News Arbeitszeit und Vergütung Zwischen Sicherheit und Sinn: Das Prinzip Polyworking

Zwischen Sicherheit und Sinn: Das Prinzip Polyworking

Das neue Patchwork der Arbeitswelt ist mehr als ein Nebenjob

Montag bis Donnerstag Buchhaltung, Freitag Blühwiese-Projekt, am Wochenende Social Media für den Naturschutz. Oder: Vier Tage Ingenieur im Unternehmen, ein Tag Start-up-Gründer. Was früher nach Zickzack-Karriere klang, wird für viele zum neuen Normal – und hat einen Namen: Polyworking. Was dahintersteckt, das lesen Sie hier.

Stand:  27.4.2026
Lesezeit:  02:45 min
Polyworking | © stock.adobe.com| Geekminds | KI-generiert

Freitag. Darauf freut sich Martina die ganze Woche. Nicht wegen des Wochenendes, sondern wegen ihres Herzensjobs. Einmal pro Woche arbeitet sie für eine Naturschutzorganisation. Viel verdient sie nicht, aber sie organisiert Pflanzaktionen, stimmt sich mit Gemeinden ab und bringt Blühflächen für Wildbienen auf den Weg. Wenn es summt, weiß sie, warum sie das tut.
Von Montag bis Donnerstag arbeitet sie in der Lohnbuchhaltung eines mittelständischen Unternehmens. Davon lebt sie. Das hat sie gelernt.
Am Wochenende erstellt sie als Content Creator Beiträge zum Naturschutz für Social Media. Ihr Ziel: möglichst viele Menschen zu erreichen und ein Fachbuch über Wildbienen zu veröffentlichen. Dafür plant sie eine sechsmonatige unbezahlte Auszeit, unterstützt von ihrem Arbeitgeber. Gespart hat sie.

Martina ist kein Einzelfall mehr. Sie steht für ein Modell, das häufiger wird: mehrere berufliche Standbeine, Sicherheit und Sinn nebeneinander. Kein Ausstieg aus der Arbeitswelt, sondern ein neues Arrangement mit dem eigenen Berufsleben.

Ein einziger Job erfüllt für viele Menschen nicht mehr alle Erwartungen.

Ein einzelner Job reicht vielen nicht mehr

Arbeit wird neu gewichtet. Ein einziger Job erfüllt für viele Menschen nicht mehr alle Erwartungen. Sicherheit, Einkommen, Sinn, Flexibilität und persönliche Entwicklung werden zunehmend auf mehrere Standbeine verteilt. Aber: Nicht jede Mehrfachbeschäftigung entsteht aus Sinnsuche oder Selbstverwirklichung.
Ein erheblicher Teil der rund 4,7 Millionen Menschen mit Nebenjob arbeitet zusätzlich, weil das Einkommen aus dem Hauptjob nicht ausreicht. Steigende Mieten, hohe Energiepreise und Lebenshaltungskosten zwingen viele dazu, ihr Budget aufzustocken. Gerade in unteren Einkommensgruppen oder bei unfreiwilliger Teilzeit ist der Zweitjob oft keine Option, sondern Notwendigkeit.

Für viele aus Generation Z und Millennials ist Arbeit nicht nur Broterwerb, sondern Teil der eigenen Identität.

Polyworking hat also zwei Gesichter:

Für die einen ist es ein bewusst gewähltes Modell aus Sicherheit und Leidenschaft. Für die anderen ist es eine wirtschaftliche Überlebensstrategie.
Vor allem bei jüngeren Generationen zeigt sich ein klarer Wandel. Für viele aus Generation Z und Millennials ist Arbeit nicht nur Broterwerb, sondern Teil der eigenen Identität. Sie verbinden Beruf stärker mit Werten und Sinn. Viele starten bereits mit kreativen oder ehrenamtlichen Nebenprojekten ins Erwerbsleben. Social Media senkt die Hürden: Ideen und Anliegen lassen sich ohne große Investitionen sichtbar machen.

