Fachartikel Wirtschaftsausschuss Externe Informationsquellen im Wirtschaftsausschuss gezielt nutzen

Externe Informationsquellen im Wirtschaftsausschuss gezielt nutzen

Nachfrage, Branchenparameter, Umfeld: Ein wichtiger Blick über den Tellerrand

Als Wirtschaftsausschuss haben Sie nahezu unerschöpfliche Informationen aus Ihrem Unternehmen: Betriebswirtschaftliche Auswertungen, Forecasts, Gewinn- und Verlustrechnung, Controllingberichte oder die Bilanz stehen Ihnen zur Auswertung der wirtschaftlichen Lage zur Verfügung. Aber wie ist es um das Umfeld bestellt, in dem sich Ihr Unternehmen bewegt? Wie entwickelt sich die Nachfrage, welche Branchenparameter sollten zum Vergleich herangezogen werden, und wie ist die allgemeine wirtschaftliche Lage? 

Martina Wendt | ifb

Stand:  20.7.2026
Lesezeit:  02:30 min
Informationsquellen Wirtschaftsausschuss | © stockadobe.com > Andrei Korzhyts

Interne und externe Informationsquellen gut kombinieren

Als Wirtschaftsausschuss haben Sie einen umfassenden Einblick in die Zahlen, Daten und Fakten, die das Unternehmen betreffen. Unterlagen zur wirtschaftlichen Lage müssen Ihnen vorgelegt werden, damit Sie umfassend über die aktuelle Situation der Firma informiert sind. Wird in § 106 Abs. 2 S. 1 BetrVG nur allgemein von „erforderlichen Unterlagen“ gesprochen, so ist die Kommentierung (z.B. DKW/Däubler, 20. Auflage, Rn 52ff zu § 106) wesentlich detaillierter: Vom Wirtschaftsprüferbericht über Marktanalysen bis hin zu Plan- und Istzahlen und Unterlagen zum Cash Pooling werden hier viele Dokumente aufgezählt, die die Unterrichtung über die wirtschaftlichen Angelegenheiten nach § 106 Abs. 3 BetrVG unterstützen sollen. Genauso wichtig ist es aber, sich auch über das Unternehmensumfeld zu informieren. Der Wirtschaftsausschuss sollte nicht nur die Lage des eigenen Unternehmens im Blick haben, sondern auch die wirtschaftspolitische Lage und deren Auswirkungen auf die Firma einschätzen können. Hierfür stehen Ihnen zahlreiche Medien zur Verfügung, die in unterschiedlicher Häufigkeit veröffentlicht werden.

Handelsblatt Morning Briefing

Das Handelsblatt ist eine der wichtigsten deutschen Medien für Wirtschaftsthemen und legt seinen Schwerpunkt insbesondere auf Wirtschaftspolitik, Unternehmen und Märkte und Finanzthemen. 
Das Morning Briefing des Handelsblattes bündelt wichtige Schlagzeilen aus Politik und Wirtschaft zu einer unterhaltsamen Kurzübersicht. Fünf bis sechs Themen werden täglich beleuchtet und bieten dem Wirtschaftsausschuss einen Überblick über wichtige wirtschaftspolitische Geschehnisse im In- und Ausland. Das Briefing erscheint in der Regel gegen 6 Uhr und ist sowohl als Podcast als auch als Artikel auf der Homepage des Handelsblatts kostenlos verfügbar.
Viele der Inhalte haben einen direkten Einfluss auf Unternehmen und deren Beschäftigte, wie z. B. die Arbeitsmarktentwicklung, die digitale Transformation oder die Strategie großer Konzerne. Für den Wirtschaftsausschuss bietet dieser Kurzüberblick die Möglichkeit, sich schnell und unkompliziert über komplexe Themen zu informieren. Das Morning Briefing kommt ohne komplizierten Fachjargon aus und bietet so einen leicht zugänglichen Weg zu aktuellen Geschehnissen rund um Wirtschaft und Politik.
Zeitaufwand: ca. 10 Minuten

ifo Konjunkturprognose und Gemeinschaftsdiagnose

Das ifo Institut ist ein Wirtschaftsforschungsinstitut mit Sitz in München. Neben Politikberatung und Forschung veröffentlich es regelmäßig kostenlos Informationen und Services zu wirtschaftlichen und politischen Themen. 
Die ifo Konjunkturprognose erscheint vierteljährlich, zweimal im Jahr wird sie durch eine separate Prognose für Ostdeutschland und Sachsen ergänzt. Eingegangen wird darin insbesondere auf die Lage der deutschen Wirtschaft und einer Prognose für die nächsten Monate. Verschiedene Schwerpunkte wie Arbeitsmarkt, Inflation oder ein Blick auf die Weltwirtschaft vervollständigen die Einschätzung der Forscher. Besonders interessant für den Wirtschaftsausschuss sind die in den Prognosen enthaltenen Risiken. Hier lohnt sich eine eigene Beurteilung und Diskussion mit dem Unternehmer, inwieweit das eigene Unternehmen davon betroffen ist.
Zeitaufwand: ca. 1 Stunde inkl. Auswertung

Die Gemeinschaftsdiagnose wird in Zusammenarbeit mit anderen Wirtschaftsforschungsinstituten halbjährlich veröffentlicht. Der Aufbau folgt in der Regel dem Aufbau

  • Deutschland
  • Weltwirtschaft
  • Risiken

Durch die Kooperation der verschiedenen Forschungsinstitute werden die Prognosen aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet und bieten eine umfassende Analyse des wirtschaftlichen Geschehens. Auch hier ist der Bereich der Risiken besonders interessant für den Wirtschaftsausschuss.
Zeitaufwand: ca. 3 Stunden inkl. Auswertung

Tipp: Laden Sie sich das PDF herunter und lesen zuerst die Kurzfassung. Dann können Sie anhand dieser Übersicht in für Ihr Unternehmen relevante Themen tiefer gehen und die Schwerpunkte der Analyse unter den Mitgliedern im Wirtschaftsausschuss aufteilen.

