„Im Betriebsrat kann es nicht langweilig werden“

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Stand:  27.1.2026
Lesezeit:  04:15 min
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25 Jahre Engagement: Eine Betriebsratsvorsitzende blickt zurück – und verabschiedet sich

Ein Vierteljahrhundert hat Susanne Sievers die Interessen der Beschäftigten vertreten, Konflikte ausgehalten und Strukturen mitgeschaffen – oft unter schwierigen Bedingungen. Nun verlässt die langjährige Betriebsratsvorsitzende das Unternehmen, einen Anbieter für Geschäftsreisen. Im Interview spricht die 65-Jährige über ihre Motivation, Widerstände, Erfolge und darüber, warum Mitbestimmung niemals Routine und alles andere als ein „Karrieregrab“ ist.

Susanne Sievers | © CWT Betriebsrat / Susanne Sievers

Susanne Sievers

Susanne Sievers wechselte nach einem Studium der Ethnologie und Germanistik in die Touristikbranche und schließlich zu einem Unternehmen, das allen voran Dienstreisen anbietet. In den letzten Jahrzehnten durchlebte sie mit ihren Kollegen mehrere Umbrüche inklusive Eigentümerwechsel. Seit 1999 im Betriebsrat aktiv, prägte sie die Interessenvertretung über viele Jahre, unter anderem als Vorsitzende, im Gesamtbetriebsrat und im Europäischen Betriebsrat. Nun scheidet sie über ein Freiwilligenprogramm aus.

Susanne, Du bist seit 25 Jahren im Betriebsrat, 23 Jahre davon warst Du Vorsitzende. Wie kommt man zu so einer ehrenamtlichen Laufbahn?

Susanne Sievers: Eigentlich ziemlich ungeplant. Ich habe Ethnologie und Germanistik studiert, bin danach aber nicht wirklich in der Branche untergekommen. Also habe ich auf Reiseverkehr umgeschult und meinen ersten Job bei einer Airline angefangen. Dort hatte ich meine erste Berührung mit einem Betriebsrat – und die war eher negativ. Später, in einem anderen Unternehmen, hatten wir keinen Betriebsrat. Als sich eine Übernahme anbahnte, sagte ein Kollege in der Kaffeeküche die magischen Worte: „Man müsste eigentlich einen Betriebsrat gründen.“ Das war der Auslöser. Wir haben alles in die Wege geleitet und wurden einen Tag vor der Übernahme gewählt. 

Und dann ging alles schnell?

Susanne Sievers: Letztlich waren wir zu dem Zeitpunkt schon alle auf dem Sprung zu einem anderen Unternehmen, das bereits einen Betriebsrat hatte. Dort war meine zweite Erfahrung mit einem Betriebsrat ebenfalls negativ; es ging um meine Eingruppierung. Für mich war klar, wenn es Neuwahlen gibt, bewerbe ich mich. Und die gab es dann Ende 1999 relativ schnell. Ich wurde als Ersatzmitglied gewählt, bin bald nachgerückt und habe gleich die Schriftführung übernommen. 2002 habe ich dann gesagt: Wenn ich ohnehin alles formuliere, möchte ich auch den Kopf dafür hinhalten. Ich habe mich als Vorsitzende aufstellen lassen und bin es bis heute geblieben.

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Gib mir ein Problem und ich versuche, eine Lösung zu finden!

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Was hat Dich all die Jahre motiviert?

Susanne Sievers: Ganz klar: die Arbeit mit den Menschen. Gib mir ein Problem und ich versuche, eine Lösung zu finden! Und wenn die nicht für alle passt, dann sucht man eben weiter. Betriebsratsarbeit ist einfach unglaublich vielfältig. In 25 Jahren gab es keine Situation zweimal, es gibt keine Routinen, keine Langenweile. Unter anderem weil sich die Rechtsprechung weiterentwickelt und dadurch immer neue Konstellationen entstehen.

Du sprichst sehr positiv über die Aufgabe – trotz schwieriger Phasen.

Susanne Sievers: Ja, es gab sehr schwierige Zeiten. Vor allem mit zunehmender Globalisierung und Digitalisierung – bei uns gab es einige Transformationen –, geprägt durch starke Amerikanisierung. Es gab kaum Verständnis für Mitbestimmung, Betriebsräte galten eher als Störfaktoren. Entscheidungen wurden zentral getroffen, oft ohne Ansprechpartner vor Ort. Das war eine Zeit, in der bei uns vieles in der Einigungsstelle landete.

Manche sprechen vom Betriebsrat als „Karrierekiller“. Wie war das bei Dir?

Susanne Sievers: Mir wurden irgendwann fachliche Weiterentwicklungen verwehrt, ich wurde gebremst und stand auf der „Liste“, wie man so sagt. Zwischenzeitlich habe ich zwar Aufgaben mit hoher Verantwortung übernommen, aber nie offiziell. In der Betriebsratsarbeit habe ich hingegen meine Erfüllung gefunden. Ich hatte mehr Gestaltungsspielraum und Freiheit als fast alle anderen im Unternehmen und das war mit letztlich wichtiger. 

