Was der Wandel im Handel für Beschäftigte und Betriebsräte bedeutet
Der Handel befindet sich mitten in einer Transformation: Künstliche Intelligenz, Self-Checkout-Systeme, Online-Marktplätze und wachsender Kostendruck prägen die Branche stärker denn je. Für Beschäftigte bedeutet das nicht nur neue Technologien, sondern oft auch neue Anforderungen, mehr Veränderungsdruck und steigende Belastungen. Betriebsräte stehen vor der Aufgabe, den Wandel mitzugestalten und gleichzeitig die Mitarbeiter in den Fokus zu rücken.
Wer heute einkauft, erwartet Auswahl, Verfügbarkeit und Komfort, unabhängig davon, ob dies via Smartphone, im Onlineshop oder direkt in der Filiale geschieht. Dabei geht der Handelsverband Deutschland (HDE) davon aus, dass der Onlinehandel weiter wächst. Für 2026 prognostizierte der Verband in seinem „Online-Monitor“ einen Umsatz von 96,3 Milliarden Euro. Bereits 2025 entfielen rund 13,5 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes auf den E-Commerce. Diese Entwicklung verändert nicht nur das Kaufverhalten, sondern auch die Arbeitsorganisation. Waren müssen schneller verfügbar sein, Bestände präziser geplant und Kundenanfragen über unterschiedliche Kanäle bearbeitet werden.
Betriebsräte stehen vor der Frage, wie technische Innovationen eingeführt werden. Denn neue Systeme können Arbeit erleichtern, gleichzeitig aber auch Arbeitsinhalte verändern oder – schlimmer – verdichten. Wo Prozesse digitalisiert werden, entstehen häufig neue Anforderungen an Qualifizierung und Weiterbildung. Und da sind auch Betriebsräte gefragt.
Wenn die Kasse selbst kassiert
Auf den ersten Blick sichtbar wird der Wandel oftmals an den Kassen. Self-Checkout-Systeme gehören mittlerweile für viele Kunden zum Alltag. Nach Angaben des EHI Retail Institute hat sich die Zahl der Geschäfte mit solchen Kassen innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt – von 5.010 in 2023 auf 11.120 in 2025. Rechnerisch ist bereits jede 18. Kasse eine sogenannte SB-Kasse. Als wesentliche Ursache für die rasche Verbreitung nennt das EHI unter anderem den Personalmangel im Handel.
Trotz aller technischer Möglichkeiten zeigt sich dabei etwas Wesentliches: Die Arbeit verschwindet nicht, sie verändert sich. Beschäftigte überwachen mehrere Kassen gleichzeitig, müssen Kunden bei Schwierigkeiten unterstützen oder übernehmen zusätzliche Serviceaufgaben. Gerade bei solchen Entwicklungen lohnt sich für Betriebsräte ein genauer Blick auf die Folgen für Arbeitsplätze und Arbeitsorganisation.
Der Kunde gibt das Tempo vor
Doch nicht nur Technologien verändern den Handel, auch Kunden treiben den Wandel voran. Sie erwarten heute eine möglichst reibungslose Einkaufserfahrung, unabhängig davon, ob sie online bestellen, die Ware in der Filiale abholen oder sich vor Ort beraten lassen. Der Einkauf sollte bestenfalls schnell, unkompliziert und jederzeit möglich sein. Diese Entwicklung erhöht den Anpassungsdruck auf Unternehmen. Der HDE stellt in seinem Online-Monitor fest, dass Online-Marktplätze (allen voran Amazon) inzwischen knapp 57 Prozent des gesamten Online-Umsatzes in Deutschland auf sich vereinen. Zudem wächst der Wettbewerb durch internationale Anbieter, die mit kurzen Lieferzeiten, hoher Verfügbarkeit und niedrigen Preisen locken.
Was für Kunden bequem sein mag, bedeutet für Beschäftigte häufig weitere Anforderungen. Neue Serviceangebote müssen in bestehende Abläufe integriert, Retouren bearbeitet und Kundenanfragen über unterschiedliche Kanäle beantwortet werden. Die einst klassische Trennung zwischen Verkauf, Service und Logistik verliert zunehmend an Bedeutung. Die zentrale Herausforderung besteht darin, neue Aufgaben so zu organisieren, dass sie nicht zulasten der Beschäftigten gehen.
Zwischen Personalmangel und Effizienzdruck
Hinzu kommt ein Spannungsfeld, das viele Handelsunternehmen seit Jahren begleitet. Einerseits fehlt in zahlreichen Betrieben Personal. Andererseits steigt der wirtschaftliche Druck, Prozesse effizienter zu gestalten und Kosten zu senken. Technische Lösungen erscheinen dabei oft als naheliegende Antwort. Digitale Warenwirtschaftssysteme, automatisierte Bestellprozesse oder KI-gestützte Prognosen versprechen mehr Effizienz und eine bessere Planung. Tatsächlich können solche Instrumente Beschäftigte entlasten und Abläufe vereinfachen, sie lösen jedoch nicht automatisch die strukturellen Herausforderungen der Branche. Denn am Ende bleiben es Menschen, die Regale einräumen, Kunden beraten, Beschwerden bearbeiten und die Qualität der Dienstleistungen sicherstellen. Gerade deshalb sollten Betriebsräte genau hinschauen, welche Auswirkungen technische Neuerungen tatsächlich auf den Arbeitsalltag haben. Nicht jede Effizienzsteigerung bedeutet automatisch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Wandel braucht Beteiligung
Der Handel wird sich auch in den kommenden Jahren (wohl) weiter verändern. Neue Technologien werden hinzukommen, Geschäftsmodelle werden sich weiterentwickeln und die Erwartungen der Kundschaft werden kaum geringer werden. Für Arbeitnehmer bedeutet das vor allem eines: Veränderung wird zunehmend zum Normalzustand. Während Unternehmen häufig auf Kennzahlen, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit blicken, muss zugleich die Perspektive der Belegschaften berücksichtigt werden. Und genau darin liegt die zentrale Aufgabe von Betriebsräten. (tis)
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