Gremien sind Zufall und müssen sich finden

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Stand:  2.6.2026
Lesezeit:  05:15 min
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Von neuen und alten Betriebsräten, der Motivation Betriebsrat zu werden, der Lagerbildung und wie man diese beseitigen kann

Betriebsratswahlen bringen es mit sich, dass sich Gremien verändern. Sei es, weil sich bisherige Mitglieder nicht mehr zur Wahl stellen, aus Altersgründen ausscheiden, oder einfach nicht (mehr) gewählt werden. Das muss nicht besser oder schlechter sein, aber es wird auf jeden Fall anders sein, denn die Gruppendynamik ändert sich. Wie kann die Integration gelingen? Und was tun, wenn die Fronten verhärtet sind? Ein Erfahrungsbericht und die Einschätzung einer langjährigen Betriebsrätin. 

Von Susanne Sievers

Susanne Sievers | © CWT Betriebsrat / Susanne Sievers

Susanne Sievers

Susanne Sievers wechselte nach einem Studium der Ethnologie und Germanistik in die Touristikbranche und schließlich zu einem Unternehmen, das allen voran Dienstreisen anbietet. In den letzten Jahrzehnten durchlebte sie mit ihren Kollegen mehrere Umbrüche inklusive Eigentümerwechsel. Seit 1999 im Betriebsrat aktiv, prägte sie die Interessenvertretung über viele Jahre, unter anderem als Vorsitzende, im Gesamtbetriebsrat und im Europäischen Betriebsrat. Über ein Freiwilligenprogramm ist sie mittlerweile aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Selbst wenn infolge von Betriebsratswahlen nur eine Person ausgetauscht wird, kann das viel ändern, ganz besonders, wenn dadurch ein Betriebsratsmitglied wegfällt, dass bisher die Richtung mitbestimmt hat, zum Beispiel wenn es sich um den bisherigen Vorsitz handelt, oder wenn ein „Spion“ des Arbeitgebers plötzlich in den eigenen Reihen sitzt.

Nach der Wahl

Ich habe es kaum erlebt, dass sich nach einer Betriebsratswahl nichts verändert hätte, außer bei sehr kleinen Gremien. Da kann es tatsächlich passieren, dass der alte Betriebsrat auch der neue ist. Aber je größer das Gremium, desto unwahrscheinlicher ist es, dass exakt die gleichen Personen wieder zusammenkommen. Das heißt auch: Das Gremium muss sich dann neu (er)finden, möglicherweise Rollen tauschen, aber vielleicht auch aufpassen, dass nicht plötzlich ein Bruch durch das Gremium geht, weil durch verschiedene Interessenlagen Fronten entstanden sind. Das macht jede BR-Arbeit kaputt, weil dann das Gremium mehr mit sich selbst zu tun hat, als damit, die Arbeitsbedingungen für die Kollegen zu verbessern. Wenn wir also eine neue Konstellation haben, braucht es zunächst eine Bestandsaufnahme dessen, was da ist beziehungsweise was nun gebraucht wird und wer welche Rolle übernimmt. 

Was haben die Motive sich zur Wahl zu stellen mit dem Erfolg des Betriebsrats zu tun?

Möglicherweise sehr viel – vielleicht aber auch nichts, wenn sich das neue Betriebsratsmitglied auf das Ehrenamt einlässt, denn am Ende ist nicht wichtig, was mich an diesen Ort gebracht hat, sondern nur, was ich daraus mache. Die Motivation sich zur Betriebsratswahl zu stellen, wird sehr unterschiedlich sein. Das war bei uns nicht anders. Häufig ist es, weil man sich über den alten Betriebsrat geärgert hat und meint, dass man es besser kann und machen wird. Wir hatten Kollegen, die meinten, wir seien zu streng, nicht kompromissbereit genug gegenüber dem Arbeitgeber. Sie meinten, da sie als Arbeitnehmer einen guten Draht zum Management hätten, wäre das schon der Garant für ein gutes Verhältnis. Ein Trugschluss. Andere dachten, wir seien nicht aggressiv genug, müssten kompromissloser auftreten und viel schneller Verfahren einleiten. Beide Extreme bringen erst einmal Unruhe ins Gremium. Zeitweise hatten wir auch Personen aus dem mittleren Management in unseren Reihen, die durch den Arbeitgeber angewiesen worden waren, sich „mal aufstellen zu lassen“ und für Ordnung zu sorgen. Wir haben ihnen eine Chance gegeben, auch weil wir nie ein so großes Gremium waren, dass einzelne Ausfälle einfach so hätten kompensiert werden können. Am Ende haben diese Kollegen jedoch nach einiger Zeit immer das Handtuch geworfen, weil sie in Gewissenskonflikte geraten sind. Sie mussten einsehen, dass unsere Arbeit gut und richtig, unsere Forderungen legitim und verständlich waren. Sie konnten den Spagat zwischen Arbeitspflicht und Betriebsratserfordernis nicht machen, denn als Betriebsrat muss man immer auch etwas schizophren sein, den Job vom Amt trennen, und dieses auch offen vertreten.

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Sie mussten einsehen, dass unsere Arbeit gut und richtig, unsere Forderungen legitim und verständlich waren.

