So gelingt ein echtes Win-win als Interessenvertreter – für die persönliche Entwicklung, für das Gremium und für die gesamte Belegschaft
Gerade zu Beginn einer Amtszeit gibt es viele Fragen: Wie soll ich das alles schaffen? Und: Womit sollen wir im Gremium starten? Darüber sprachen wir mit der ifb-Referentin Sylvia Wildgruber. Sie ist selbst Betriebsrätin und hat es oft erlebt: Neue Betriebsräte kommen mit neuen Zielen, stellen vielleicht sogar die bisherige Arbeit des Gremiums infrage. Was würde sie heute zu Beginn anders machen? Und wie bleibt die Motivation im Gremium langfristig hoch?
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Sylvia, immer wieder kommt von Betriebsräten die Frage: Wie soll ich das alles eigentlich schaffen? Was sagst du aus Deiner eigenen Erfahrung im Amt?
Sylvia Wildgruber: Wer Betriebsrat werden will, sollte wissen, was ihn antreibt – und gleichzeitig realistische Grenzen setzen. Das schont nicht nur einen selbst, sondern erhöht auch die Chance, langfristig etwas bewirken zu können. Dabei ist es wichtig, die eigene fachliche und persönliche Weiterentwicklung zu bedenken – man lernt enorm viel über Recht, Verhandlungen, spezifische fachliche Themen. Aber man muss sich auch realistisch fragen: Passt das zu meiner Kapazität? Gerade wenn man nicht freigestellt ist, droht rasch Überlastung. Man arbeitet doppelt – als Fachkraft und als Betriebsrat.
Also stellt sich – vor allem in den größeren Gremien – die Frage: Will ich mich komplett freistellen lassen? Und zwar weil ich bewusst entscheide, dass dieser Weg für einige Jahre Sinn ergibt – aber auch mit Blick auf das Arbeitsleben danach. Was mache ich, wenn ich einmal kein Betriebsrat mehr sein möchte oder nicht mehr gewählt werde? Wie komme ich zurück ins operative Geschäft? Diese Gedanken gehören dazu, bevor man sich festlegt. Wer unsicher ist, kann eventuell mit einer Teilfreistellung einen Anfang machen.
Was würdest du heute von Beginn an anders machen – was ganz genau so?
Sylvia Wildgruber: Man startet oft mit dem Herzen, aber erst später merkt man, wie wichtig sicheres Fundamentwissen ist. Heute würde ich mir von Anfang an mehr Klarheit über gesetzliche Aufgaben verschaffen.
Außerdem würde ich mich stärker auf kollektivrechtliche Regelungen fokussieren statt auf Einzelfalllösungen. Wer Rahmenbedingungen für alle schafft, wirkt langfristig mehr. Drittens: Wenn ich um einen Rat gefragt werde, nicht zu schnell eigene Lösungen anbieten! Menschen stärken, indem man ihnen hilft, selbst zu handeln. Und Probleme nicht mit nach Hause nehmen – diese Grenze habe ich mir hart erkämpfen müssen.
Was mich aber damals in die Betriebsratsarbeit getrieben hat, ist bis heute geblieben: ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Wenn jemand ungerecht behandelt wurde, wollte ich nicht wegsehen.
Sondern das Gespräch suchen?
Sylvia Wildgruber: Ja, vertrauensvoll und einfühlsam ansprechbar sein für Kolleginnen und Kollegen. Jemand muss spüren: Hier werde ich ernst genommen, hier wird zugehört – ohne Abwertung. Das ist das Fundament guter Betriebsratsarbeit.
Und eines ist mir noch wichtig: Als Betriebsrat vertrete ich ausschließlich die Interessen der Arbeitnehmenden. Ich bin nicht für den Arbeitgeber da, auch wenn ich im Interesse aller am gleichen Tisch sitze. Diese Klarheit bewahrt vor Rollenkonflikten.
Stichwort Interessen: Wie wichtig sind aus Deiner Erfahrung heraus klare Ziele und Pläne?
Sylvia Wildgruber: Die Erfahrung zeigt: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Wer mit zu starren Plänen in den Betriebsrat startet, wird schnell auf die Realität vor Ort treffen – Themen und Prioritäten sehen dort meist ganz anders aus als erwartet.
Jedes neue Betriebsratsmitglied bringt eigene Ziele und Motive mit. Diese Vielfalt ist ein Gewinn, erfordert aber Klärung: Aus vielen Einzelzielen müssen gemeinsame Hauptziele herausgearbeitet werden. Das ist eine Kernaufgabe der Anfangsphase.
Gleichzeitig gilt: Erwartungen nicht zu hoch ansetzen! Wer glaubt, in kurzer Zeit alles verändern zu können, stellt sich unter enormen Druck. Sinnvoller ist es, wenige, realistische Schwerpunkte zu wählen, die mit einer Mehrheit tragfähig und gegenüber dem Arbeitgeber durchsetzbar sind. Weniger Ziele, dafür konsequenter verfolgt, wirken oft mehr als ein voller Forderungskatalog.