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Entweder man zerbricht daran oder man wächst. Ich bin gewachsen.

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Du hast es also niemals bereut?  

Susanne Sievers: Nein! Womöglich hätte ich anderswo mehr Geld verdienen können. Und es gab Phasen, in denen der Druck inklusive gezielter persönlicher Angriffe enorm war. Das war nicht leicht, am Ende gilt jedoch: Entweder man zerbricht daran oder man wächst. Ich bin gewachsen.

Welche Eigenschaften als Betriebsratsvorsitzende braucht es in solchen Situationen?

Susanne Sievers: Resilienz, wobei man die nicht automatisch hat, sondern entwickelt. Davon abgesehen gibt es den idealen Betriebsrat ohnehin nicht, ganz unterschiedliche Typen können erfolgreich sein. Wichtig ist, mögliche Manipulationen und die eigene Rolle klar zu erkennen. 

Du hast immer großen Wert auf Kommunikation gelegt …

Susanne Sievers: Ja, wir haben sehr früh „BRand-aktuell“ ins Leben gerufen, eine monatlich erscheinende Betriebsrat-News . Gerade in unsicheren Zeichen, in der viel Negatives über den Betriebsrat verbreitet wurde, war es wichtig, Haltung zu zeigen. Bis heute schreibe ich viele Artikel und sogar eine eigene Kolumne. Mit viel Satire und bewusst provokativ.

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Gerade in unsicheren Zeichen, in der viel Negatives über den Betriebsrat verbreitet wurde, war es wichtig, Haltung zu zeigen.

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Rückblickend: Was war Deine größte Herausforderung als Betriebsrätin?

Susanne Sievers: Zwei Dinge: Zum einen eben die jahrelange persönliche Belastung durch diesen massiven Druck aus dem Personalbereich. Zum andern der jüngste Übergang zu einem neuen Arbeitgeber. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir Interessenausgleich, Sozialplan und Freiwilligenprogramm verhandeln. Das Ergebnis war ganz gut: Niemand musste entlassen werden, viele haben das Freiwilligenprogramm angenommen. Gleichzeitig war es für viele – auch für uns als Gremium – eine Herausforderung, nach Jahren des Misstrauens wieder auf Augenhöhe zu verhandeln und Vertrauen zuzulassen. 

25 Jahre Engagement: Susanne Sievers blickt zurück – und verabschiedet sich von der Betriebsratsarbeit.

Nimmst Du selbst am Freiwilligenprogramm teil?

Susanne Sievers: Ja, ich bin derzeit unwiderruflich freigestellt und werde noch ein paar Monate regulär bezahlt. Bis dahin kümmere ich mich ausschließlich um Betriebsratsangelegenheiten und begleite die kommende Wahl als Wahlvorstand. Zusätzlich gibt es noch eine Abfindung, sodass es sich für mich gerechnet hat. Und dann muss ich überlegen, was ich in den sieben Monaten bis zur Rente noch so alles anstelle.

Dein Abschied fällt in die Zeit des Umbruchs – auch für den Betriebsrat. Wie blickst Du darauf?

Susanne Sievers: Natürlich ist es schade, dass viel Wissen flöten geht. Aber den Betriebsrat wird es weitergeben mit engagierten Kollegen und ich begleite den Übergang als Wahlvorstand noch ganz eng.

Zum Abschluss: Was war Dein größter Erfolg im Ehrenamt?

Susanne Sievers: Die Gründung des Europäischen Betriebsrats war in jedem Fall ein wichtiger Erfolg. Ob es der größte war, weiß ich nicht. Ich hatte das schon lange im Hinterkopf, wobei mir die Spanier und Franzosen zuvorgekommen sind – ich bin dann aber sofort mit aufgesprungen. Die Zusammenarbeit mit 25 Leuten aus 22 Ländern war fachlich und menschlich eine fantastische Erfahrung. Gerade in Zeiten, in denen durch die Amerikanisierung jegliche Information in die Länder stoppte, war der Europäische Betriebsrat enorm wichtig. Sonst hätten wir in den letzten zehn Jahren wahrscheinlich gar nichts mehr erreicht. Und: Es war in jedem Fall meine liebste Rolle. 

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Gegen den Betriebsrat zu arbeiten, ist eine echte ‚Lose-Lose-Situation‘!

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Möchtest Du an der Stelle allen Arbeitgebern noch etwas mitgeben?

Susanne Sievers: Mitbestimmung kostet für beide Seiten Kraft. Aber: Gegen den Betriebsrat zu arbeiten, ist eine echte „Lose-Lose-Situation“! Wer Mitbestimmung ernst nimmt und Zusammenarbeit zulässt, nutzt Potenziale, statt sie zu blockieren. Das lohnt sich für alle. (tis)

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