Künstliche Intelligenz und der Wunsch nach selbstbestimmter, lebenswerter und sinnerfüllter Arbeit
Künstliche Intelligenz als Sparringspartner – nicht, um schneller zu arbeiten, sondern um eine noch bessere Qualität zu realisieren und über seine bisherigen Möglichkeiten hinauszuwachsen? „Ich hoffe, es gelingt uns als Gesellschaft, diese beispiellos mächtige Technologie so zu nutzen, dass wir Menschen autonomer und verbundener werden“, sagt der Philosoph und Zukunftsforscher Christian Uhle. Wir sprachen mit ihm über KI und den Wunsch nach selbstbestimmter, lebenswerter und sinnerfüllter Arbeit
Herr Uhle, die KI hat mir verraten, dass Ihr Spitzname „Eule“ ist – das Symbol der Weisheit. Brauchen wir in diesen Zeiten des rasanten Umbruchs mehr weise „Eulenblicke“?
Christian Uhle: Das stimmt! Und ich wusste nicht, dass die KI das weiß. Der Spitzname ist zwar aus dem Nachnamen entstanden – übrigens schon in der Grundschulzeit – aber ich mag Eulen und es ist ein witziger Zufall, dass ich Philosoph geworden bin und die Eule oft als Symbol dafür dient. Brauchen wir mehr Eulenblicke, mehr Philosophie? Unbedingt! Gerade wenn sich die Welt so schnell verändert, ist es wichtig, immer wieder innezuhalten und sich mit den Grundsatzfragen der Gegenwart auseinanderzusetzen – und das sind immer auch philosophische Fragen.
Sie beschäftigen sich seit ein paar Jahren intensiv mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Hat der KI-Boom Ihr Leben entspannt – den smarten Helfern sei Dank?
Christian Uhle: Entspannt hat er mein Leben nicht. Weder spare ich dadurch Zeit noch versuche ich aktiv, Arbeitsprozesse zu beschleunigen. Eine Frage ist ja, wie wollen wir die neuen Möglichkeiten und Effizienzpotentiale nutzen? Für mich persönlich lautet die Antwort: um noch bessere Qualität zu realisieren. Ich möchte nicht schneller arbeiten, ich möchte meine eigene Rolle nicht reduzieren, ich möchte in meiner Rolle wachsen. Und KI ist eine von vielen Möglichkeiten, dies zu tun, wenn sie mir als Sparringspartner dient. Natürlich lässt sich dieser Ansatz nicht auf sämtliche Bereiche übertragen, aber insgesamt hoffe ich, dass KI eben nicht nur zu Beschleunigung und Verdichtung führt, sondern tatsächlich entlasten kann und vor allem den Menschen in seiner Rolle stärkt und ihm hilft, über seine bisherigen Möglichkeiten hinauszuwachsen.
Wie stark sollte KI unser Leben und unsere Arbeit denn bestimmen, was wäre wünschenswert?
Christian Uhle: Auch hier geht es wieder um die Rolle des Menschen – die sich ja definitiv verändert. KI sollte unser Leben und unsere Arbeit insofern prägen, als dass sie unsere menschliche Rolle stärkt und nicht schwächt. Und diese Stärkung hat vor allem drei Dimensionen: eine Stärkung der Selbstbestimmung, eine Stärkung der menschlichen Beziehungen und eine Verringerung der Ungleichheiten. Entlang aller drei Dimensionen bietet KI sowohl positive als auch negative Möglichkeiten. Ich hoffe, es gelingt uns als Gesellschaft, diese beispiellos mächtige Technologie so zu nutzen, dass wir Menschen autonomer und verbundener werden – und nicht entmündigt und entfremdet. Noch befinden wir uns am Anfang der Entwicklung, jetzt ist die Zeit, sie zu gestalten. Und als Generation, die diesen Technologiesprung miterlebt, sehe ich darin auch unsere Verantwortung.
Stichwort Verantwortung, hier kommen Betriebsräte ins Spiel. Welche Gefahren sollten diese beim Thema KI im Unternehmen auf jeden Fall kritisch im Blick behalten? Und worüber sollten sie sich freuen?
Christian Uhle: Betriebsräte sind wichtige Akteure des Wandels. Ihre Rolle kann darin bestehen, darauf hinzuwirken, dass Mitarbeiter entlang der genannten Dimensionen gestärkt werden. Aktuell haben wir in Deutschland einen oft verengten Fokus auf die Frage, welche Jobs möglicherweise durch KI wegfallen werden. Bei dieser binären Betrachtung – Mensch oder Maschine – können die zahlreichen qualitativen Verschiebungen aus dem Blick geraten. Es geht nicht bloß darum, Menschen in Arbeit zu halten, sondern selbstbestimmte, lebenswerte, sinnerfüllte Arbeit zu ermöglichen. KI hat ganz klar Potentiale, die Selbstwirksamkeit und den Raum für Kernaufgaben sowie Zwischenmenschlichkeit zu vergrößern. Aber solche Potentiale realisieren sich nicht automatisch, sondern brauchen eine bewusste, aktive und mutige Gestaltung. Betriebsräte können ein Teil dessen sein. (cbo)

Veranstaltungshinweis
Wer Christian Uhle live erleben möchte, kann dies auf der ifb-Fachtagung „Künstliche Intelligenz – Wer Zukunft versteht, kann Zukunft mitgestalten“ vom 10. bis 12.11.2026 in Berlin. Dort ist der Zukunftsforscher mit seinem Vortrag „Künstliche Intelligenz – Arbeitswelten und Gesellschaften im Umbruch“ zu Gast.
Kontakt zur Redaktion
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Wenden Sie sich gerne direkt an unsere Redaktion. Wir freuen uns über konstruktives Feedback!
