber immer innerhalb der Grenzen dessen, was möglich war. Das war wahrscheinlich die schwierigste Phase meiner bisherigen Betriebsratszeit.
In größeren Gremien kann man sich austauschen. Wie wichtig ist Dir deshalb ein gutes Netzwerk?
Mathias Greulich: Das ist enorm wichtig. Am Anfang haben mir vor allem Betriebsräte der anderen Standorte geholfen. Mit einigen habe ich begonnen, intensiver zusammenzuarbeiten und Themen gemeinsam zu diskutieren. Daraus ist über die Jahre ein stabiles Netzwerk entstanden. Im Gesamtbetriebsrat hat sich das weiter verstärkt. Auch Schulungen haben dabei eine große Rolle gespielt. Tatsächlich gibt es Menschen, die ich vor 14 oder 15 Jahren auf Seminaren kennengelernt habe und mit denen ich bis heute regelmäßig im Austausch bin.
Mal ganz direkt: Braucht ein Standort mit 18 Beschäftigten überhaupt einen Betriebsrat?
Mathias Greulich: Diese Frage müssten wahrscheinlich eher meine Kollegen beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich durch meine Arbeit im Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat viele Möglichkeiten hatte, Dinge zu bewegen. Dadurch entstehen Kontakte bis hin zur Geschäftsführungsebene, die man sonst vielleicht nie hätte. Wir konnten beispielsweise Verbesserungen bei den Büroräumen oder der Ausstattung sowie verschiedenen Leistungen für die Beschäftigten erreichen. Vor anderthalb Jahren sind wir an einen neuen Standort umgezogen, dort konnten wir sogar bei der Gestaltung der Räumlichkeiten mitreden.
Wie organisierst Du Deine Arbeit, wenn im Grunde alle Themen bei einer Person zusammenlaufen?
Mathias Greulich: Zunächst einmal reserviere ich mir feste Zeitfenster für die Betriebsratsarbeit. Meistens nutze ich dafür den Freitag, weil dann in meinem eigentlichen Job weniger Anfragen hereinkommen. Inhaltlich orientiere ich mich stark an den Themen der Kollegen. Wir treffen uns regelmäßig und sprechen über alles, was die Belegschaft beschäftigt. Viele grundlegende Dinge haben wir in den vergangenen Jahren bereits geregelt, etwa zur Arbeitszeit, zur Wiedereingliederung langzeiterkrankter Beschäftigter oder zur Weiterbildung. Deshalb geht es heute häufig darum, bestehende Regelungen weiterzuentwickeln und auf neue Anforderungen zu reagieren.
Du bist mittlerweile in Deiner fünften Wahlperiode: Was hat Dich an der Betriebsratsarbeit am meisten überrascht?
Mathias Greulich: Die Themenvielfalt. Was alles beim Betriebsrat landet, hat mich wirklich überrascht. In den Betriebsrat gekommen bin ich damals, als unser eigentümergeführtes Unternehmen an einen amerikanischen Konzern verkauft wurde. Aus meiner Sicht begann damals eine schwierige Phase. Es wurde weniger investiert, stärker auf Rendite geschaut und viele Themen blieben liegen. Deshalb haben wir uns am Standort gefragt, was wir tun können. Ich bin damals mit vielen Vorstellungen gestartet und musste erst lernen, wo man tatsächlich Einfluss hat.
Gab es einen Moment, in dem Du dachtest: Genau deshalb lohnt sich dieses Ehrenamt?
Mathias Greulich: Davon gab es einige. Besonders wichtig war, dass wir in schwierigen Unternehmensphasen bei Interessensausgleichen und Sozialplänen gute Lösungen erreichen konnten. Ein sehr prägender Erfolg war auch ein Vorgang im vergangenen Jahr: Damals sollte ein Betriebsteil an ein anderes Unternehmen übergehen. Durch gute Argumente konnten wir das verhindern. Allein für solche Momente lohnt sich das Engagement.
Was wünscht Du Dir für die Zukunft?
Mathias Greulich: Zum einen wünsche ich mir einen Nachfolger. Ich bin heute 61 Jahre alt und mir ist bewusst, dass ich wahrscheinlich keine weitere vollständige Amtszeit mehr machen werde. Deshalb hoffe ich, jemanden zu finden, der Verantwortung übernimmt und das, was aufgebaut wurde, weiterführt. Zum anderen beschäftigt mich weiterhin die Unternehmenskultur. Wir haben viele gute Führungskräfte, aber wir haben auch Bereiche, in denen noch Luft nach oben ist. Wenn wir es schaffen, Führungskräfte noch gezielter nach ihren Fähigkeiten auszuwählen und weiterzuentwickeln, dann können viele Probleme vermieden werden, bevor sie überhaupt entstehen. Das ist für mich ein wichtiges Ziel für die kommenden Jahre. (tis)
Kontakt zur Redaktion
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Wenden Sie sich gerne direkt an unsere Redaktion. Wir freuen uns über konstruktives Feedback!
