„Dösbaddel” trifft Denglisch: Verstehen wir uns noch?

© stock.adobe.com | wulan | KI-generiert
Stand:  28.8.2026
Lesezeit:  02:15 min
Teilen: 

Eine Zeitreise durch die Sprache im Arbeitsalltag von der Lohntüte bis zum Teams-Call

„Du Schnarchnase, beweg deinen Hintern. Die Lohntüte gibt’s schließlich nicht fürs Herumstehen!“ Was einem Lehrling vor einigen Jahrzehnten verbal durchaus mal um die Ohren flog, würde heute vermutlich für ziemlich große Augen sorgen. Und nicht nur der Ton hat sich verändert. Lehrlinge heißen Auszubildende, Besprechungen werden zu Meetings und die Lohntüte ist längst Geschichte. Begleiten Sie uns durch eine humorvolle Erinnerungsreise.

Guten Morgen, Herr Kollege!

Wir schreiben das Jahr 1975. Um 7.30 Uhr beginnt der Arbeitstag. Erst einmal die Stempelkarte in die Stechuhr. Wer zu spät kommt, hört womöglich schon von Weitem: „Na, du Schlafmütze. Auch schon da? Beweg dich, du Schnarchnase!“ Der Lehrling beeilt sich lieber. Schließlich bekommt er oft genug zu hören: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“

Heute, ca. 50 Jahre später: Die Stechuhr ist vielerorts digital, aus dem Lehrling wurde der Azubi und der Arbeitstag kann auch schon mal zu Hause beginnen: „Morning! Ich bin heute remote und joine gleich das Daily. Ping mich kurz, falls vorher noch was Prio hat.“
Prio? Remote? Daily? Pingen? Prio? Der Kollege von 1975 versteht vermutlich nur Bahnhof. 

Zitat

Wie gut, dass wir heutzutage ein anderes Verständnis von respektvollem Umgang haben.

Zitat

„Mensch Meier, du Dösbaddel!“

1975: „Steh nicht rum wie Falschgeld, du Dösbaddel!“ Auch Tunichtgut, Rotzlöffel, Flegel oder Trantüte gingen manchem Ausbilder damals leichter über die Lippen. Der Umgangston war rauer, Hierarchien wurden seltener infrage gestellt.

Heute: „Mein Ausbilder hat mich gerade vor dem ganzen Team gedisst. Das war maximal unangenehm. Ich brauche ein Feedback-Gespräch. Und wenn das nicht hilft…Wo ist eigentlich unsere Beschwerdestelle?“
Der Ausbilder von 1975 würde vermutlich erwidern: „Wegen Dösbaddel? Mumpitz! Der soll nicht so ein Brimborium darum machen!“
Wie gut, dass wir heutzutage ein anderes Verständnis von respektvollem Umgang haben.

Zeit für die Besprechung

1975: Um 11 Uhr geht es zur Besprechung. Block und Kugelschreiber liegen bereit, einer führt Protokoll. Am Ende ist klar, wer was zu tun hat.

Heute: Im Kalender steht „Weekly Team Sync | Project Update | Next Steps“. Und dann klingt es vielleicht so:
„Bevor wir starten, würde ich gern alle kurz abholen. Beim letzten Meeting hat uns das Big Picture gefehlt. Deshalb sollten wir den aktuellen Workflow noch einmal challengen und einen Deep Dive machen. Die Learnings nehmen wir als Action Items mit. Alles Weitere besprechen wir offline und setzen dazu ein Follow-up auf.“

Der Kollege von 1975 würde vermutlich irgendwann dazwischenrufen: „Was für ein Firlefanz! Sagt mir doch einfach, was ich machen soll.“
Nur ein flüchtiger Gedanke: Vielleicht kam die Arbeitswelt früher sprachlich etwas schneller auf den Punkt.

Zitat

Mahlzeit oder Lunch, Pause oder Break: Hauptsache, keiner setzt für 12 Uhr noch schnell einen Teams-Call an.

Zitat

Mittagspause: Mahlzeit!

Um zwölf fällt ein Wort, das erstaunlich zeitlos geblieben ist: „Mahlzeit!“
1975: „Mahlzeit! Was gibt’s heute?“ Essensmarke gezückt und ab zur Ausgabe. Currywurst mit Pommes, Eintopf oder Schnitzel, und wer sein Essen selbst mitgebracht hat, packt das Butterbrot oder die Stulle aus.

Heute: Die Kollegen verabreden sich per Chat: „Lunch um zwölf? Ich blocke uns einen Slot.“ Einer checkt vorher noch die Lunch-Options. Bowl, Veggie Option oder doch das eigene Meal Prep? Der andere braucht nach dem langen Meeting erst einmal eine Mental Break.
Mahlzeit oder Lunch, Pause oder Break: Hauptsache, keiner setzt für 12 Uhr noch schnell einen Teams-Call an.

Wenn aus Murks ein Learning wird

1975: Läuft etwas schief, ist die Diagnose schnell gestellt: „Das ist Murks!“ Bei größeren Problemen wird daraus Pfusch, Kuddelmuddel oder gleich ein echtes Schlamassel. Dann entscheidet der Chef, wie es weitergeht. Ob seine Entscheidung die beste ist, steht auf einem anderen Blatt.

Heute: „Der Prozess ist noch nicht optimal aufgesetzt. Wir sollten den Workflow noch einmal challengen, alle Stakeholder abholen und die Learnings mitnehmen.“
Und wer entscheidet jetzt?
„Das sollten wir noch einmal im Team spiegeln.“
Also ein neues Meeting, ein Follow-up und vielleicht noch ein Alignment mit den relevanten Stakeholdern.
Was früher schlicht Murks war, ist heute ein Learning mit Optimierungspotenzial. Und während noch alle abgeholt werden, wartet der Murks geduldig darauf, dass jemand eine Entscheidung trifft.

Zitat

Und manchmal fühlt sich selbst der Feierabend an, als müsste man gleich die nächste To-do-Liste abarbeiten.

Zitat

Feierabend! Oder beginnt jetzt die Work-Life-Balance?

1975: „So, ich mach Feierabend.“ Stempelkarte in die Stechuhr und raus aus dem Betrieb. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Danach warten Familie, Haushalt oder Garten, vielleicht geht es zum Sport, zum Kegeln oder vor den Fernseher. Und für den Chef? Ist man in der Regel erst am nächsten Morgen wieder erreichbar.

Heute: Ab ins After-Work-Programm. Erst noch schnell zum Workout, danach die Kids vom Training abholen, beim Supermarkt den Click & Collect einsammeln und später die nächsten Termine in der Familien-App koordinieren. Schließlich wollen auch Me-Time, Quality Time und Selfcare ihren Platz im Kalender.
Und dann vibriert doch noch einmal das Smartphone: „Sorry für den late Ping. Kannst du das morgen früh noch priorisieren?“

Der Kollege von 1975 hätte das Problem nicht gehabt. Smartphone, Teams und E-Mail gab es schließlich nicht. Alles hatte Zeit bis morgen.

Heutzutage heißt die Kunst dagegen Work-Life-Balance. Und manchmal fühlt sich selbst der Feierabend an, als müsste man gleich die nächste To-do-Liste abarbeiten. Vielleicht sollten wir uns deshalb wenigstens bei einem Begriff generationenübergreifend einig sein: Feierabend ist Feierabend. (sw)

Kontakt zur Redaktion

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Wenden Sie sich gerne direkt an unsere Redaktion. Wir freuen uns über konstruktives Feedback!

redaktion-dbr@ifb.de

Jetzt weiterlesen