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Es kann aber auch Neugier sein. Man will die Kontrolle haben über das, was im Hintergrund läuft, nicht überrascht werden, sondern wissen, was demnächst auf einen zukommt. Abgesehen davon, dass hier auch ein gewisses Eigeninteresse im Vordergrund steht, was nicht schädlich sein muss, findet man bei diesen Kollegen am ehesten die Betriebsräte, die nicht immer zur Sitzung erscheinen, weil sie nur Zeit finden, wenn etwas Interessantes auf der Tagesordnung steht. Anderenfalls werden Gründe gefunden, um nicht erscheinen zu müssen, häufig auch welche, die nicht unter den Begriff „entschuldigt“ fallen würden.

Lagerbildung hat hohes Konfliktpotential

Was auf keinen Fall passieren sollte, ist, dass sich in einem Gremium Lager bilden, die unvereinbar sind. Das kann immer dann passieren, wenn sehr extreme Interessen aufeinandertreffen. Wir hatten eine Wahlperiode, in der wir genau das hatten: Zwei Lager. Der Arbeitgeber, in der Person des Personalchefs, hatte sich im Vorfeld der Betriebsratswahl 2006 deutschlandweit harmoniebedürftige Betriebsräte ausgeschaut, die er im Vorfeld, von ihnen selbst unbemerkt, für sich aufgebaut hat. Unmerklich veränderten sich die Redebeiträge und die Einstellung dieser Personen in den Monaten vor der Wahl. Wo es vorher noch hieß: „Was für ein A****loch.“ Kamen plötzlich Töne wie: „Er kann richtig nett sein. Das hätte ich nicht gedacht. Wir sollten ihm eine Chance geben.“ Und das haben sie dann auch, nachdem ab 2006 mehrheitlich harmoniesüchtige Betriebsräte in allen Gremien – außer meinem – saßen. Der Gesamtbetriebsrat war auf Spur. Für mein „bockiges“ Gremium hatte sich der Personalchef etwas Besonderes ausgedacht: Er hatte eine eigene Liste mit Damen aus der Personalabteilung erstellen lassen, die komplettiert wurde durch einige Sympathieträger, die eigentlich nie Betriebsrat werden wollten und dazu auch erst überredet werden mussten. Dass diese Kollegen dann eher hinten auf der Liste zu finden waren und die HR-Damen ganz vorne, war natürlich kein Zufall. 

In der nun vor uns liegenden Wahlperiode fand zwei Jahre lang auf überregionaler Ebene (GBR) keine Betriebsratsarbeit statt. Es gab keine Eigeninitiativen des Betriebsrats mehr, da diese sofort im Keim erstickt wurden. Es ist für einen Arbeitgeber einfach, harmoniebedürftige Menschen in Schach zu halten. Er muss einfach nur ein wenig drohen und laut werden, dann läuft die Sache. Wir hatten nur noch Arbeitgeberthemen auf dem Tisch, die von diesem quasi unterschriftsreif vorgelegt wurden.

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Lokal ging die Rechnung des Arbeitgebers nicht auf.

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Und lokal? Da ging die Rechnung des Arbeitgebers nicht auf. Seine Liste erhielt nur zwei von sieben Mandaten und nur eine seiner Damen kam in das Gremium hinein, da einem Sympathieträger über die Minderheitenquote Vorzug zu geben war. Das Ende vom Lied: Wir haben vier Monate lang zwei Sitzungen hintereinander gemacht, zunächst eine Vorbereitungssitzung, um zu diskutieren und uns abzustimmen, und dann die offizielle Sitzung inklusive der Dame aus der Personalabteilung, in der nichts Strategisches oder Interessantes mehr gesagt werden musste. An einem denkwürdigen Nachmittag, etwa vier Monate nach der Wahl, traten, bis auf eine Person, alle Kollegen von dieser Liste zurück.

Die Lösung des Problems

Auch wenn die Fronten seinerzeit verhärtet waren und insbesondere die beiden Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats mit Angst und Druck durch den Arbeitgeber ferngesteuert wurden, haben wir doch alle insgeheim nach Lösungen gesucht.  Wenn man intern nicht mehr weiterkommt, dann muss man sich Hilfe von außen suchen und das taten wir. Wir machten eine Klausurtagung mit einem externen Berater – das hat schon mal sehr geholfen. Aber am Ende war das Problem erst dauerhaft gelöst, als uns die zwei Hauptakteure, die durch den Arbeitgeber gesteuert wurden, verlassen haben. Als sie mitbekamen, wie respektlos der Personalchef hinter ihrem Rücken über sie gesprochen hat, haben sie enttäuscht ihr Amt niedergelegt und wollten nie mehr etwas mit dem Betriebsrat zu tun haben. Und das war dann auch so. Man muss also nicht immer vier Jahre warten, bis sich eine Konstellation zum Positiven verändert.

Das Fazit

Egal, wie man zur Betriebsratsarbeit gekommen ist, ob man schon seit Jahren dabei ist, oder ob man eigentlich nur Ersatzmitglied sein wollte, um mal reinzuschnuppern. Ob man bei den Kollegen bekannt ist oder nur durch die Minderheitenquote in das Gremium gerutscht ist. Das Wahlergebnis bestimmt die Gruppe von Menschen, die für die nächsten vier Jahre zusammenarbeiten muss, auch wenn man sich vielleicht eine andere Zusammensetzung gewünscht hätte. Je homogener die Gruppe, desto erfolgreicher wird sie Betriebsratsarbeit machen können. Man muss nicht immer einer Meinung sein, unterschiedliche Perspektiven sind sogar sehr fruchtbar, aber es ist wichtig, dass man sich gegenseitig respektiert und dass man einen Modus für die Zusammenarbeit findet. Dieses Selbstverständnis wird sich dann auch auf die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber übertragen und verhindert, dass man gegeneinander ausgespielt wird. 

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