„Ruhige Zeiten? Kenne ich als Betriebsratsvorsitzende nicht!“

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Stand:  5.5.2026
Lesezeit:  04:00 min
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Dauerkrisen, Solidarität und gelebte Demokratie: Simone Krämer ist BRV eines Automobilzulieferers

Weltwirtschaft, Transformation der Automobilindustrie, Standortschließungen: Für viele Betriebsräte aus der Autobranche ist der Krisenmodus längst Alltag. Simone Krämer kennt im Grunde nichts anderes. Sie ist seit 2020 Betriebsratsvorsitzende des gemeinsamen Betriebsrats dreier Standorte des Automobilzulieferunternehmens Musashi. Im Gespräch berichtet sie, wie ihr Gremium Sicherheit schafft, warum Zusammenhalt der größte Erfolg ist und weshalb sie trotz allem leidenschaftlich gerne Betriebsrätin ist. 

Simone Krämer | © IG Metall

Simone Krämer

Simone Krämer ist gelernte Maschinenschlosserin und arbeitet bei Musashi, einem Automobilzulieferbetrieb an der Nahe, wo sie nach Stationen in der Produktion im Qualitätsmanagement gelandet ist. Erste Erfahrungen in der Interessensvertretung sammelte sie bereits in der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Seit 2018 gehört sie dem Betriebsrat an, seit 2020 ist sie Vorsitzende des gemeinsamen Betriebsrats für drei Standorte mit rund 1.000 Beschäftigten sowie Mitglied im Konzernbetriebsrat.

Simone, Du bist seit 2018 Betriebsrätin, seit 2020 Betriebsratsvorsitzende bei Musashi, einem Automobilzulieferer. Bist Du seither im Krisenmodus?

Simone Krämer: Das kann man wohl so sagen. Wir hatten nicht nur mehrere interne Tarifverträge, sondern natürlich die Coronakrise und aktuell ist bekanntermaßen immer irgendwas los. Ruhige Zeiten als Vorsitzende kenne ich ehrlich gesagt nicht.

In den Medien war zuletzt viel über Werksschließungen und Stellenabbau zu lesen. Wie ist die Lage aktuell?

Simone Krämer: Für uns hier an der Nahe sieht es im Moment ganz gut aus. Wir haben einen Sicherungs- und Beteiligungstarifvertrag abgeschlossen, der konzernweit gilt. Zwei Standorte werden leider trotzdem geschlossen, die konnten wir nicht retten. Lokal profitieren wir davon sogar, da Produkte von anderen Standorten zu uns verlagert werden. Das wiederum bedeutet Arbeit, weil da ein ganzer Rattenschwanz dranhängt, von Qualitätssicherung bis zur Kundenzufriedenheit. Und natürlich merken wir die Weltwirtschaft. Die Belegschaft ist gebeutelt, da braucht man sich nichts vormachen. Gerade deshalb war der Tarifvertrag für uns so wichtig. Er gilt drei Jahre, das heißt: drei Jahre Sicherheit. Das war das zentrale Anliegen, das uns von den Kollegen für die Verhandlungen weitergegeben wurde. 

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Die Belegschaft ist gebeutelt, da braucht man sich nichts vormachen.

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Welche Rolle spielt dabei die regionale Bedeutung des Unternehmens?

Simone Krämer: Eine sehr große, wir sind hier an der Nahe nämlich der größte Arbeitgeber. Wenn hier etwas schiefläuft, betrifft das nicht nur die Beschäftigten, sondern die ganze Region – vom Bäcker bis zum Metzger. Dieses Bewusstsein ist bei uns immer präsent. Klar, wir geben mit dem Tarifvertrag auch etwas, dafür haben wir jetzt erst einmal Ruhe und Sicherheit.

Was habt Ihr als Betriebsrat in der derzeitigen Krise, die ja im Grunde die gesamte Autoindustrie betrifft, bewegen können?