Hast Du Tipps, wie man die Motivation im Gremium hochhält, auch wenn es mal nicht so gut läuft?
Sylvia Wildgruber: Das Wichtigste: Ihr müsst ein Team sein und konstruktiv mit Konflikten umgehen! Wer Streit offen anspricht und gemeinsam löst, wächst als Gremium. Regelmäßige Sitzungen und vorausschauendes Denken geben Selbstwirksamkeit. Wer weiß, welche Themen kommen, kann gestalten, statt nur zu reagieren.
Wenn ihr euch auf wenige, echte Prioritäten geeinigt habt, wisst ihr auch, wofür ihr kämpft. Konzentration auf diese Kernthemen – und das bewusste Zurückstellen anderer Punkte – führt zu spürbaren Erfolgserlebnissen. Und diese Erfolge sind der Treibstoff für weiteres Engagement. Wer nicht weiß, wofür er die Energie einsetzt, verliert sie schnell. Wer aber erlebt, dass Fokus zu Ergebnissen führt, bleibt in der Spur.
Und noch etwas sehr Wichtiges: Jeder im Gremium braucht eine eigene Aufgabe mit Verantwortung, Kompetenz und Anerkennung. Nichts demotiviert schneller als unsichtbare Arbeit. Seht eure Erfolge! Schreibt kleine Erfolge auf – das überrascht oft selbst die Beteiligten. Und feiert sie.
Und was, wenn man mal „feststeckt“?
Sylvia Wildgruber: Probiert etwas Neues aus. Lasst das Gremium mal fünf Minuten lang den gegenteiligen Standpunkt vertreten. Zum Beispiel bei einer Vorbereitung auf eine Verhandlung: „Lasst uns kurz argumentieren, warum die Arbeitgeberposition in diesem Punkt eigentlich berechtigt ist." Klingt zunächst verrückt, aber es bricht festgefahrene Denkmuster auf und eröffnet neue Perspektiven. Solche Perspektivwechsel bringen oft mehr Bewegung als weitere Diskussionen im alten Trott.
Bei Durststrecken können auch fachliche und persönlichkeitsentwickelnde Seminare mit anderen Betriebsräten inspirieren – man holt sich neue Ideen und merkt: Andere kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen.
Wie gelingt es Dir persönlich, engagiert am Ball zu bleiben?
Sylvia Wildgruber: Ich war viele Amtszeiten als Vorsitzende komplett freigestellt. Irgendwann hatte ich das Gefühl: Alle vier Jahre „grüßt das Murmeltier". Neue Betriebsräte kommen mit neuen Zielen, stellen vielleicht sogar die bisherige Arbeit des Gremiums infrage – alles beginnt gefühlt von vorne. Aufregend, aber anstrengend.
Deshalb habe ich mich nebenberuflich zum Coach und zur Teamentwicklerin ausbilden lassen und teile mein Wissen in Seminaren mit anderen Betriebsräten. Davon profitiert wiederum mein eigenes Betriebsratsgremium – neue Impulse von außen bereichern die eigene Arbeit.
Zusammengefasst: Macht was aus den neu erworbenen Kompetenzen! Durch die vielen Möglichkeiten im Betriebsrat könnt ihr so viel Neues lernen – und erkennt dabei oft ganz unerwartete Stärken in euch selbst, die sich sowohl bei der BR-Arbeit als auch darüber hinaus einsetzen lassen. Das ist echtes Win-win – für eure persönliche Entwicklung, für euer Gremium und natürlich im weiteren Sinne für die gesamte Belegschaft.
Gibt es etwas, das Dir besonders gut gefällt als Betriebsrätin?
Sylvia Wildgruber: Betriebsrat zu sein ist inhaltlich unglaublich abwechslungsreich. Fast täglich lernt man Neues dazu. Besonders schön: Man kann sich ausprobieren und bleibt gleichzeitig sicher. Der Kündigungsschutz hält dir den Rücken frei für Mut und neue Ansätze.
Und persönlich: Ich stand schon als Jugendliche auf der Bühne. Auf einer Betriebsversammlung vorne zu stehen, gibt mir jedes Mal ein ähnliches Gefühl. Dieselbe Energie, dieselbe Verbindung. Natürlich habe ich jedes Mal Lampenfieber, aber nach ein paar Minuten ist das vorbei.
Betriebsrat zu sein ist für mich einer der besten und sinnvollsten Jobs. Die Rolle hat mich persönlich geprägt – viele Werte, die ich heute lebe, habe ich hier erst richtig verstanden. Ich kann jedem nur sagen: Mach es! Du wirst mehr zurückbekommen, als du erwartest. (cbo)
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