Polens Wirtschaft im Aufwind – was hinter dem Wachstum steckt

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Wirtschaftliche Lage: Blick über Landesgrenzen

Lange galt Polen in Deutschland vor allem als kostengünstiger Produktionsstandort. Heute zeigt der Blick über die östliche Grenze allerdings ein anderes Bild: eine Wirtschaft mit Tempo, Investitionen und wachsender Bedeutung. Es ist Zeit, genauer hinzuschauen, was dort passiert und auch warum.

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Geschäftsidee, ein kleines Team, einen klaren Plan. Jetzt brauchen Sie nur noch eins: eine Firma. In Deutschland fühlt sich eine Unternehmensgründung nicht selten an wie ein Staffellauf zwischen Notar, Bank und Registergericht, oft mit mehreren Wochen oder Monaten Zeitbedarf. Dagegen brauchen Sie in unserem Nachbarland Polen nur ein paar Klicks und zur Freude der Jungunternehmer deutlich weniger Startkapital. Dort kann das, je nach Rechtsform und Standardgründung, sehr schnell online erledigt werden. Das klingt nach einem Detail, ist aber ein ziemlich guter Einstieg in das größere Bild. Denn Polens wirtschaftlicher Erfolg ist gerade auch das Ergebnis von Tempo, Investitionen und einer Aufholphase, in der viel gleichzeitig angeschoben wird.

Ein wesentlicher Grund für diesen Unterschied liegt im Arbeitsmarkt.

So steht Polen aktuell da

Polens Bruttoinlandsprodukt wuchs laut Trading Economics im Jahr 2025 um 3,6 Prozent; und damit so stark wie zuletzt 2022. In Deutschland fiel die Entwicklung deutlich schwächer aus. Nach Berechnungen des Statistisches Bundesamts ist das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 lediglich um 0,2 Prozent gewachsen.

Ein wesentlicher Grund für diesen Unterschied liegt im Arbeitsmarkt. Polen zeigt sich hier besonders stabil und leistungsfähig. Eurostat weist für Polen zuletzt eine Arbeitslosenquote von rund 3,2 Prozent aus, einen der niedrigsten Werte in der Europäischen Union. Zusätzlich verfügt Polen über einen vergleichsweisen 
höheren Anteil junger Erwerbspersonen im Alter von 15 bis 34 Jahren. Diese demografische Struktur wirkt dämpfend auf Arbeitskräftemangel und starke Lohnsteigerungen und trägt dazu bei, die wirtschaftliche Dynamik aufrechtzuerhalten.
 
Zwischen Deutschland und Polen gibt es zudem einen deutlichen Lohnabstand. Deutsche Beschäftigte verdienen im Durchschnitt rund doppelt so viel wie polnische Arbeitnehmer, sowohl bei den Durchschnittslöhnen als auch beim Mindestlohn. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten in Polen deutlich niedriger, was den Einkommensunterschied zwar abmildert, ihn jedoch nicht vollständig ausgleicht.

Bei der Inflation zeichnet sich ebenfalls eine Stabilisierung ab. Die EU-Kommission rechnete für Polen im Jahr 2025 mit einer Inflationsrate von rund 3,4 Prozent und für 2026 mit etwa 2,9 Prozent. Nichtsdestotrotz ist der Wohlstandsabstand pro Kopf weiterhin groß. Nach Angaben der Weltbank lag das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland pro Kopf im Jahr 2024 bei rund 56.100 US-Dollar, in Polen etwa 25.100 US-Dollar. Die Aufholjagd ist also spürbar, der Abstand jedoch nach wie vor erheblich.

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Der wirtschaftliche Vorsprung Polens ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer Faktoren

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Was läuft in Polen gerade besser, und warum?

Der wirtschaftliche Vorsprung Polens ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer Faktoren, die derzeit besonders gut zusammenspielen. Vier davon stechen im Vergleich zu Deutschland besonders hervor.

