Spanien auf Wachstumskurs in Europa

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Was Arbeitnehmervertreter aus dem spanischen Modell lernen können

Viele verbinden Spanien mit mediterraner Gelassenheit und entspanntem Lebensgefühl. Wirtschaftliche Dynamik steht selten ganz oben auf unserer gedanklichen Landkarte. Doch genau hier überrascht das Lieblingsurlaubsland der Deutschen derzeit. Spaniens Wirtschaft wächst kräftig. Was steckt dahinter?

Während die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren immer wieder mit Stagnation, Energiepreisdebatten und Investitionszurückhaltung zu kämpfen hatte, entwickelt sich Spanien zunehmend zu einem der dynamischsten Standorte der Europäischen Union. Und das nicht ohne Grund. Denn hinter dem Aufschwung stehen strukturelle Entscheidungen, die auch arbeitsmarktpolitisch relevant sind. 

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Während hierzulande die Industrieproduktion schwächelt, gilt Spanien als einer der wichtigsten Wachstumstreiber der Eurozone. 

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Wachstum deutlich über dem EU-Schnitt 

Spanien wuchs 2024 um rund 3 Prozent realem BIP, 2025 lag das Wachstum mit knapp 3 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt. Für 2026 wird ein solides Plus von rund 2 Prozent erwartet. Im selben Zeitraum bewegte sich Deutschland nur knapp um die Nulllinie, mit Phasen leichten Rückgangs. Während hierzulande die Industrieproduktion schwächelt, gilt Spanien als einer der wichtigsten Wachstumstreiber der Eurozone. 

Darauf reagieren auch die Finanzmärkte ausgesprochen positiv. Der spanische Leitindex Ibex verzeichnete deutliche Kursgewinne, zugleich hoben mehrere Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes an. Das sorgt für sinkende Finanzierungskosten, stärkt das Vertrauen von Investoren und erhöht die Spielräume für neue Investitionen.

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Rund 605.000 neue Arbeitsplätze entstanden allein im Jahr 2025.

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Arbeitsmarkt: Historischer Wendepunkt 

Ein besonders sichtbares Signal ist Spaniens Arbeitsmarkt. Im vierten Quartal 2025 sank die Arbeitslosenquote auf 9,93 Prozent. Damit fiel sie erstmals seit 2008 unter die Marke von 10 Prozent. 

Das wirkt auf den ersten Blick hoch, vor allem im Vergleich zu Deutschland, wo die Quote zuletzt bei rund 5 bis 6 Prozent lag – aktuell im Januar 2026 sogar bei 6,6 Prozent. Doch für Spanien bedeutet dieser Wert einen historischen Durchbruch. Das Land kämpfte über viele Jahre mit Quoten von 15, 20 oder sogar über 25 Prozent. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Entwicklung mehr als nur ein kurzfristiger Aufschwung, sie steht für einen echten strukturellen Wandel. 

Rund 605.000 neue Arbeitsplätze entstanden allein im Jahr 2025. Davon wurden 92 Prozent im privaten Sektor geschaffen. Gleichzeitig ging der Anteil befristeter Verträge deutlich zurück, während unbefristete Beschäftigung spürbar zunahm. Hauptgrund dafür war eine Arbeitsmarktreform im Jahr 2021/2022 in Spanien. Ziel der Reform war es, die zuvor extrem hohe Quote an Zeitverträgen zu senken. Spanien galt lange als EU-Spitzenreiter bei befristeter Beschäftigung. 

Mehr feste Arbeitsverhältnisse bedeuten für Beschäftigte mehr Planungssicherheit. Für die Wirtschaft stärkt das den Binnenkonsum und sorgt für stabilere Nachfrage.

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Ein zentrales Element des Erfolgs ist die starke Ausrichtung auf Dienstleistungen.

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Dienstleistungsmodell statt Industrieabhängigkeit 

Ein zentrales Element des Erfolgs ist die starke Ausrichtung auf Dienstleistungen. Rund 69 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen in Spanien auf diesen Sektor. Besonders bedeutend ist der Tourismus, der etwa 12 bis 13 Prozent zum BIP beiträgt und nach der Pandemie kräftig gewachsen ist. Gleichzeitig wurden auch wissensintensive Dienstleistungen wie IT, Logistik und Beratung gezielt ausgebaut. 
Auch die Dienstleistungsexporte gewannen an Bedeutung. Diese Struktur macht Spanien weniger abhängig von industriellen Exportzyklen. Deutschland ist zwar ebenfalls stark dienstleistungsgeprägt, hängt jedoch deutlich stärker vom Export von Industriegütern ab, was in Zeiten globaler Handelskonflikte und hoher Energiepreise größere Risiken mit sich bringt. 

Energie und Standortpolitik 

Ein zentraler Standortvorteil Spaniens liegt in der Energiepolitik. Seit 2018 wurde der Ausbau von Wind- und vor allem Solarenergie massiv beschleunigt. 2023 kamen bereits knapp 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Spanien zählt damit zu den führenden Produzenten erneuerbarer Energie in Europa und war beim Solarzubau zeitweise Spitzenreiter. 

Die Regierung verfolgt einen klaren und weitgehend konstanten Pro-Erneuerbaren-Kurs mit festen Ausbauzielen und regelmäßigen Ausschreibungen. Energieprojekte werden gezielt mit Industrie- und Wasserstoffstrategien verknüpft. Das erhöht die Planbarkeit für Unternehmen. 

