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Chronoworking: Arbeiten nach der inneren Uhr

Wenn Arbeitszeit zum Biorhythmus passt

Meetings um acht, Schichtbeginn um sechs, E-Mails noch vor dem ersten Kaffee. Viele Betriebe starten früh in den Tag. Doch nicht jeder Beschäftigte ist zu dieser Uhrzeit bereits voll leistungsfähig. Einige Unternehmen beschäftigen sich deshalb mit Chronoworking, einem Ansatz, der Arbeitszeiten stärker am Biorhythmus orientiert. Doch was steckt dahinter und worin unterscheidet er sich von der klassischen Gleitzeit?

Stand:  21.8.2026
Lesezeit:  02:15 min
Chronoworking | © stockadobe.com | vetre

Wer als Betriebsrat über Arbeitszeiten nachdenkt, stößt schnell auf eine grundlegende Frage: Muss der Arbeitstag wirklich für alle zur gleichen Uhrzeit beginnen? Wo betriebliche Abläufe Spielraum lassen, könnte tatsächlich Chronoworking neue Impulse geben.

Chronoworking beschreibt einen Ansatz, bei dem sich die Arbeitszeit stärker an der biologischen Uhr des Menschen orientiert.

Was bedeutet Chronoworking?

Chronoworking beschreibt einen Ansatz, bei dem sich die Arbeitszeit stärker an der biologischen Uhr des Menschen orientiert. Ziel ist es, anspruchsvolle Aufgaben dann zu erledigen, wenn Konzentration und Leistungsfähigkeit am höchsten sind. Nicht weniger Arbeit ist die Idee, sondern die richtige Arbeit zur richtigen Zeit.

Die wissenschaftliche Grundlage liefert die Chronobiologie. Sie erforscht die innere Uhr des Menschen und zeigt, dass jeder einen individuellen Chronotyp besitzt. Dieser beeinflusst unter anderem, zu welchen Tageszeiten wir besonders leistungsfähig sind und wann unser Körper Erholung braucht.

Oft ist von Lerchen und Eulen die Rede. Tatsächlich bilden sie jedoch die beiden Extreme. Lerchen kommen morgens schnell in Schwung, während Eulen ihr Konzentrationshoch meist erst am Nachmittag oder Abend erreichen. Die meisten Menschen gehören jedoch einem mittleren Chronotyp an und liegen irgendwo dazwischen.

Für Menschen mit einem späten Chronotyp ist der Arbeitsbeginn oft nur ein Teil des Problems. Auch Schule, Kinderbetreuung, Behörden oder Arzttermine orientieren sich meist an frühen Uhrzeiten. Chronobiologen sprechen deshalb von „sozialem Jetlag“: Der Alltag folgt gesellschaftlichen Vorgaben und nicht der inneren Uhr. Chronoworking kann diesen Konflikt zwar nicht vollständig lösen, im Berufsleben aber zumindest abmildern.

Soweit es die Tätigkeit zulässt, orientiert sich die Arbeitszeit deshalb stärker an den persönlichen Leistungsphasen der Beschäftigten. Ziel ist es, betriebliche Anforderungen und den natürlichen Biorhythmus möglichst gut miteinander zu verbinden.

Wer in seinem Betrieb bereits Gleitzeit hat, wird sich vielleicht fragen: Ist Chronoworking nicht längst Alltag?

Aber reicht Gleitzeit nicht aus?

Wer in seinem Betrieb bereits Gleitzeit hat, wird sich vielleicht fragen: Ist Chronoworking nicht längst Alltag?
Nicht ganz. Flexible Arbeitszeitmodelle wie die Gleitzeit schaffen zwar eine wichtige Voraussetzung dafür. Beschäftigte können ihren Arbeitstag innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens beginnen und ihre Arbeitszeit bis zu einem gewissen Grad an ihren persönlichen Biorhythmus anpassen.

Chronoworking nutzt diese Flexibilität jedoch gezielt. Im Mittelpunkt steht nicht allein der Beginn oder das Ende der Arbeitszeit, sondern die Frage, welche Aufgaben zu welcher Tageszeit erledigt werden. Anspruchsvolle Konzeptarbeit, Analysen oder kreative Tätigkeiten sollen möglichst in den persönlichen Leistungsphasen liegen. Routineaufgaben, E-Mails oder organisatorische Arbeiten können dagegen Zeiten mit geringerer Konzentration füllen.

