Ein etwas anderer Einblick in die Arbeit als SBV im kirchlichen Bereich
Eine Sommergeschichte - nicht ganz vom Ende der Welt, aber doch von einem ziemlich einsamen Flecken im Südwesten Europas. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise in die Pyrenäen und zu den Geiern. Was das mit der Schwerbehindertenvertretung zu tun hat, werden Sie sich fragen? Jede Menge! Lesen Sie ein Interview über die Arbeit als SBV im kirchlichen Bereich, über Lebensmut und Lebensfreude.
Das Interview führte Gisela Scholz
Im vergangenen Sommer war ich in den spanischen Pyrenäen unterwegs. Mitten in den Bergen, ein Parkplatz vor einem Bauernhof- mein Standort für die nächsten drei Tage. Neben mir parkt ein VW- Bus, ein rüstiges Paar meiner Generation (also 60 plus) steigt aus: Er: beweglich und agil, Sie: bewegt sich mit Hilfe eines Rollators. „Respekt“, denke ich, „und dann noch mit Bus unterwegs, in dem offensichtlich auch übernachtet wird“, wie mein Blick ins Businnere verrät. Mein Respekt sollte im Lauf der nächsten Tage noch steigen. Wir übernachteten gemeinsam auf dem Bauernhof und kamen ins Gespräch. So entstand die Idee für dieses Interview.
Frau Kalantar, möchten Sie sich kurz vorstellen und uns Ihren beruflichen und ehrenamtlichen Werdegang als SBV schildern?
Elisabeth Kalantar: Ich stamme aus einem evangelischen Pfarrhaus, war in der Krankenpflege tätig und hätte früher nie gedacht, dass ich einmal bei der Kirche lande. Ich arbeitete zunächst im Finanzbereich der Kirche als Verwaltungsangestellte. Nicht lange, da landete ich in der MAV! Selbst von einer Behinderung betroffen, habe ich mich immer für unsere kranken und behinderten Mitarbeitenden interessiert und wurde dann als Vertrauensperson gewählt. Damals gab es im Bereich der „verfassten“ Kirche (also nicht in den Einrichtungen des Diakonischen Werkes, da läuft es etwas anders) eigentlich nur mich in der Verwaltung in Stuttgart und einen Vertreter im Oberkirchenrat, also der obersten Behörde, als SBV. Viel Beachtung für das Amt gab es nicht, von Fortbildung war nicht zu reden. Gut, dass ich als MAV gut geschult und schnell auch in die Landeskirchliche Mitarbeitervertretung für den Bereich der Verwaltung gewählt wurde.
Von dort aus wurde ich auch nach einiger Zeit in das Amt der Stellvertretenden Beisitzenden Richterin im kirchlichen Gericht für arbeitsrechtliche Streitigkeiten gewählt– so lernt man dann die wichtigen Leute kennen. Außerdem wurde ich in Kommunikation geschult, wurde selbst zur Fortbildnerin für MAVen und bot später auch für die Schwerbehindertenvertretungen im kirchlichen Bereich Schulungen an. War es im Jahr 2000? Da wurde ich auch als Vertrauensperson für den Bereich der Landeskirche gewählt.
Sicher denken viele spontan: „Vertrauensperson im kirchlichen Bereich, da ist die Welt für eine SBV noch in Ordnung“. Ist das so?
Elisabeth Kalantar: Nicht wirklich. Ich musste das Amt ja erst einmal gestalten und mir die notwendigen Fortbildungen sowie die Anerkennung suchen. Es gab keinerlei Strukturen für das Amt und von vielen Pfarrern wurde ich belächelt. Sie bedeuteten mir, dass man in der Kirche ja so jemanden wie mich gar nicht benötige. Außerdem gibt es in der Kirche zahlreiche Gemeinden mit nur 2-3 Angestellten, daher wenige Einrichtungen, in denen eine SBV gewählt werden muss. Als Landeskirchliche SBV war ich dann tatsächlich für alle diese kleinen Einheiten zuständig, das war eine Mammutaufgabe. Und dass die Kirche eine bessere Arbeitgeberin ist? Nicht wirklich, es menschelt überall und so mancher Pfarrer oder auch Pfarrerin hat so seine/ihre Allmachtsphantasien….
Inwiefern hat sich die Arbeitssituation für schwerbehinderte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im kirchlichen Bereich während Ihrer langjährigen Tätigkeit als SBV verändert?