Jahreswirtschaftsbericht inkl. Jahresprojektion der Bundesregierung

Der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung erscheint jährlich und wird Ende Januar durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vorgestellt. Der Bericht und die darin enthaltene Jahresprojektion (Prognose) enthalten nach § 2 StabG (Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft):

  • die Stellungnahme der Bundesregierung zum Jahresgutachten des Sachverständigenrates,
  • die für das laufende Jahr von der Bundesregierung angestrebten wirtschafts- und finanzpolitischen Ziele sowie
  • die für das laufende Jahr geplante Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Die meist unter einem bestimmten Motto stehende Veröffentlichung zeigt, welche Investitionen und Reformvorhaben durch die Bundesregierung geplant sind, wie sich das Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich entwickeln wird und welche Erwartungen an den Außenhandel gestellt werden.

Für den Wirtschaftsausschuss sind die Ziele und Maßnahmen der Bundesregierung eine wichtige Grundlage für die Beratung mit dem Unternehmer. Spätestens die Maßnahmen, die der Bericht konkret nennt, wie z. B. zuletzt die Veränderung der degressiven Abschreibung oder die Aktivrente, haben direkte Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Angelegenheiten im Unternehmen und damit auf die Mitarbeiter. Die damit verbunden Chancen und Risiken für die eigene Firma sollten zumindest einmal pro Jahr ausführlich besprochen werden. Vielleicht kann ja auch eine Vorreiterrolle eingenommen werden, ohne auf gesetzliche Regelungen zu warten?
Zeitaufwandinkl. Auswertung: mind. 1 Tag

Tipp: Der Jahreswirtschaftsbericht ist ein sehr umfangreiches Dokument. Künstliche Intelligenz kann Ihnen bei der Auswertung helfen. Laden Sie den Bericht in die KI Ihrer Wahl und arbeiten Sie mit folgendem Prompt:
„Ich bin Mitglied im Wirtschaftsausschuss eines xxx (beschreiben Sie hier in zwei Sätzen die Größe Ihres Unternehmens und die Branche) und berate den Betriebsrat in wirtschaftlichen Angelegenheiten.
Analysiere den Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung aus Sicht unseres Wirtschaftsausschusses. Ziel ist es, wirtschaftliche Entwicklungen zu erkennen, die für unser Unternehmen, unsere Branche und die Beschäftigten relevant sein können.

Bitte arbeite in folgender Struktur:

  1. Welche wirtschafts- und finanzpolitischen Schwerpunkte setzt die Bundesregierung im laufenden Jahr?
  2. Welche konkreten Maßnahmen, Programme oder Reformen sind für das laufende Jahr angekündigt?
  3. Welche dieser Maßnahmen könnten unsere Branche besonders betreffen?
  4. Welche möglichen Chancen ergeben sich für unser Unternehmen?
  5. Welche Risiken ergeben sich für Umsatz, Nachfrage, Kosten, Personalplanung und Investitionen?
  6. Welche möglichen Auswirkungen können sich für unsere Beschäftigten ergeben, z. B. Arbeitsmenge, Qualifikationsbedarf, Beschäftigungssicherung, neue Aufgaben, Belastungen oder Standortfragen?
  7. Formuliere daraus konkrete Fragen, die der Wirtschaftsausschuss der Geschäftsführung stellen sollte.
  8. Bitte unterscheide klar zwischen gesicherten Aussagen aus dem Bericht, plausiblen Schlussfolgerungen und offenen Fragen für die Geschäftsführung.“

Weitere Informationsmöglichkeiten und Kostenübernahme

Als Wirtschaftsausschuss sollten Sie sich auch regelmäßig über branchenspezifische Entwicklungen auf dem Laufenden halten und die Tagespresse im direkten Unternehmensumfeld nicht aus den Augen verlieren. Während die hier im Artikel vorgestellten Quellen kostenlos verfügbar sind, können für Branchenberichte und Tageszeitungen Kosten anfallen. Sprechen Sie sich hier am besten mit Ihrem Betriebsrat ab, wo eventuell Informationsmaterial gemeinsam genutzt werden kann. Grundsätzlich gilt: Wie auch beim Betriebsrat muss der Arbeitgeber die Kosten tragen, die durch die Tätigkeit des Wirtschaftsausschusses entstehen (DKW/Däubler, 20. Auflabe, Rn 2 zu § 40). 

Kontakt zur Redaktion Kollegen empfehlen
Drucken

Das könnte Sie auch interessieren

Auch Unternehmensberater müssen sich vorstellen - § 106 Abs. 3 Nr. 4 BetrVG

Wenn einem plötzlich fremde Personen auf den Gängen begegnen und bei der Arbeit über die Schulter sc ...

Polens Wirtschaft im Aufwind – was hinter dem Wachstum steckt

Lange galt Polen in Deutschland vor allem als kostengünstiger Produktionsstandort. Heute zeigt der B ...

Online-Sitzungen im Wirtschaftsausschuss

Online-Sitzungen sind für den Wirtschaftsausschuss schon lange ein Thema. Gerade bei deutschlandweit ...