1) Investitionen, sichtbar und groß skaliert
Viele Investitionen schließen noch bestehende Infrastruktur- und Kapazitätslücken und entfalten deshalb schnell spürbare Wachstumseffekte. Hinzu kommen eine zügige Planung und Umsetzung von Projekten sowie der gezielte Einsatz von EU-Mitteln, um private Investitionen anzustoßen. Bedeutet: Je schneller umgesetzt, umso schneller kann wieder abgerufen werden. In Deutschland wirken Investitionen häufig langsamer, da sie stärker der Bestandserhaltung dienen und durch längere Genehmigungs- und Abstimmungsprozesse gebremst werden.

2) Staatliche Investitionspolitik als Standortfaktor
In Polen wird Wirtschaftspolitik aktuell sehr direkt über konkrete Investitionen umgesetzt. Große Projekte in Energie, Infrastruktur, IT und Industrie werden zügig gestartet und nicht nur angekündigt. Öffentliche Investitionen wirken dabei gezielt als Hebel für private Investitionen. Der Staat versteht sich klar als aktiver Gestalter von Standortentwicklung und industrieller Wertschöpfung.
Ein zentrales Instrument ist die Polish Investment Zone. Sie gilt landesweit und gewährt Unternehmen steuerliche Vorteile, wenn sie in Polen investieren und bestimmte Bedingungen erfüllen, etwa die Schaffung oder Sicherung von Arbeitsplätzen oder Investitionen in moderne Technologien. Die Förderung richtet sich an Unternehmen, nicht an Beschäftigte. 

3) Binnenmarkt als Wachstumsmotor
Die EU-Kommission identifiziert den privaten Konsum und steigende Investitionen als zentrale Treiber des Wachstums in Polen. Das bedeutet, dass die wirtschaftliche Dynamik zunehmend aus dem eigenen Markt entsteht. Für Unternehmen ist der Standort dadurch besonders attraktiv, weil Nachfrage nicht nur vom Export abhängt, sondern auch durch einen wachsenden Binnenmarkt getragen wird.

4) Aufholphase, weniger Ballast, mehr Beweglichkeit
Das bedeutet nicht, dass Polen alles besser macht, sondern es folgt auch einer wirtschaftlichen Logik. Länder in der Aufholphase können oft schneller wachsen. Viele Strukturen werden derzeit modernisiert, häufig mit einem pragmatischen Fokus auf Umsetzung. Das zeigt sich ganz konkret in Projekten, Baustellen und neuen wirtschaftlichen Kapazitäten.

Deutschland verfügt weiterhin über zentrale wirtschaftliche Stärken, insbesondere eine hohe Produktivität, eine leistungsfähige Industrie, ausgeprägte Technologiekompetenz und international etablierte Marken. Diese Faktoren sichern Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand, haben zuletzt jedoch nur begrenzt zu Wachstum beigetragen. Die EU-Kommission beschrieb für 2025 faktisch wirtschaftlichen Stillstand und erwartet erst ab 2026 eine spürbare Erholung.
Der wichtige Punkt ist: Deutschland und Polen spielen gerade unterschiedliche Wirtschaftsspiele. Polen baut Tempo in der Skalierung auf, Deutschland ringt stärker mit Komplexität, Demografie, Investitionslücken und Transformationsdruck.

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Eine Umfrage von KPMG zeigt, dass 22 Prozent der befragten Unternehmen eine Verlagerung von Produktionskapazitäten aus Deutschland nach Mittel- und Osteuropa prüfen.

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Wie viele deutsche Unternehmen lagern nach Polen aus?