Simone Krämer: Unsere große Stärke war und ist, dass wir uns deutschlandweit nicht haben spalten lassen, was der Arbeitgeber mehrfach erfolglos versucht hat. Natürlich knirscht es schon mal und wir geraten aneinander, am Ende waren wir jedoch immer solidarisch. Ganz konkret: Unsere Standorte haben weiterhin auf eine tarifliche Zusatzleistung verzichtet, die wir ohnehin bereits abgegeben hatten. Damit konnten Beschäftigte an anderen Standorten, die schließen müssen, bessere Abfindungen bekommen. Darüber hinaus konnten wir an einem nördlichen Standort massive Einschnitte verhindern. Dort sollte die Belegschaft fast halbiert werden, im Raum stand sogar die Schließung. Wir haben hier viele Arbeitsplätze retten können.

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Mitbestimmung ist nun mal gelebte Demokratie.

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Wie stark ist der Druck auf Euch Betriebsräte aktuell?

Simone Krämer: Der Druck wächst, das sieht man auch politisch. Es gibt Strömungen, die Mitbestimmung ablehnen und Dinge wie das Streikrecht einschränken wollen. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass diese Haltung natürlich ebenso in Belegschaften vertreten sind, wird klar, wie wichtig unsere Arbeit ist. Mitbestimmung ist nun mal gelebte Demokratie. Wir sorgen für faire Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und Sicherheit.

Du bist gerade wiedergewählt worden: Was nimmst Du Dir für die neue Amtszeit vor?

Simone Krämer: Erstmal den neuen Tarifvertrag mit Leben zu füllen. Wir haben darin sogar zusätzliche Mitbestimmungsrechte verankert, etwa in einem zentralen Steuerungs- und Lenkungskreis. Außerdem beschäftigen uns aktuell die Produktverlagerungen. Das ist ein großes Thema, weil daran Arbeitsplätze hängen. Ein Dauerbrenner bleibt davon abgesehen die Entgeltgerechtigkeit. Wir sind ein großes Unternehmen, kümmern uns mit dem Betriebsrat um drei Standorte, aber nicht überall läuft es gleich gut. Da müssen wir ran, damit es fair und nachvollziehbar wird. Langweilig wird es auf keinen Fall.

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Ich finde es nicht okay, wenn Menschen übergangen oder unfair behandelt werden.

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Auch wenn es turbulent ist, warum bist Du gerne Betriebsrätin?

Simone Krämer: Weil ich Ungerechtigkeiten – auf gut Deutsch – nicht abkann. Ich finde es nicht okay, wenn Menschen übergangen oder unfair behandelt werden. Mir ist wichtig, dass die Kollegen gerne zur Arbeit kommen. Früher hat man mit Stolz gesagt: „Ich schaff‘ beim Hay.“ (Vorgängerbetrieb von Musashi/Anm. d. Red.) Dieses Gefühl ist etwas verloren gegangen, aber da müssen wir wieder hin,  weil wir viele gute Leute haben. Selbst wenn es nur Kleinigkeiten sind, aber wenn jemand nach einem Gespräch rausgeht und sagt: „Danke, das hat mir geholfen“, dann ist das viel wert. Gelobt werden Betriebsräte selten, da ja meist die Unzufriedenen kommen. Wenn man dann zwischendrin mal hört: „Wir haben einen guten Betriebsrat“, dann weiß man, warum man das macht. 

Rückblickend: Was war Dein bislang größter Erfolg als Betriebsrätin?

Simone Krämer: Wie schon erwähnt: Dass wir uns nicht haben spalten lassen! Egal welche Krise, wir haben zusammengehalten – im Gremium, am Standort und deutschlandweit. Das macht uns stark. Der Tarifvertrag läuft jetzt drei Jahre, die Amtsperiode dauert vier. Ich bin mir also ziemlich sicher, dass in rund zweieinhalb Jahren das nächste Thema kommt. Aber wir sind mittlerweile kampferprobt, gut vernetzt und deshalb gehe ich gelassen in die Zukunft. (tis) 

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