Wenn der Tipp zur Belastung wird

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Stand:  22.6.2026
Lesezeit:  04:00 min
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Wettsucht im Betrieb: Warum die Gefahr mit der WM wächst – und was Betriebsräte jetzt tun können

Wenn eine Fußball-Weltmeisterschaft läuft, steigen nicht nur Emotionen, sondern auch die Wettquoten. Tippspiele im Team, spontane Einsätze auf den Spielausgang oder Live-Setzen während der Halbzeitpause. Die Wette ist heutzutage nur noch einen Klick entfernt, einen Buchhalter braucht es hierfür längst nicht mehr. Warum Wettsucht in Betrieben zunimmt und welche Rolle Betriebsräte dabei spielen. 

Das Interesse am Wetten hat deutlich zugenommen, das zeigen die Zahlen eindrucksvoll: Laut Statista haben binnen eines Jahres rund 24 Prozent der Deutschen mindestens einmal auf ein Sportereignis gewettet (die Statistik ist vom November 2024 und enthält damit die Fußball-Europameisterschaft). Parallel dazu wächst das Glückspiel insgesamt. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung nimmt inzwischen regelmäßig daran teil.

Der Wettkick gehört längst zum Arbeitsalltag 

Was dabei oft unterschätzt wird: Der Übergang vom gelegentlichen Tippen zum problematischen Verhalten ist fließend und wird maßgeblich durch die Digitalisierung beschleunigt. Apps, Live-Wetten und permanente Verfügbarkeit machen es leichter denn je, impulsiv zu reagieren.

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Der Übergang zum problematischen Verhalten ist kaum bemerkbar.

Kathrin Wiemann, ifb-Bildungsreferentin und Expertin für Gesundheit im Betrieb, psychische Gesundheit und Suchtprävention

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„Sportwetten sind niedrigschwellig verfügbar und häufig sozial akzeptiert – das ist doch nur ein Tippspiel‘“, sagt Kathrin Wiemann, ifb-Bildungsreferentin und Expertin für Gesundheit im Betrieb, psychische Gesundheit und Suchtprävention. „Genau darin liegt die Gefahr: Der Übergang zum problematischen Verhalten ist kaum bemerkbar.“ Gerade in Phasen großer Sportereignisse verstärkt sich dieser Effekt. Wettanreize, Werbung und soziale Dynamiken treffen gleichzeitig aufeinander, die WM wird damit zum Verstärker eines ohnehin wachsenden Trends.

Wenn das Verhalten zur Sucht wird

Wettsucht gehört zu den sogenannten Verhaltenssüchten und steht damit in einer Reihe mit Gaming oder Social Media. In der betrieblichen Praxis wird das zunehmend relevant. „Längst sind es nicht mehr nur stoffgebundene Süchte wie Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit“, weiß Kathrin Wiemann. Die Zahlen unterstreichen diese Entwicklung: In Deutschland erfüllen etwa 1,3 Millionen Menschen die Kriterien einer Glücksspielstörung, weitere rund 3,1 Millionen zeigen ein problematisches Verhalten. Für die Betroffenen hat das oft gravierende Folgen: Kontrollverlust über Zeit und Geld, wachsender finanzieller Druck und zunehmende psychische Belastungen gehören zum typischen Verlauf. Stress, Scham und Angst verstärken dieses Spirale.

Warnsignale, die im Betrieb sichtbar werden 

Wettsucht bleibt selten rein privat. Sie wirkt sich auf Arbeitsverhalten, Teamdynamik und Leistungsfähigkeit aus. Gerade weil sie lange unbemerkt bleibt, kommt der Sensibilität im Betrieb eine zentrale Rolle zu. „Einzelne Auffälligkeiten sind noch kein Beweis“, betont Kathrin Wiemann. „Aber in Kombination ergeben sich oft klare Hinweise.“

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Einzelne Auffälligkeiten sind noch kein Beweis.

Kathrin Wiemann, ifb-Bildungsreferentin und Expertin für Gesundheit im Betrieb, psychische Gesundheit und Suchtprävention

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Dazu gehören etwa häufige, nicht arbeitsbezogene Smartphone-Nutzung – etwa für Live-Wetten oder Quotenchecks –, auffällige emotionale Reaktionen auf Spielverläufe oder Konzentrationsprobleme. Auch vermehrte Pausen, Rückzug aus sowie Konflikte mit dem Team, Stimmungsschwankungen oder finanzielle Engpässe („Kannst Du mir mal Geld leihen?“) können Hinweise sein. Solche Veränderungen sind nicht eindeutig einer Wettsucht zuzuordnen, aber sie geben Anlass, genauer hinzusehen.

Was Betriebsräte jetzt tun können

Für Betriebsräte ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag. Wettsucht ist kein Randthema mehr, sondern Teil moderner Suchtprävention im Betrieb. Der erste Schritt ist die Enttabuisierung. „Das Thema ist in den Betrieben präsent und wird zum Glück zunehmend ernst genommen“, sagt Kathrin Wiemann. Informationsangebote rund um Großereignisse wie WM oder EM sind ein geeigneter Einstieg, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Entscheidend ist dabei eine klare Botschaft: Hilfe ist möglich – und gewünscht! 

Auch die Früherkennung spielt eine zentrale Rolle. Schulungen für Führungskräfte und Betriebsräte helfen, typische Warnsignale einzuordnen und Gespräche sensibel zu führen. Gleichzeitig braucht es klare betriebliche Ansprechpartner für Suchtfragen. 

Darüber hinaus sind verbindliche Strukturen hilfreich. Betriebsvereinbarungen zur Suchtprävention, eindeutige Regelungen zur privaten Nutzung digitaler Geräte und die Einbindung in das betriebliche Gesundheitsmanagement schaffen in jedem Fall Orientierung. Und nicht zuletzt geht es darum, den Zugang zu Hilfe zu erleichtern. Kooperationen mit Suchtberatungsstellen und anonym nutzbare Angebote können die Hemmschwelle für Betroffene senken.

Das Thema wird bleiben 

Wettsucht wird nicht mit dem Finale des WM-Turniers abgepfiffen. Im Gegenteil: Die Kombination aus digitalem Angebot, gesellschaftlicher Akzeptanz und emotionalen Sportereignissen sorgt dafür, dass das Thema weiter an Bedeutung gewinnt. Für Betriebsräte bedeutet das, frühzeitig aktiv zu werden, nicht erst, wenn Probleme sichtbar eskalieren. Oder um es mit den Worten von Expertin Kathrin Wiemann zu sagen: „Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Suchtprävention aktiv im Unternehmen anzugehen. Es lohnt sich!“ (tis)

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