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Begeisterung für den Wirtschaftsausschuss!

So gelingt dem Betriebsrat der Blick auf die tatsächliche Lage des Unternehmens

Ein cleverer Wirtschaftsausschuss hilft dem Unternehmen weit über die reinen Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates hinaus, meint unser Referent Torsten Sorg. Aber wie begeistert man Kollegen für die Mitarbeit im Wirtschaftsausschuss? Und was tun Gremien, die keinen Wirtschaftsausschuss gründen können? Es gilt, Zukunft zu gestalten – weit über die „reinen Zahlen“ hinaus.

Stand:  26.4.2022
Lesezeit:  04:00 min
Begeisterung für den Wirtschaftsausschuss! | © Adobe |Gorodenkoff

Torsten, Du bist unter anderem Betriebswirt. Nach so einer Ausbildung strebt man eigentlich Führungspositionen im Management an. Was hat Dich dazu bewogen, Dich auf die „andere Seite“ zu schlagen und Mitglieder im Wirtschaftsausschuss fortzubilden?

Im Unternehmen ist es meiner Meinung nach wie im wahren Leben: Es geht meist nicht um „Entweder-oder“, sondern um „sowohl als auch“. Also Mitarbeiter und Unternehmer, das geht nur zusammen! Jeder im Unternehmen sollte sich im Klaren sein, dass die langfristige Existenzsicherung der Firma das vorrangige Ziel sein muss. Um das zu gewährleisten, brauchen alle, die mitgestalten wollen, die notwendigen Kompetenzen. Und ich vermittle sie eben an den Wirtschaftsausschuss, der wiederum den Betriebsrat bei der Mitgestaltung unterstützt.

Ein cleverer Wirtschaftsausschuss überzeugt auch weit über die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats hinaus.

Wie wichtig ist ein Wirtschaftsausschuss für den Betriebsrat und für die Mitbestimmung im Unternehmen?

Der Wirtschaftsausschuss ist sehr wichtig; und dafür gibt es gleich mehrere Gründe: Zum einen hat er Anspruch auf wesentlich mehr wirtschaftliche Informationen als der Betriebsrat. Das ermöglicht es ihm, sich ein eigenständiges Bild der tatsächlichen Lage des Unternehmens zu machen – und der Betriebsrat kann die Ausgestaltung seiner Mitbestimmungsrechte auf einer gesicherten Basis vornehmen. Zum anderen hat der Wirtschaftsausschuss ein Beratungsrecht zu wirtschaftlichen Sachverhalten mit dem Unternehmer. Ein cleverer Wirtschaftsausschuss wird es verstehen, seinen „Beratungsklienten“ auch weit über die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats hinaus mit konstruktiven Argumenten zu überzeugen; oder zumindest in seinem Sinne positiv zu beeinflussen – wie jeder erfolgreiche Berater auf seinem Gebiet.

Zahlen sind nur ein Hilfsmittel, wie z.B. Bergschuhe für einen Wanderer.

Ist es nach wie vor schwierig, Menschen für die vermeintlich „trockenen Zahlen“ zu begeistern?

Ich glaube, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit von wirtschaftlich-unternehmerischer Gestaltung durch die Ereignisse der letzten zwei Jahre wieder etwas größer geworden ist.

Das ist für mich aber nicht entscheidend für die Begeisterung zur Wirtschaftsausschussarbeit. Entscheidend ist für mich der Mehrwert, der durch eine konstruktive und ganzheitliche Arbeitsweise des Wirtschaftsausschusses entstehen kann. Und der besteht ganz sicher nicht nur aus Zahlen. Wir müssen weit darüber hinausdenken, für eine zielführende Weichenstellung sorgen, Zukunft gestalten! Die Zahlen sind dazu nur ein Hilfsmittel, wie zum Beispiel Bergschuhe für einen Wanderer. Die Schuhe kauft und pflegt er, um einen Berg zu besteigen und dann die Aussicht auf dem Gipfel genießen zu können – und nicht nur, um die Schuhe im Schrank zu haben.

Was meinst Du als erfahrener Referent: Wieviel Vorkenntnis und Zahlenaffinität braucht es für die Arbeit im Wirtschaftsausschuss?

