„Wandel? Klar, aber die Menschen müssen mitkommen!“

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Stand:  27.8.2026
Lesezeit:  04:00 min
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Seit 21 Jahren engagiert sich Sandra Pacitti im Betriebsrat von Rossmann

Das Tempo sei enorm gestiegen, sagt Sandra Pacitti. Seit 33 Jahren arbeitet die Berlinerin bei Rossmann, 21 Jahre davon ist sie im Betriebsrat – und hat live erlebt, wie sich der Handel durch Digitalisierung, neue Arbeitsprozesse und veränderte Kundenerwartungen gewandelt hat. Im Interview erklärt sie, warum viele Beschäftigte mit dem Tempo der Veränderungen kämpfen, weshalb eine gute Ausbildung wichtiger ist denn je und warum Betriebsratsarbeit für sie vor allem bedeutet, die Menschen mitzunehmen. 

Sandra Pacitti  | © Sandra Pacitti

Sandra Pacitti

Sandra Pacitti begann vor 33 Jahren als ungelernte Teilzeitkraft bei Rossmann. Über interne Qualifizierungen wurde sie Assistentin und Ausbilderin. Seit 21 Jahren gehört sie dem Betriebsrat für die Filialen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern an, seit zwölf Jahren ist sie freigestelltes Betriebsratsmitglied. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Ausbildung, die Öffentlichkeitsarbeit sowie ihre Tätigkeit im Gesamtbetriebsrat.

Sandra, Du kennst den Handel seit 33 Jahren. Was hat sich in dieser Zeit am stärksten verändert?

Sandra Pacitti: Ganz klar die Digitalisierung. Besonders in den vergangenen fünf Jahren ist das Tempo nochmal enorm gestiegen. Heute läuft fast alles digital. Nicht falsch verstehen: Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, viele Prozesse sind dadurch einfacher geworden. Aber momentan kommt alles sehr schnell und oft gleichzeitig.

Darin liegt aus Deiner Sicht die eigentliche Herausforderung?

Sandra Pacitti: Ja, die Technik an sich ist oft gar nicht das Problem. Die Kollegen sagen eher: „Jetzt kommt schon wieder etwas Neues dazu.“ Neue Apps, neue Prozesse, neue Geräte. Viele fühlen sich irgendwann überfordert. Vor allem, weil häufig die Zeit fehlt, die Dinge in Ruhe zu erklären und einzuüben. 

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Wenn man sich die Zeit nimmt und die Menschen abholt, klappt das oft deutlich besser.

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Du hast mehrfach betont, dass man die Menschen „mitnehmen“ muss. Was meinst Du damit?

Sandra Pacitti: Viele machen erst einmal zu, wenn etwas Neues kommt. Da heißt es: „Ich habe das 20 Jahre anders gemacht, warum jetzt plötzlich so?“ Dann versuchen wir als Betriebsrat zu erklären, warum etwas eingeführt wird und welche Vorteile es vielleicht auch hat. Wenn man sich die Zeit nimmt und die Menschen abholt, klappt das oft deutlich besser.

Dabei würdest Du Dich selbst nicht unbedingt als Technik-Fan bezeichnen, oder?

Sandra Pacitti: Nein, privat bin ich eher Fred Feuerstein. Ich hab mir sehr spät überhaupt ein Handy angeschafft. Aber ich habe immer gesagt: Alles, was ich für meine Arbeit brauche, muss ich lernen. Hätte mir jemand vor zehn Jahren erzählt, womit ich heute arbeite, hätte ich ihm wahrscheinlich einen Vogel gezeigt.

Klingt so, als hätte auch Euer Betriebsrat einen Lernprozess hinter sich.

Sandra Pacitti: Absolut. Bei uns gibt es genauso unterschiedliche Altersgruppen wie in der Belegschaft. Die jüngeren Kollegen bringen oft Dinge mit, bei denen wir Älteren erst einmal nachfragen müssen. Aber genau das macht uns als Gremium auch stärker. Wir lernen voneinander. Und die Digitalisierung macht uns als Betriebsrat in vielen Bereichen handlungsfähiger. Früher saßen wir mit Stift und Zettel da und mussten uns Informationen mühsam zusammensuchen. Heute können wir Dinge viel schneller recherchieren, die Beschäftigten direkt informieren und auf Entwicklungen reagieren.