Elisabeth Kalantar: Die Situation hat sich sehr langsam verändert und erst als ich Hilfe von Seiten des Oberkirchenrates und auch Schützenhilfe von der LakiMAV (Landeskirchliche Mitarbeitervertretung, oberstes Gremium der MAV) bekam, konnten Veränderungen zugunsten der SBV im MVG (Mitarbeitervertretungsgesetz) geschaffen werden, so dass für die SBV sowie für das Amt der Landeskirchlichen Schwerbehindertenvertretung gesetzliche Strukturen parallel zur Struktur der LakiMAV/ MAV geschaffen wurden. Und nur dadurch, dass ich als MAV und LakiMAV zu insgesamt 100% freigestellt war, konnte ich mich vollständig auch meinem Amt als SBV widmen, allerdings auch sehr zu Lasten meiner Familie. Und dadurch, dass ich mich frei (also ohne Druck durch Job oder Vorgesetzte) den Nöten der Mitarbeitenden widmen konnte, war es mir nach und nach gelungen, Besuche vor Ort durchzuführen, denn oft war es den kranken oder behinderten Mitarbeitenden gar nicht bekannt, dass es da jemanden gab, der ihnen helfen konnte! Später, durch den Abschluss einer Inklusionsvereinbarung, kam ich auch vermehrt in die Einrichtungen, um die Vereinbarung vorzustellen. Mit Hilfe der LakiMAV und einigen Juristen im Oberkirchenrat war es gelungen, ein passendes Modell der Integrationsvereinbarung für alle Einrichtungen in der Landeskirche zu schaffen.
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Themen für Vertrauenspersonen im kirchlichen Bereich von denen in der freien Wirtschaft unterscheiden?
Elisabeth Kalantar: Nicht wirklich. Die Probleme der Mitarbeitenden sind doch eigentlich überall dieselben. Gut, die Strukturen in der Wirtschaft sind vielleicht andere, doch der Druck auf Mitarbeitenden ist überall gleich. Zumindest aber war - und ist sicher auch noch - die Freistellung im Bereich der Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes für die SBVen besser.
Wir hatten einmal im Jahr eine Tagung der SBVen, da haben Vertreter aus der Wirtschaft, den Kommunen, den Ministerien und der Kirche teilgenommen. Dort konnten wir uns immer gut austauschen und auch juristisch beraten lassen.
In der Privatwirtschaft haben psychische Erkrankungen in letzten Jahren stark zugenommen. Ist das im kirchlichen Bereich ebenso?
Elisabeth Kalantar: Ja, auch im kirchlichen Bereich ist das leider nicht anders. Insbesondere im Bereich Erziehung und Pflege (Diakoniestationen) gab und gibt es viele Fälle von Burnout und Überlastung. Aber auch in den kleinen Gemeinden gab es Probleme bei Mesnern oder Gemeindesekretärinnen, dort ist der Druck auf die „Einzelkämpfer“ vor Ort besonders groß und Aufgaben sollen doch bitte ehrenamtlich erledigt werden. Ich entsinne mich auch, dass wir vermehrt Suchtkranke hatten; das war oftmals ein sehr großes Problem, gerade in den kleinen Gemeinden. Wie überall gab und gibt es schwierige Situationen, ob für behinderte oder nicht-behinderte Mitarbeiter; mehr Verständnis für Menschen mit Behinderung habe ich bei der Kirche nicht erlebt und auch keinen Willen, bevorzugt diese Menschen einzustellen und ihnen eine Chance zu geben!
Was waren die besonderen Herausforderungen in Ihrer Amtszeit als SBV?
Elisabeth Kalantar: Es gab ja so viele Herausforderungen. Wie macht man aus einem Amt, das niemand kennt, das es ja eigentlich gar nicht geben muss, ein Amt, das jeder kennt und akzeptiert? Wo kann man sich überhaupt mal kundig machen, was man eigentlich zu tun hat? Wie schafft man erst mal Gesetze zur Daseinsberechtigung? Wo nimmt man die Zeit her, all das zu tun, was man ja eigentlich tun sollte? Wie erkämpfe ich mir Freistellung? Ich hatte sage und schreibe, 10% Freistellung für mein Amt als Landeskirchliche SBV, die weitere Freistellung „schenkte“ mir die MAV! Jetzt – nach meinem Ausscheiden – wurden 50% Freistellung im MVG verankert, zumindest das ist mein Erbe, dafür hatte ich gekämpft. Und dann - wie findet man denn Nachfolger? Zurückblickend war es wohl ein Kampf, aber es hat mir dennoch Freude gemacht!
Welche Erfolgserlebnisse sind Ihnen in Erinnerung geblieben? Was war der Schlüssel zum Erfolg?
Elisabeth Kalantar: Ach, da war doch so viel… Gerne blicke ich auf meine erste, selbst organisierte Fortbildung für SBVen im kirchlichen Bereich zurück. Wir hatten eine 2-tägige Fortbildung mit Unterstützung unserer juristischen Referentin bei der LakiMAV. Oder auch mein erstes Kündigungsverfahren, in dem ein Arbeitsplatz für einen schwerbehinderten Menschen erhalten und angepasst werden konnte (sehr zum Ärger des so frommen Vorgesetzten)! Und mehrere erfolgreiche Eingliederungsverfahren, damals noch mit Hilfe der Servicestelle für Rehabilitation, die es leider nicht mehr gibt!
