Wir müssen mehr arbeiten! Diesen Satz hört man derzeit aus vielen Kanälen. Und während parallel dazu die Zahl der offenen Stellen sinkt und die Arbeitslosenquote auf ein 10-Jahres-Hoch schnellt, ist der „Bösewicht“ für eine wirtschaftliche Schieflage in Wirtschaftskreisen schnell gefunden: Faule Arbeitnehmer, die lieber shoppen gehen als etwas zu leisten. Junge Arbeitnehmer, die es sich lieber gemütlich machen als sich im Job zu beweisen. Aber was ist da eigentlich dran? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Fakten.
Fast jede zweite erwerbstätige Frau (49 %) arbeitet in Teilzeit.
Zahlen, Daten, Fakten
Die Teilzeitquote in Deutschland ist tatsächlich seit Jahren hoch: 2024 war fast jeder Dritte Erwerbstätige in Teilzeit beschäftigt (29 %). Im europaweiten Vergleich haben nur die Niederlande, die Schweiz und Österreich mehr Arbeitnehmer in Teilzeit.
Wer arbeitet besonders gerne Teilzeit? Schaut man sich die Teilzeitler genauer an, fällt vor allem eins sofort ins Auge: Fast jede zweite erwerbstätige Frau (49 %) arbeitet in Teilzeit. Bei den Männern ist es nur jeder neunte (12 %). Teilzeit ist also weiblich, rund drei Viertel aller Teilzeitbeschäftigten sind Frauen. Besonders hoch ist diese Quote bei Müttern mit Kindern unter 18 Jahren: 68 % von ihnen arbeiteten 2024 in Teilzeit. Bei Vätern waren es im Vergleich nur 8 %.
Warum Teilzeit? Das sind die Gründe
Sucht man umgekehrt nach den Gründen für die Arbeit in Teilzeit, so sagt laut Statistischem Bundesamt nur knapp jeder Dritte (27,9 %), dass er aus freien Stücken weniger arbeitet, um mehr Zeit für Hobbies oder einfach mehr Freizeit zu haben. Bei den anderen gibt es handfeste Gründe für die Teilzeit-Entscheidung: Hier steht Kinderbetreuung ganz oben (23,5 %), gefolgt von der Pflege von Angehörigen (15 %) sowie wegen Weiterbildung (11,6 %). Auch gesundheitliche Gründe spielen eine Rolle, ebenso wie die Angabe, keine Vollzeitstelle zu finden (jeweils knapp 5 %).
Interessant ist noch ein Punkt dabei: Bei jüngeren Arbeitnehmern unter 25 hat der Anteil an Teilzeit zugenommen in den vergangenen Jahren. Aber: Das ist relativ, denn die Erwerbsquote dieser Altersgruppe hat insgesamt zugenommen. Faule Generation? Von wegen!
Während manche zum Beispiel mit einer 35-Stunden-Woche Teilzeitler sind, gilt dies in anderen Branchen als Vollzeit.
Anspruch auf Teilzeit: So ist die Rechtslage
Kann denn in Deutschland einfach so jeder Teilzeit arbeiten oder in Teilzeit wechseln? Bei neuen Jobs ist es eine Frage der Verhandlungen – sind alle einverstanden, kann Teilzeit vereinbart werden. Wer indes schon in Vollzeit arbeitet, dem hilft ein Blick ins Gesetz, und zwar ins Teilzeit- und Befristungsgesetz. Dort erfährt man in § 2 TzBfG zunächst, was Teilzeit überhaupt ist:
Teilzeitbeschäftigt ist ein Arbeitnehmer, dessen regelmäßige Wochenarbeitszeit kürzer ist als die eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers. Ist eine regelmäßige Wochenarbeitszeit nicht vereinbart, so ist ein Arbeitnehmer teilzeitbeschäftigt, wenn seine regelmäßige Arbeitszeit im Durchschnitt eines bis zu einem Jahr reichenden Beschäftigungszeitraums unter der eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers liegt.
Das bedeutet: Während manche zum Beispiel mit einer 35-Stunden-Woche Teilzeitler sind, gilt dies in anderen Branchen als Vollzeit.
Möchte man nun von Voll- in Teilzeit wechseln, so ist dies in § 8 TzBfG geregelt. Voraussetzung ist, dass das Arbeitsverhältnis länger als sechs Monte besteht und dass das Unternehmen mehr als 15 Mitarbeiter hat. Der Arbeitgeber muss zustimmen, wenn nicht „betriebliche Gründe“ dem entgegenstehen. Details können sich aus Tarifverträgen ergeben. Die Regelung wurde übrigens im Jahr 2021 geschaffen. Ein Ziel damals war nicht die Entlastung der Arbeitnehmer, sondern eine Entlastung des damals recht angespannten Arbeitsmarktes.
Können wir bei den Fakten bleiben, bitte?
Leider hat es der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ von Anfang an nicht leicht gemacht, einmal nüchtern auf die Debatte zu schauen. Die Frage ist doch: Haben wir wirklich ein Faulheitsproblem? Die Antwort darauf ist eindeutig: Haben wir nicht! Die Zahlen zeigen eindeutig, dass fast jede Entscheidung für Teilzeit aus handfesten Gründen geschieht. Nicht, um auf der faulen Haut zu liegen oder dem Arbeitgeber eins auszuwischen, sondern um Kinder zu versorgen oder Pflegeleistungen zu übernehmen. Der Blick sollte also auf andere Fragen gelenkt werden!
Wie ließe sich manche Arbeitssituation besser und flexibler machen, um Anreize zu schaffen?
Hierzu gehört:
- Wie könnte man Menschen, die mehr arbeiten wollen, dies ermöglichen? Braucht es vielleicht strukturelle Änderungen, vor allem für Frauen?
- Wie ließe sich manche Arbeitssituation besser und flexibler machen, um Anreize zu schaffen? Manche Menschen stecken in der Teilzeit-Falle, dem schnell das Risiko der Altersarmut folgt.
- Wie könnte es gerechter zugehen, wenn z.B. beide Eltern (mehr) arbeiten? Denn manchmal lohnt sich die Vollzeit auch gar nicht, hier wäre das Steuerrecht ein Hebel!
Wie machen es unsere Nachbarn?
Bei der Debatte um Teilzeit lohnt sich zum Schluss noch ein Blick in die Niederlande. Dort arbeiten laut Eurostat die Menschen zwischen 20 und 64 Jahren nur 31,2 Stunden im Schnitt pro Woche! Und das tut der Produktivität und der Wirtschaftsleistung keinen Abbruch. Könnten wir daraus etwas lernen? Denn gleichzeitig ist die Beschäftigungsquote unter den Erwerbsfähigen mit 82 % sehr hoch. Bei uns sind es im Schnitt nur 77,5 % (Frauen: 73,7 %).
Fazit: Lifestyle hat nichts mit Teilzeit zu tun. Statt laut zu schreien, sollten sich Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Politiker einfach mal auf die Fakten konzentrieren. Denn es geht darum, WIE Arbeit verteilt wird im Dreiklang von Wirtschaft, Familie und Lebensqualität. Und hier sind noch einige Hausaufgaben zu machen! (cbo)