Eine exakte amtliche Kennzahl nach dem Muster „X deutsche Unternehmen haben 2025 nach Polen verlagert“ existiert nicht. Der Grund dafür liegt in der Struktur moderner Standortentscheidungen. Produktions- und Wertschöpfungsverlagerungen erfolgen heute selten als vollständige Standortschließungen, sondern überwiegend in differenzierten Formen wie der Gründung von Tochtergesellschaften, Greenfield-Investitionen (Neuinvestition auf der „grünen Wiese“), Kapazitätserweiterungen, Teilverlagerungen einzelner Prozesse oder durch gezieltes Outsourcing von Funktionen.
Belastbare Hinweise auf die Entwicklung liefern jedoch aktuelle Unternehmensbefragungen. Eine Umfrage von KPMG zeigt, dass 22 Prozent der befragten Unternehmen eine Verlagerung von Produktionskapazitäten aus Deutschland nach Mittel- und Osteuropa prüfen. Rund drei Prozent hatten eine entsprechende Entscheidung bereits getroffen. Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt eine Erhebung des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und seiner Partner aus dem Jahr 2025. 
Ergänzend weisen internationale Standortanalysen auf eine zunehmende Auslandsorientierung deutscher Industrieunternehmen hin. Laut von Reuters ausgewerteten Umfragedaten plant nahezu die Hälfte der befragten Unternehmen eine Ausweitung ihrer Aktivitäten im Ausland. Ein relevanter Anteil rechnet dabei explizit mit der Verlagerung von Beschäftigung oder Wertschöpfungsstufen.
Insgesamt ergibt sich damit kein Bild einer abrupten Abwanderung, sondern eines schrittweisen, strategisch motivierten Outsourcing- und Verlagerungstrends. Polen nimmt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle ein, als geografisch naher Standort mit wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen, wachsendem Binnenmarkt und zunehmend leistungsfähiger Industrie- und Logistikinfrastruktur.

Was Betriebsräte daraus mitnehmen können

  1. Früh verstehen, was Standortdruck konkret bedeutet
    Wenn Investitionen in Polen schneller umgesetzt werden, steigt der Druck auf andere Standorte. Für Betriebsräte in Deutschland ist es wichtig, frühzeitig eingebunden zu sein, etwa bei Digitalisierung, Automatisierung, Qualifizierung und Investitionsplanungen. Nicht erst dann, wenn Entscheidungen bereits getroffen sind. Das geht am besten über einen kompetenten Wirtschaftsausschuss.
  2. Verlagerungen sachlich einordnen und verhandeln
    Die Umfragen zeigen, dass viele Unternehmen Optionen prüfen, aber nur wenige Entscheidungen bereits feststehen. Das eröffnet Spielräume. Betriebsräte könnten mit dem Arbeitgeber über Alternativen sprechen, etwa über Qualifizierung, Arbeitszeitmodelle, Produktivitätsmaßnahmen oder Prozessverbesserungen, und dabei klare Zusagen mit dem Arbeitgeber verhandeln.
  3. Der Wirtschaftsausschuss stellt die richtigen Fragen
    Die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses sollten gezielt nachfragen, im Vergleich zu welchen Standorten oder Alternativen geplant wird, zum Beispiel zu Polen, anderen EU-Ländern oder externen Dienstleistern. Wichtig sind dabei Fragen wie: Warum soll das Unternehmen oder ein Bereich verlagert werden? Welche Probleme löst diese Verlagerung? Welche Produkte, Prozesse oder Aufgaben werden verglichen? Auf welchen Annahmen beruhen diese Planungen? Welche Kosten, Risiken und Auswirkungen auf Beschäftigung sind damit verbunden? Welche Investitionen sind für den Standort Deutschland vorgesehen und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit diese hier umgesetzt werden?
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Der Vergleich mit Polen zeigt vor allem eines: Nicht alles, was wirtschaftlich entschieden wird, kann der Betriebsrat hierzulande direkt beeinflussen.

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Fazit für Betriebsräte

Der Vergleich mit Polen zeigt vor allem eines: Nicht alles, was wirtschaftlich entschieden wird, kann der Betriebsrat hierzulande direkt beeinflussen. Ihre Aufgabe als Betriebsrat liegt vor allem darin, die Auswirkungen solcher Entscheidungen auf die Beschäftigten im Sinne der Beschäftigungssicherung im Blick zu behalten. 
Fragen zu Standortvergleichen, Investitionen oder wirtschaftlichen Strategien gehören in den Wirtschaftsausschuss. Dort müssen diese Themen frühzeitig besprochen und transparent gemacht werden. Wichtig ist dann das Zusammenspiel der beiden Gremien. Nur wenn wirtschaftliche Entwicklungen rechtzeitig bekannt sind, können Sie als Betriebsrat ihre Mitbestimmungsrechte sinnvoll nutzen und die Interessen der Beschäftigten wirksam vertreten. Und genau deshalb lohnt sich auch ein Blick über den Länderzaun. (sw) 

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