Der Arbeitsreport 2024 von pressrelations und dem Zukunftsinstitut Workshop zeigt die Verschiebung der Prioritäten deutlich: Für viele junge Menschen steht die Möglichkeit, etwas in der Welt zu bewirken, an erster Stelle – noch vor Karriere oder Einkommen. Geld ist wichtig, rangiert aber erst auf Platz fünf.
Polyworking ist für diese Generation daher häufig kein Notbehelf, sondern Ausdruck eines Wertewandels. Es geht nicht nur um zusätzliche Einnahmen, sondern um Wirkung, Identität und Selbstverwirklichung.

Der Begriff Polywork beschreibt also ein Arbeitsmodell, bei dem Menschen mehrere berufliche Rollen parallel ausüben.

Polyworking: Das Patchwork im Beruf

Der Begriff Polywork beschreibt also ein Arbeitsmodell, bei dem Menschen mehrere berufliche Rollen parallel ausüben. Laut des Reports steht Polywork für neue, flexible Erwerbsmodelle, bei denen sich Arbeit nicht mehr auf eine einzige Tätigkeit beschränkt

Das kann bedeuten:

  • Teilzeit im Unternehmen plus Selbstständigkeit
  • Anstellung im Konzern und Engagement in einer NGO (Nichtregierungsorganisation wie Umweltschutz, Meeresschutz oder Naturschutz)
  • Studium, Projektarbeit und Festanstellung gleichzeitig
  • Hybridmodelle mit wechselnden Arbeitsorten

Die zentrale Prognose des Reports für die Zukunft: Das dominante 40-Stunden-Modell bei nur einem Arbeitgeber wird an Bedeutung verlieren, wobei natürlich die rechtlichen Vorgaben (Arbeitszeit, Nebentätigkeit) weiter eingehalten werden müssen.

Weltweit werden Hunderte Millionen Jobs nicht nur wegfallen, sondern sich stark verändern.

Warum passiert das gerade jetzt?

Der Arbeitsreport 2024, der eine Medienanalyse von rund 14.000 deutsch- und englischsprachigen Online-Medien im Zeitraum August 2022 bis August 2023 ausgewertet hat und die Häufigkeit arbeitsbezogener Begriffe in redaktionellen Texten zählte, macht diese zentralen Entwicklungen im Zusammenhang mit Polyworking sichtbar.

1. Wertewandel und Sinnorientierung

  • Arbeit wird neu bewertet. Im Report zählt „Purpose in Work (Sinnhafte Arbeit)“ mit über 132.000 Artikeln zu den stark diskutierten Themen.
  • Vor allem jüngere Generationen erwarten mehr als nur Einkommen. Arbeit soll zu den eigenen Werten passen, Gestaltungsspielraum bieten und gesellschaftliche Wirkung entfalten.
  • Gleichzeitig verschiebt sich der Wettbewerb um Talente: Weltweit arbeiten rund 19,3 Millionen Menschen in NGOs (Nichtregierungsorganisationen), in Deutschland existieren etwa 23.000 Stiftungen. Organisationen mit klarer Mission konkurrieren zunehmend mit klassischen Unternehmen um Fachkräfte.

2. Mentale Belastung und neue Prioritäten

  • Mentale Gesundheit ist eines der dominierenden Themen der Arbeitswelt. Über 1,1 Millionen Artikel befassen sich im Kontext von Arbeit damit
  • Begriffe wie „Quiet Quitting “ oder „Great Reshuffle (Neuorientierung)“ stehen für eine sinkende Bereitschaft, dauerhafte Überlastung zu akzeptieren. Arbeit soll nicht mehr das gesamte Leben dominieren.
  • Reduzierte Arbeitszeiten oder mehrere berufliche Rollen bieten vielen die Möglichkeit, Belastung besser zu steuern und mehr Einfluss auf das eigene Arbeitsmaß zu nehmen.

3. Demografie trifft KI – ein offenes Kräfteverhältnis

  • Bis 2030 könnte Deutschland, je nach Szenario, eine Lücke von rund 5 Millionen Arbeitskräften haben, vor allem durch den Renteneintritt der Babyboomer.
  • Bis 2040 rechnen wichtige Studien eher mit etwa 3 bis 4 Millionen fehlenden Fachkräften; die genaue Zahl hängt von Zuwanderung und Erwerbsbeteiligung ab.

Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz viele Tätigkeiten grundlegend. Weltweit werden Hunderte Millionen Jobs nicht nur wegfallen, sondern sich stark verändern. Ob KI den demografischen Fachkräftemangel ausgleicht oder neue Engpässe schafft, ist offen. Wahrscheinlich geschieht beides zugleich. In dieser Unsicherheit gewinnen mehrere berufliche Standbeine an Bedeutung. Sie werden für viele zu einer Form der Absicherung in einer zunehmend dynamischen Arbeitswelt.

4. Digitalisierung senkt die Eintrittshürden

Parallel dazu erleichtert die Digitalisierung zusätzliche Tätigkeiten deutlich. Die Creator Economy umfasst laut Report rund 300 Millionen Menschen weltweit und wird auf etwa 100 Milliarden Dollar geschätzt. Nicht alle leben davon, doch digitale Plattformen senken die Hürden für ein zweites Standbein erheblich. Arbeit ist damit weniger an einen Ort, einen Arbeitgeber oder eine einzelne Rolle gebunden – und das verändert klassische Erwerbsbiografien grundlegend.

Für Unternehmen bringt Polyworking konkrete Verantwortung mit sich

Herausforderungen für Arbeitgeber

Für Unternehmen bringt Polyworking konkrete Verantwortung mit sich:

  1. Arbeitszeit im Blick behalten
    Auch angemeldete Nebenjobs unterliegen dem Arbeitszeitgesetz. Arbeitgeber müssen sicherstellen, dass Höchstarbeitszeiten, Ruhezeiten und Gesundheitsschutz eingehalten werden – selbst wenn die zusätzliche Tätigkeit außerhalb des Unternehmens stattfindet.
  2. Nicht gemeldete Tätigkeiten
    Viele digitale Nebenprojekte, etwa auf Social Media oder in kreativer Selbstständigkeit, werden nicht immer offiziell angezeigt. Eine verlässliche Dunkelziffer gibt es nicht, doch Fachleute gehen davon aus, dass informelle Nebentätigkeiten häufiger sind als statistisch erfasst. Das erschwert die Einschätzung von Belastung und Risiken.
  3. Verschwimmende Grenzen
    Mehrere Rollen bedeuten oft unklare Trennung zwischen Arbeit und Erholung. Arbeitgeber stehen vor der Frage, wie sie Überlastung verhindern können, wenn ein Teil der Arbeitsleistung außerhalb ihrer direkten Kontrolle liegt.

Zentrale Fragen für Betriebsräte

Für Betriebsräte ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: Schutz von Mitarbeitenden und Mitgestaltung neuer Arbeitsformen.

Wichtige Fragestellungen dabei sind:

  • Wie gehen wir mit Mehrfachbeschäftigungen um, ohne Beschäftigte zu disziplinieren, aber mit Blick auf Gesundheit und Verantwortung?
  • Wie sichern wir Arbeitszeit- und Gesundheitsschutz, wenn Grenzen zwischen Haupt- und Nebenjob fließend werden?
  • Wie verhindern wir Selbstausbeutung, wenn Flexibilität zur Dauerbelastung wird?
  • Wie gestalten wir Teilzeit, Jobsharing und hybride Modelle aktiv mit, damit sie nachhaltig und nicht nur kurzfristig attraktiv sind?

Polyworking ist eine Reaktion auf veränderte Zeiten.

Fazit:
Polyworking ist kein modischer Trend und kein Zeichen dafür, dass junge Menschen nicht arbeiten wollen. Es ist eine Reaktion auf veränderte Zeiten. Arbeit sieht heute anders aus als früher und entwickelt sich in eine neue Richtung. Viele junge Menschen planen ihren Berufsweg nicht mehr als eine gerade Linie bei einem einzigen Arbeitgeber. Sie denken in Projekten, in verschiedenen Rollen und in Entwicklungsschritten. Das wirkt für manche beunruhigend. In Wirklichkeit steckt oft ein klarer Plan dahinter: Erfahrungen sammeln, Fähigkeiten ausbauen, eigene Talente sinnvoll einsetzen und nicht von nur einer Einkommensquelle abhängig sein. Polyworking ist also kein Ausstieg aus der Arbeitswelt, wie Martinas Beispiel zeigt. Es ist ein anderes Verständnis auf das zukünftige Arbeiten von morgen. (sw)

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