Ein Beschäftigter mit spätem Chronotyp könnte beispielsweise um 9 Uhr mit organisatorischen Aufgaben beginnen und wichtige Entscheidungen oder komplexe Projekte bewusst erst ab 10 oder 11 Uhr bearbeiten. In diesem Fall ergänzt die Gleitzeit den Gedanken des Chronoworkings bereits sinnvoll.
Ihre Grenzen erreicht sie allerdings dort, wo Arbeitszeiten oder Tagesabläufe kaum Spielraum lassen. 

...die Chronobiologie kann wertvolle Impulse liefern.

Wo funktioniert Chronoworking und wo stößt es an Grenzen?

Ob sich Chronoworking umsetzen lässt, hängt vor allem von der Art der Tätigkeit ab. Überall dort, wo Beschäftigte ihre Arbeit weitgehend selbst organisieren können – etwa in Büro- und Wissensberufen, der IT, Forschung oder im Projektmanagement –, bietet der Ansatz großes Potenzial. Hier zählt meist weniger, wann gearbeitet wird, sondern dass die Aufgaben termingerecht erledigt werden.

Schwieriger ist die Umsetzung in Bereichen mit festen Besetzungen oder Schichtarbeit, etwa in Krankenhäusern, der Pflege, Produktion, Logistik oder im Einzelhandel. Patienten, Kunden oder Produktionsabläufe richten sich schließlich nicht nach dem persönlichen Biorhythmus.

Dennoch kann auch hier die Chronobiologie wertvolle Impulse liefern. So könnten Schichtpläne – soweit organisatorisch möglich – stärker die Chronotypen der Beschäftigten berücksichtigen oder anspruchsvolle und sicherheitsrelevante Aufgaben gezielt in Phasen hoher Aufmerksamkeit gelegt werden.

Bevor über Veränderungen gesprochen wird, sollten Sie als Betriebsrat zunächst den Bedarf ermitteln.

So könnten Sie als Betriebsrat das Thema anstoßen

Beschäftigte befragen

Bevor über Veränderungen gesprochen wird, sollten Sie als Betriebsrat zunächst den Bedarf ermitteln. Eine anonyme Befragung kann beispielsweise klären:

  • Wann fühlen sich Beschäftigte am leistungsfähigsten?
  • Arbeiten sie häufig gegen ihre innere Uhr?
  • Wünschen sie sich mehr Flexibilität beim Arbeitsbeginn?
  • Welche Aufgaben erledigen sie bevorzugt zu welcher Tageszeit?

Pilotprojekt starten

Statt sofort Arbeitszeiten zu ändern, kann der Betriebsrat gemeinsam mit dem Arbeitgeber einen Testlauf vereinbaren – etwa in einer Abteilung, für drei Monate und mit einem erweiterten Gleitzeitrahmen. Anschließend wird ausgewertet, ob sich Produktivität, Zusammenarbeit oder Zufriedenheit verändert haben.

Gefährdungsbeurteilung nutzen

Zeigen Befragungen oder Workshops häufig Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder Erschöpfung, sollte geprüft werden, ob starre Arbeitszeiten dazu beitragen. Werden Zusammenhänge sichtbar, kann Chronoworking ein möglicher Lösungsansatz sein.

Meetings auf den Prüfstand stellen

Müssen wichtige Besprechungen wirklich schon um 8 Uhr stattfinden? Manchmal kann eine spätere Uhrzeit die Aufmerksamkeit und Beteiligung im Team verbessern – ganz ohne zusätzliche Kosten.

Aufgaben gezielt verteilen

Nicht jede Tätigkeit verlangt zu jeder Tageszeit die gleiche Konzentration. Routineaufgaben können bewusst in leistungsschwächere Phasen gelegt werden, anspruchsvolle Projekte dagegen in persönliche Hochphasen.

Schichtpläne überdenken

Auch in Schichtbetrieben gibt es Spielräume. Der Betriebsrat kann beispielsweise prüfen:

  • Sind Wunschschichten möglich?
  • Lassen sich Chronotypen freiwillig berücksichtigen?
  • Gibt es dauerhaft überlastete Frühschichtteams?
  • Können Schichtfolgen gesünder gestaltet werden?

Fazit: Chronoworking bei der Gestaltung von Arbeitszeiten mitzudenken, kann sich in vielen Betrieben lohnen. Und bevor Sie das Thema im Unternehmen anstoßen, lohnt sich vielleicht ein Blick auf die eigene Arbeitsweise. Denn auch bei der Betriebsratsarbeit gilt: Gute Ideen entstehen nicht immer zur gleichen Uhrzeit. (sw)

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