Wer sich noch grob an die Grundrechenarten erinnert, hat meiner Meinung nach genügend Vorkenntnisse für die Arbeit im Wirtschaftsausschuss. Alles andere lässt sich erlernen und erarbeiten. Man muss auch kein „Zahlenfreak“ sein, wir Betriebswirte zählen ja bekanntermaßen auch nur: „Eins, zwei, drei, viele!“ Aber man sollte natürlich auch nicht in Schnappatmung verfallen, wenn mehr als drei Zahlen auf einem Blatt Papier stehen. Aber um es ganz deutlich zu sagen: Ich bin ein Fan von Wirtschaftsausschüssen, die sich aus den unterschiedlichen Unternehmensbereichen zusammensetzen, nicht nur aus den „Zahlenbereichen“ wie beispielsweise dem Controlling. Dadurch ergeben sich oft ganzheitliche und praktikable Lösungswege. Wer interessiert ist, kann alles Notwendige dafür erlernen!

Wir müssen mit der Aussicht auf dem Gipfel werben.

Welchen Tipp kannst Du Betriebsräten geben, die keinen Wirtschaftsausschuss gründen können? Entweder, weil das Unternehmen zu klein ist oder weil sich niemand findet, der in diesem Ausschuss mitarbeiten möchte?

Im ersten Fall ist der Handlungsspielraum leider begrenzt, aber auch hier gibt es gewisse Ansätze, mit denen der Betriebsrat trotzdem an die eine oder andere Information kommt. Die Erwartungen darf man aber in diesem Fall nicht zu hoch hängen. Im zweiten Fall würde ich zunächst mal die Gründe für den fehlenden Wirtschaftsausschuss hinterfragen und auf Basis dieser Erkenntnisse als Betriebsrat agieren. In einigen Fällen werden es vermutlich die vermeintlich trockenen Zahlen sein, die abschrecken. Da sollte Aufklärung stattfinden, dass sinnvolle Wirtschaftsausschussarbeit nicht nur aus Zahlen besteht. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Die Bergwanderung besteht ja auch nicht nur aus dem Aufstieg! Wir müssen mit der Aussicht auf dem Gipfel werben, dann aber bitte die Arbeit des Wirtschaftsausschusses in der Praxis auch so gestalten, dass es diese auch mal zu genießen gibt. Da das erreicht wird, wenn sich der Wirtschaftsausschuss nicht nur mit Zahlen beschäftigt, schließt sich der Kreis. Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass alle Betriebsratsmitglieder eine umfassende Vorstellung von ganzheitlicher und konstruktiver Wirtschaftsausschussarbeit haben! Wer arbeitet schon gerne für einen „Auftraggeber“, der weder Vorstellung noch Wertschätzung für die geleistete Arbeit hat?

Zum Schluss eine kleine Motivationsrede: Was würdest Du Betriebsräten sagen, die noch nicht von den Vorteilen eines Wirtschaftsausschusses überzeugt sind?

Löst Euch von der Vorstellung, dass der Wirtschaftsausschuss nur in regelmäßigen Abständen die Zahlen anguckt und an den Betriebsrat berichtet! Das wäre wie ein Flugzeug, das nie den Boden verlässt. Wirtschaftsausschussarbeit in ihrer Vollendung ist Zukunftsgestaltung! Macht Euch ein Bild, wo überall Gestaltungsmöglichkeiten in der Arbeit des Wirtschaftsausschusses schlummern, und weckt sie auf! Dazu braucht es nicht nur Zahlen und Berichte. Es braucht ganzheitliches Verständnis, eigens entwickelte Szenarien, in denen Auswirkungen und der Mehrwert für alle Beteiligten aufgezeigt werden. Dem Unternehmer muss der Wirtschaftsausschuss dies dann schmackhaft machen – mit Sachverstand, ein bisschen Psychologie und Kommunikation.

Ein in Vollendung arbeitender Wirtschaftsausschuss verhindert durch sein langfristig ausgerichtetes Agieren mit dem Unternehmer Probleme, auf die der Betriebsrat im Rahmen seiner Mitbestimmungsrechte allzu häufig leider nur noch reagieren und das Unheil minimieren kann. Eine Chance, die genutzt werden sollte!

Das Interview führte Martina Wendt.

 

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