Manchmal fühlt sich eine Betriebsratssitzung an wie ein Tanz auf der Stelle: Alle bewegen sich, keiner kommt voran. Man redet, erklärt, argumentiert – und landet am Ende doch wieder beim Anfang. Sich im Kreis zu drehen heißt: viel Energie, wenig Bewegung. Alle geben ihr Bestes, aber das Ziel ist nicht in Sichtweite. Nicht verzweifeln: Dagegen kann man was tun!
Eine gute Moderation ist der Schlüssel
Damit eine Sitzung nicht ins Uferlose kippt, braucht es jemanden, der das Steuer in der Hand hält. Das ist meist der Betriebsratsvorsitzende. Wichtig ist dabei: Moderation heißt nicht, selbst am meisten zu reden, sondern die Diskussion zu strukturieren und allen Raum zu geben, ohne dass die Beteiligten sich gegenseitig ausbremsen. Ist man als BRV selbst zu emotional bei der Sache, hilft auch eine unabhängige, neutrale Moderation von extern.
Ein Beispiel:
In einer Sitzung geht es um die Schichtplangestaltung. Schon nach zehn Minuten reden drei BR-Mitglieder gleichzeitig – einer über Gerechtigkeit, die andere über Kinderbetreuung, der dritte über Produktionsvorgaben.
Hier hilft ein kurzer Moderationsimpuls: „Lasst uns kurz sortieren: Wir haben drei Themen – Fairness, Familienfreundlichkeit und Betriebsablauf. Wir nehmen sie nacheinander dran.“ So fühlen sich alle gehört und das Gespräch bekommt wieder eine gemeinsame Richtung.
Manchmal hilft auch ein kleiner „Meta-Satz“ wie:
„Ich habe das Gefühl, wir kreisen gerade – wollen wir kurz festhalten, was wir heute überhaupt entscheiden wollen?“
Dieser Satz wirkt wie eine Bremse im emotionalen Gedankenkarussell der Beteiligten.
Wenn die Diskussionen trotzdem festhängen
Fünf Methoden, die helfen können:
Methode 1: Die Entscheidungsampel
Die Diskussion zieht sich schon über drei Sitzungen:
Soll die neue Pausenregelung so bleiben wie bisher – oder sollen die Beschäftigten künftig ihre Pausen flexibler nehmen dürfen?
Jeder zeigt mit einer Karte:
- Grün: Ich bin für flexible Pausen
- Gelb: Ich bin unsicher
- Rot: Ich bin dagegen
Ergebnis: Drei Grüne, vier Gelbe, zwei Rote.
Jetzt fragt der Moderator:
„Was bräuchte es, damit ihr von Gelb auf Grün kommt?“
Beispiel-Antworten: „Wenn sichergestellt ist, dass die Abläufe in der Produktion trotzdem funktionieren.“ – „Wenn es eine Übergangsphase mit Rückmeldung der Teams gibt.“
Plötzlich liegt die Lösung auf der Hand: Ein Pilotprojekt mit drei Monaten Testlauf, nach dem gemeinsam ausgewertet wird, wie sich die neue Regelung bewährt.
Das zeigt: Es geht selten um Prinzipien, sondern um Bedingungen, unter denen Zustimmung möglich ist.
Methode 2: Alle kommen zu Wort - 1-2-4-All
Oft reden in Sitzungen immer die gleichen drei Personen, während andere schweigen. Mit der „1-2-4-All“-Methode bekommt jede Stimme Gewicht:
- 1 Minute allein nachdenken („Was wäre mein Vorschlag für faire Urlaubsgrundsätze im Betrieb?“)
- 2 Minuten zu zweit austauschen.
- 4 Minuten in einer Kleingruppe zusammenfassen.
Dann erst ins Plenum.
Ein Beispiel aus der Praxis:
In einem mittelständischen Betrieb sollte der Betriebsrat Grundsätze für die Urlaubsvergabe mitbestimmen. Statt dass sich nur die Wortstarken durchsetzen, sammelte die Runde zunächst still ihre Ideen. Einige schlugen vor, dass Beschäftigte mit schulpflichtigen Kindern bei Ferienzeiten Vorrang haben sollten. Andere wollten eine transparente Punkteliste, um Urlaubskonflikte gerechter zu lösen. Als die Gruppen ihre Ergebnisse vorstellten, zeigte sich: Viele dachten ähnlich – sie hatten es nur vorher nicht gesagt. Das Ergebnis: eine gemeinsame Linie für eine sozial gerechte Urlaubsregelung – und eine spürbar entspanntere Diskussionskultur.
Methode 3: Varianten sichtbar machen
Manchmal fehlt gar kein Konsens – sondern der Überblick.
Beispiel: Es geht um eine neue Dienstplanregelung.
An der Wand stehen:
- A: Früh- und Spätschichten im festen Wechsel
- B: Wunschdienstplan mit Eigenverantwortung
- C: Mischlösung mit Kernzeiten
Jeder bekommt einen Punkt und markiert die favorisierte Variante.
Ergebnis z.B.: Die meisten Punkte landen bei C.
Überraschung – es war längst Einigkeit da, nur niemand hatte sie gesehen.
Visuelles Arbeiten hilft, Emotionen rauszunehmen und Entscheidungen greifbar zu machen.
Methode 4: Der Rollenwechsel
Gerade bei verhärteten Fronten kann ein Perspektivwechsel Wunder wirken.
In einer Sitzung über Home-Office-Regelungen sollte jedes Mitglied kurz die Argumente der Gegenseite vertreten. Der Satz: „Ich spiele jetzt mal den Chef und sage: Ich brauche Planungssicherheit für die Präsenz vor Ort!“ löst vielleicht erstmal Unverständnis aus, da doch alles super aus dem Home-Office funktioniert. Dann kommt man evtl. doch ins Nachdenken. Mit mehr Verständnis findet man schneller einen Kompromiss. Diese Methode braucht etwas Geduld und eine Brise Humor, bringt aber oft Bewegung in festgefahrene Runden.
Methode 5: Die Fokusfrage: Was ist der nächste Schritt?
Nach einer langen Diskussion um ein Konzept zum betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) ist die Gruppe erschöpft.
Da fragt jemand: „Was ist jetzt eigentlich unser nächster konkreter Schritt?“ Die Antwort: „Wir holen erstmal Zahlen von der Personalabteilung ein.“
Damit ist der Stillstand durchbrochen. Vom Ziel zum Zwischenschritt, auch das bringt eine Diskussion weiter.
Fazit: Konsens ist kein Kuschelkurs
Natürlich darf im Betriebsrat leidenschaftlich diskutiert werden – das gehört dazu. Wichtig ist nur, dass die Gespräche nicht zur Endlosschleife werden. Wer merkt, dass sich Gespräche im Kreis drehen, sollte kurz innehalten. Es hilft auch, nochmal einen Schritt zurückzugehen – nicht, um nachzugeben, sondern um nochmal die Anforderung zu klären und zu verstehen.
Konsens heißt nicht, dass alle alles gleichsehen, sondern dass alle mit der Lösung leben können. Oder zumindest die Mehrheit, wie es im Betriebsrat üblich ist. Und wenn man am Ende der Sitzung noch miteinander lachen kann, hat man tatsächlich eine gute Einigung erreicht. (sw)