Schwerbehindertenvertreter und betrieblicher Suchtberater Kay-Uwe Möhlmann
Suchterkrankungen werden in vielen Betrieben noch immer verdrängt oder gar totgeschwiegen. Kay-Uwe Möhlmann sieht darin ein großes Problem. Der Schwerbehindertenvertreter und betriebliche Suchtberater eines Hafenumschlagbetriebs in Niedersachsen setzt sich dafür ein, das Thema sichtbar zu machen und Betroffenen niedrigschwellige Hilfe anzubieten. Warum Vertrauen dabei wichtiger ist als schnelle Lösungen, erklärt er im Gespräch.
Kay-Uwe, Du bist Schwerbehindertenvertreter sowie Ersatzmitglied des Betriebsrats und engagierst Dich darüber hinaus als betrieblicher Suchtberater. Warum?
Kay-Uwe Möhlmann: Für mich ist es einfach eine Herzensangelegenheit. Bei uns gab es drei Jahre lang keinen Suchtberater mehr, obwohl das Thema natürlich nicht verschwunden war. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie selbstverständlich Alkohol früher in unserem Arbeitsumfeld dazugehört hat. Vor 15 oder 20 Jahren war das im Hafen noch ganz anders als heute. Da wurde vieles toleriert, was man inzwischen deutlich kritischer sieht. Irgendwann habe ich deshalb die Geschäftsführung angesprochen und gefragt, ob ich eine entsprechende Ausbildung machen kann. Ich wollte das Thema wirklich verstehen und den Menschen im Betrieb eine Anlaufstelle bieten.
Warum sollten sich Betriebsräte, SBV und Unternehmen Deiner Meinung nach noch stärker mit dem Thema auseinandersetzen?
Kay-Uwe Möhlmann: Weil Suchterkrankungen noch immer viel zu oft totgeschwiegen werden. Ich versuche bei uns mit Aushängen, Präsentationen und Gesprächen immer wieder Aufmerksamkeit dafür zu schaffen. Gerade Prävention ist wichtig! Viele denken erst dann über Sucht nach, wenn etwas passiert ist. Aber eigentlich muss man viel früher ansetzen und die Menschen dafür sensibilisieren, was eine Suchterkrankung überhaupt bedeutet.
Viele denken bei Suchterkrankungen zuerst an Alkohol …
Kay-Uwe Möhlmann: Bei uns war Alkohol auch lange das größte Thema. Heute sehe ich allerdings eine andere Entwicklung. Aus meiner Sicht spielt Kokain mittlerweile eine deutlich größere Rolle als früher. Alkohol fällt oft schneller auf, da riecht man vielleicht etwas oder merkt Verhaltensveränderungen. Andere Drogen bleiben häufig länger unentdeckt, sind aber zugleich heute leichter verfügbar als viele glauben.
Gibt es den „typischen“ Betroffenen?
Kay-Uwe Möhlmann: Nein, überhaupt nicht. Die Fälle, die ich bisher erlebt habe, zeigen genau das: Einer der Betroffenen war Anfang 20, ein anderer deutlich über 50. Deshalb glaube ich nicht an bestimmte Stereotypen. Suchterkrankungen können jeden treffen, unabhängig vom Alter oder von der Position im Unternehmen.
Kommen Betroffene von allein auf Dich zu?
Kay-Uwe Möhlmann: Direkt passiert das eher selten. Einmal hat mich jemand angesprochen, weil es in der Familie Probleme mit Alkohol gab. Meistens entstehen Kontakte jedoch indirekt, etwa weil Fehlzeiten auffallen oder Personalabteilung und Führungskräfte aufmerksam werden. Meine Rolle ist dabei vor allem unterstützend. Ich gehe nicht durchs Unternehmen und suche nach möglichen Betroffenen. Das wäre auch der falsche Ansatz, ich bin schließlich keine Polizei. Viel wichtiger ist, dass die Menschen wissen: Wenn sie reden möchten, bin ich da.
Was bedeutet das konkret?
Kay-Uwe Möhlmann: Ich versuche, erreichbar zu sein. Die Kolleginnen und Kollegen wissen, wo mein Büro ist, sie können mich anrufen oder anschreiben. Und wenn jemand Hilfe braucht, höre ich erst einmal zu. Das Wichtigste ist Vertrauen. Wenn jemand zum ersten Mal zu mir kommt und ich sofort sage: „Geh zur Suchtberatung“, dann bin ich wahrscheinlich schnell wieder raus. Man muss erst Vertrauen aufbauen, erst dann kann man gemeinsam überlegen, welche Unterstützung sinnvoll ist.
Wo liegen denn die Grenzen Deiner Arbeit als betrieblicher Suchtberater?
Kay-Uwe Möhlmann: Natürlich kann ich keine Therapie ersetzen. Ich kann zuhören, Gespräche führen und Orientierung geben. Wenn jemand professionelle Hilfe benötigt, vermittle ich an externe Beratungsstellen oder andere Angebote. Meine Aufgabe ist es, die Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, die richtigen Stellen zu finden.
Du hast die ifb-Ausbildung zum betrieblichen Suchtberater absolviert. Gab es währenddessen einen besonderen „Aha-Moment“ für Dich?
Kay-Uwe Möhlmann: Ja, ganz klar: mein Praktikum in einer Suchtklinik. Dort habe ich an Gesprächsrunden mit suchtkranken Menschen teilgenommen und ihre Geschichten gehört. Das hat mich nachhaltig beindruckt. Man merkt dabei, dass hinter jeder Suchterkrankung eine individuelle Geschichte steckt. Mein größtes Aha-Erlebnis war die Erkenntnis, dass es wirklich jeden treffen kann. Viele Menschen sagen: „Mir passiert das eh nicht.“ Nach diesen Erfahrungen sehe ich das anders.
Warum ist es wichtig, beim Thema Sucht laufend am Ball zu bleiben?
Kay-Uwe Möhlmann: Weil sich Themen verändern und weil man ohne regelmäßigen Austausch irgendwann Wissen verliert. Deshalb möchte ich weiterhin die ifb-Praxistage besuchen und Kontakte zu anderen Suchtberatern pflegen. Wir haben aus meiner ifb-Ausbildungsgruppe zum betrieblichen Suchtberater immer noch einen Mail-Verteiler und eine WhatsApp-Gruppe. Dort kann man sich austauschen und von den Erfahrungen anderer profitieren – das hilft enorm.
Wenn Du einen Wunsch frei hättest: Was müsste sich in Sachen Sucht in der Arbeitswelt ändern?
Kay-Uwe Möhlmann: Ich würde mir wünschen, dass Suchterkrankungen stärker als das wahrgenommen werden, was sie sind: eine Erkrankung. Noch immer denken einige: „Dann soll er halt aufhören.“ So einfach ist das eben nicht. Gleichzeitig wird problematisches Verhalten oft sehr lange toleriert, obwohl alle wissen, dass etwas nicht stimmt. Wir müssen weg von den Tabus und Vorurteilen. Hilfe anzubieten oder jemanden auf ein Problem aufmerksam zu machen, ist kein Anschwärzen. Oft ist es der erste Schritt, damit Betroffene überhaupt Unterstützung bekommen können. Das müssen wir viel stärker in die Köpfe bringen. (tis)
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