Ein EU-Sondermechanismus ermöglichte Spanien eine teilweise Entkopplung vom Gaspreis. Zusammen mit niedrigeren Netzentgelten und Abgaben lagen die Strompreise im ersten Halbjahr 2025 im Schnitt etwa 10 bis 12 Cent pro Kilowattstunde unter dem deutschen Niveau. 

Deutschland verfügt zwar ebenfalls über hohe Anteile erneuerbarer Energien, trägt jedoch eine größere Industrielast und höhere Systemkosten. Netzgebühren, Umlagen sowie die stärkere Kopplung an Gas- und CO₂-Preise erhöhen hier den Kostendruck. 

Zudem nutzt Spanien umfangreiche EU-Mittel für Energie- und Infrastrukturprojekte und verbindet Energiepolitik konsequent mit seiner Standortstrategie. 

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Studien und Banken gehen davon aus, dass Zuwanderer einen erheblichen Anteil am jüngsten BIP-Wachstum haben.

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Migration als strategischer Wachstumsfaktor 

Spanische Regierungsvertreter, Ökonomen und internationale Analysen kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die aktive Migrationspolitik einen messbaren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes leistet. Die Regierung betont, dass die geplante Legalisierung Hunderttausender bislang irregulär Beschäftigter gezielt darauf abzielt, Fachkräfteengpässe zu mindern, das Rentensystem zu stabilisieren und das Wachstum abzusichern. 

Studien und Banken gehen davon aus, dass Zuwanderer einen erheblichen Anteil am jüngsten BIP-Wachstum haben. Sie besetzen offene Stellen in arbeitsintensiven Branchen wie Bau, Tourismus, Landwirtschaft, Pflege und Gesundheitswesen und erweitern so die Produktionskapazitäten. 

Auch Spanien hat noch offene Baustellen 

Trotz der positiven Entwicklung steht das Land weiterhin vor strukturellen und politischen Herausforderungen. 

  • Die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich zu vielen anderen EU-Ländern weiterhin relativ hoch, insbesondere bei jungen Menschen. 
  • In großen Städten fehlt bezahlbarer Wohnraum, die Mieten steigen und Straßen, Netze sowie andere Infrastrukturen stoßen teilweise an ihre Grenzen, was weiteres Wachstum bremsen kann. 
  • Ein Teil des wirtschaftlichen Erfolgs basiert auf starkem Tourismus und günstigen Finanzierungsbedingungen, eine Abschwächung der Weltwirtschaft oder steigende Kreditkosten könnten daher spürbare Auswirkungen haben. 
  • Mit dem Auslaufen europäischer Fördergelder muss Spanien künftig stärker auf Produktivitätssteigerungen, Innovation und eigene Investitionen setzen. 
  • Die politische Lage bleibt angespannt, da die Regierung nur über fragile Mehrheiten verfügt und Reformen wiederholt auf parlamentarische Blockaden stoßen, was Investitionen verzögern und die wirtschaftliche Dynamik dämpfen kann. 

Was können Betriebsräte und der Wirtschaftsausschuss mitnehmen? 

1. Gute Arbeit stärkt die Wirtschaft 
Mehr unbefristete Verträge sorgen für Sicherheit bei den Beschäftigten. Wer Planungssicherheit hat, konsumiert eher und stabilisiert damit auch den Betrieb und den Standort. Für Sie als Betriebsrat heißt das, sich klar für dauerhafte Beschäftigung und gegen unnötige Befristungen einzusetzen. 

2. Migration ist gestaltbar 
Zuwanderung kann Betrieben helfen, Personal zu finden und Wachstum zu sichern. Entscheidend ist, dass alle zu fairen Bedingungen arbeiten. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Tarifbindung und Mitbestimmung verhindern Lohndumping. Hier haben Sie als Betriebsrat eine wichtige Rolle bei Integration, Qualifizierung und der Sicherung von Standards. 

3. Energiepreise sind ein Beschäftigungsthema 
Wettbewerbsfähige Strompreise entscheiden mit über Investitionen und Standorte. Für den Wirtschaftsausschuss im Unternehmen bedeutet das, Energiekosten, Investitionspläne und Standortstrategien genau zu prüfen und frühzeitig Fragen zu stellen. 

4. Investitionen aktiv begleiten 
Ob Digitalisierung, KI oder Infrastrukturprojekte – Investitionen wirken nur, wenn sie konsequent umgesetzt werden. Arbeitnehmervertretungen sollten diese Prozesse nicht nur kritisch beobachten, sondern aktiv mitgestalten, etwa bei der Qualifizierung der Mitarbeiter, der Arbeitsorganisation und dem Datenschutz. 

Fazit: Natürlich ist Spanien kein Bauplan, den man eins zu eins auf Deutschland übertragen kann. Die Strukturen sind unterschiedlich, die Ausgangslagen ebenso. Aber der Blick nach Süden holt das Land aus der reinen Urlaubsperspektive heraus und rückt es auf eine sachliche, respektvolle wirtschaftliche Ebene. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Sonne und Strand, sondern um Investitionen, Arbeitsmarktpolitik, Energiepreise und Standortstrategien. Und genau dieser Perspektivwechsel lohnt sich auch für Betriebsräte und den Wirtschaftsausschuss. (sw) 

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