Gibt es bei aller Kritik an der Geschwindigkeit auch Entwicklungen, die Du ausdrücklich positiv siehst?

Sandra Pacitti: Viele sogar. Die körperliche Belastung hat in einigen Bereichen abgenommen. Früher wurde viel mehr manuell gemacht. Heute helfen digitale Systeme bei Bestellungen oder Warenprozessen. Auch die Self-Checkout-Kassen finde ich gut. Wer nur drei Artikel hat, ist in wenigen Minuten wieder draußen und muss sich nicht extra anstellen. Und wir als Betriebsrat können die Beschäftigten heute viel schneller informieren als früher. 

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Wir als Betriebsrat können die Beschäftigten heute viel schneller informieren als früher.

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Nichtsdestotrotz hört man im Handel immer wieder vom Personalmangel. Wie erlebst Du das?

Sandra Pacitti: Das ist definitiv ein großes Thema. Wir haben immer wieder Neueröffnungen und brauchen daher Personal, aber es wird immer schwieriger, Menschen für den Handel zu gewinnen. Das Problem ist nicht, dass man niemanden einstellen möchte. Das Problem ist, genügend Bewerber zu finden.

Wo setzt Ihr als Betriebsrat an?

Sandra Pacitti: Für mich ist die Ausbildung ein ganz wichtiger Hebel. Da haben wir in den letzten Jahren viel investiert. Wir haben uns gefragt: Wie müssen wir junge Leute heute abholen? Wie wird die Ausbildung attraktiv? Daraus ist ein komplett neues Konzept entstanden, an dem der Betriebsrat eng beteiligt war. Heute werden die Azubis viel enger begleitet. Wir stellen uns bereits am ersten Tag vor, bleiben während der Ausbildung Ansprechpartner und haben eigene Kommunikationswege für die jungen Leute. Außerdem zeigen wir Perspektiven auf. Gute Auszubildende sollen sehen, dass sie sich weiterentwickeln können und nicht auf der Stelle treten. 

Viele Menschen verbinden den (Einzel-)Handel vor allem mit Kasse und Regale einräumen. Was wird dabei oft übersehen?  

Sandra Pacitti: Eigentlich alles, was dahinter passiert. Die Kunden sehen die Verkaufsfläche, sie sehen aber nicht die komplette Logistik, die Bestellungen, die Warenströme oder die Personalplanung. Da steckt unglaublich viel Arbeit dahinter. Und oft wird unterschätzt, wie anspruchsvoll der Umgang mit Kunden geworden ist. Die Erwartungen sind unglaublich gestiegen. Alles soll sofort verfügbar sein, alles soll perfekt aussehen und gleichzeitig möchte man persönliche Beratung. Viele Kunden sind inzwischen leider auch deutlich ungeduldiger geworden. Das ist eine Belastung, die man nicht sofort sieht.

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Ich hoffe nur, dass wir uns dabei eines bewahren: den persönlichen Kontakt.

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Wo siehst Du den Handel in zehn Jahren?

Sandra Pacitti: Den Handel wird es natürlich weiterhin geben, da bin ich überzeugt. Wahrscheinlich aber in einer anderen Form. Der tägliche Bedarf bleibt, gleichzeitig wird es noch digitaler werden. Ich hoffe nur, dass wir uns dabei eines bewahren: den persönlichen Kontakt. Denn am Ende geht es immer noch um Menschen. Und die muss man im Wandel mitnehmen. 

Trotz all der Herausforderungen: Warum bist Du gerne Betriebsrätin?

Sandra Pacitti: Ich mag es, Dinge mitzugestalten. Wandel wird es immer geben, das gehört einfach dazu. Aber als Betriebsrat kann ich darauf achten, dass die Kollegen nicht unter die Räder kommen. Mir geht es vor allem um einen respektvollen Umgang und darum, Lösungen zu finden. Ein Betriebsrat sollte nicht nur auf Probleme zeigen, sondern Brücken bauen. Am Ende geht es darum, Lösungen zu finden, mit denen beide Seiten leben können. (tis) 

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