Der Schlüssel zum Erfolg? Netzwerke bilden, Verbündete suchen und einfach nie aufgeben!
Wo sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen und wie sind Sie damit umgegangen?
Elisabeth Kalantar: Leider gibt es auch geltungssüchtige Kollegen, die einem das Leben sehr schwer machen können. Zu Ende meiner Amtszeit meinte ein MAV-Kollege, seine Arbeit mache ihn zur Konkurrenz der SBV und er müsse mich aus unserem gemeinsamen Büro vertreiben und versuchte darüber hinaus, mir privat das Leben schwer zu machen. Solche Menschen machen leider viel kaputt, rauben Energie und ich musste lange mit meiner Bitterkeit kämpfen. Aber mit etwas Abstand merkt man, dass man manche Dinge zwar nicht vergessen kann, aber gedanklich bei Seite schieben und sich an den positiven Erlebnissen festhalten muss.
Und natürlich gab es vieles mehr, das ich erreichen wollte, auch für meine Nachfolger. Mehr zu wollen ist ja auch nicht schlecht, zugleich sollte man am Ende dennoch zufrieden sein und das bin ich auch!
Welche Tipps möchten Sie weitergeben an Schwerbehindertenvertretungen? Wie wird man sichtbar und wie erreicht man seine Ziele?
Elisabeth Kalantar: Tipps zu geben, finde ich schwer, da sind doch die Situationen sehr unterschiedlich. Ich habe versucht, wo immer es geht, zugegen zu sein, zum Beispiel bei Mitarbeiterversammlungen, um mich und mein Amt vorzustellen. Ich versuchte, immer ansprechbar zu sein und habe auch ein Zeitfenster eingeräumt, wann ich telefonisch erreichbar war.
Sehr hilfreich fand ich diverse Kommunikationskurse, besonders wenn man, wie ich, manchen schwierigen Gesprächspartner (z.B. Pfarrer) hat. Verbündete, wie die MAV, sind auch sehr wichtig.
Ich glaube fest, dass ich mit meinen Aufgaben gewachsen bin und mit der Zeit an Stärke gewonnen habe. Man sollte einfach dranbleiben – Aufgeben ist keine Option!
Was haben Sie persönlich mitgenommen aus dem Amt und was hat Sie motiviert?
Elisabeth Kalantar: Mein Leben davor war auch nicht leicht, daher hatte ich vielleicht schon einiges an Resilienz. Dennoch denke ich, dass ich viel an Kraft und Stärke gewonnen habe und viel von den Begegnungen mit Menschen, innerhalb und außerhalb der Kirche, profitiert habe. Was für tollen Menschen bin ich begegnet, insbesondere auch bei den Tagungen mit den Schwerbehindertenvertretungen. Diese waren oft selbst zum Teil erheblich behindert, aber der Elan und die Kraft, mit der sie ihr Amt ausübten, war nur zu bewundern.
Besonders motivierend fand ich die kleinen Erfolge und dass immer etwas voranging, wenn auch in kleinen Schritten. Was mir aber am meisten guttat und mich motivierte, war die Dankbarkeit und Anerkennung der Menschen, denen ich helfen konnte. Oft passiert es, wenn ich durch Stuttgart gehe, dass mich Menschen erkennen und sich an mich erinnern: „Hallo, kennen Sie mich noch, sie haben mir doch damals ..!“
Im Herbst stehen wieder die Wahlen zur Schwerbehindertenvertretung an. Welche Eigenschaften braucht man als SBV?
Elisabeth Kalantar: Man braucht erst einmal den Willen, Dinge verändern zu wollen und die Kraft, zu- zupacken, auch gegen Widerstände. Etwas Biss schadet nie, aber manchmal ist er auch besser etwas versteckt. Mir hat das Sprichwort geholfen „Man sollte dem Anderen die Wahrheit nicht wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht knallen, sondern wie einen Mantel sanft um die Schulter legen.“
© Maurice Kalantar Fotodesign
Ihre Leidenschaft gilt dem Reisen und sie folgen auf Ihren Reisen den Spuren der Geier. Woher rührt diese Begeisterung?
Elisabeth Kalantar: Diese Tiere haben eine ungeheure Kraft und leben oft von einem kargen Mahl. Es ist erstaunlich, wie sie von weither riechen oder sehen, wo es eine Mahlzeit gibt und sie sind so majestätisch im Flug. Ich liebe es, sie zu beobachten.
Mittendrin mit Ihrem Rollator. Woher nehmen Sie diese Zuversicht und den Optimismus, „wird schon alles gutgehen?“
Elisabeth Kalantar: Einfach durch die vielen Erfahrungen, die ich machen durfte – es ging ja immer gut. Und jetzt möchte ich das nachholen, was ich immer durch meine viele Arbeit verpasst habe – das Reisen, wenn ich es möchte! Und auch wenn ich nicht weite Strecken gehen kann, auch vom Auto aus kann ich vieles sehen und entdecken!
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