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Smart Glasses am Arbeitsplatz: Helfer oder Kontrollinstrument?

Was Betriebsräte zu der „KI auf der Nase“ wissen sollten

Tragen wir bald alle eine Brille? Nicht wegen einer Sehschwäche, sondern weil sie übersetzt, navigiert und Informationen direkt ins Blickfeld einblendet. Smart Glasses sind längst keine Zukunftsmusik mehr und kommen auch schon in manchen Unternehmen zum Einsatz. Gleichzeitig stellen sie Betriebsräte vor Fragen zu Datenschutz, Gesundheitsschutz und Leistungsüberwachung. Erfahren Sie, welche Chancen und Risiken diese Technologie mit sich bringt.

Stand:  4.9.2026
Lesezeit:  02:30 min
Smart Glasses Datenschutz Betriebsrat | © stockadobe.com | warunthorn | KI-generiert

Bernd steht vor einer Produktionsanlage. Die Maschine steht still, die Kollegen warten schon ungeduldig. Jede Minute kostet Geld. Jetzt heißt es Fehler finden – möglichst schnell. Eine Vermutung hat er bereits. Doch wie so oft beginnt die Suche in dicken Handbüchern, technischen Zeichnungen und endlosen Dokumentationen. Also blättern, suchen, vergleichen, zurück zur Maschine, wieder nachschlagen. Nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung eines Servicetechnikers.
Praktisch wäre jetzt eine Brille, die erkennt, was Bernd gerade sieht. Eine Brille, mit der er sprechen kann, die automatisch die passenden Informationen in den Dokumentationen findet und ihm die relevanten Stellen direkt im Sichtfeld einblendet. Vielleicht sogar farblich markiert und Schritt für Schritt erklärt, was als Nächstes zu tun ist.

Was sich anhört wie ein Blick in die Zukunft, ist längst Realität. Sogenannte Smart Glasses (“intelligente Datenbrillen”) halten zunehmend Einzug in die Arbeitswelt.

Smart Glasses sind digitale Brillen, die Informationen direkt im Sichtfeld des Trägers anzeigen.

Was sind Smart Glasses überhaupt?

Smart Glasses sind digitale Brillen, die Informationen direkt im Sichtfeld des Trägers anzeigen. Je nach Modell verfügen sie über Kameras, Mikrofone, Lautsprecher oder Sensoren und lassen sich per Sprachsteuerung, Gesten oder Berührung bedienen. Die Brille wird damit zum digitalen Assistenten auf der Nase.

Besonders interessant wird die Technologie durch die Verbindung mit Unternehmenssystemen, KI-Anwendungen und digitalen Zwillingen. Dadurch können Beschäftigte in Echtzeit auf Dokumentationen, Wartungsdaten oder Lagerinformationen oder andere Daten zugreifen und sich Besonderheiten, Fehlerquellen oder einzelne Arbeitsschritte direkt im Blickfeld anzeigen lassen.
Die Einsatzmöglichkeiten reichen heute von Wartung und Produktion über Logistik und Qualitätskontrolle bis hin zum Gesundheitswesen. Auch für Menschen mit Behinderungen können Smart Glasses eine wertvolle Unterstützung im Arbeitsalltag sein.

Darüber hinaus eröffnen Smart Glasses neue Möglichkeiten für die Inklusion.

Vom Lager bis zur Werkshalle: Smart Glasses im Praxiseinsatz

DHL nutzt die Datenbrillen bereits seit Jahren beim sogenannten „Vision Picking“. Lagerarbeiter erhalten Lagerorte und Artikelinformationen direkt im Sichtfeld eingeblendet. Das spart Wege und reduziert Fehler.

Auch in der Industrie haben sich die digitalen Helfer etabliert. Volkswagen setzt Datenbrillen beispielsweise in der Werkslogistik ein, um Bauteile, Lagerorte oder Arbeitsschritte anzuzeigen. In der Wartung unterstützen Smart Glasses Techniker mit technischen Daten, eingeblendeten Anleitungen und der Möglichkeit, Experten per Live-Übertragung hinzuzuziehen.
Zunehmend halten die Brillen auch im Gesundheitswesen Einzug. Ärzte und Pflegekräfte können Patientendaten oder Bildaufnahmen direkt im Sichtfeld abrufen und externe Experten zuschalten.

Darüber hinaus eröffnen Smart Glasses neue Möglichkeiten für die Inklusion. So können gesprochene Informationen für Menschen mit Hörbehinderung als Text eingeblendet werden, während sehbehinderte Beschäftigte von Vorlese- und Orientierungsfunktionen profitieren.

Noch sind Smart Glasses kein Massenphänomen. Die Entwicklung zeigt jedoch deutlich nach oben.

Wie häufig kommen Smart Glasses zum Einsatz?

Noch sind Smart Glasses kein Massenphänomen. Die Entwicklung zeigt jedoch deutlich nach oben. Nach Daten des Marktforschungsunternehmens Counterpoint Research stiegen die weltweiten Auslieferungen von AR-Smart-Glasses im Jahr 2025 um 98 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein in der zweiten Jahreshälfte lag das Wachstum sogar bei 148 Prozent. 
Auch der Einsatz im Arbeitsumfeld dürfte weiter zunehmen. Marktforscher erwarten für den weltweiten Markt industrieller Smart Glasses bis 2033 ein Wachstum von rund 821 Millionen auf mehr als 3 Milliarden US-Dollar. Treiber sind vor allem Industrie 4.0, KI-Anwendungen, Fernwartung und digitale Assistenzsysteme.

Interessant für deutsche Betriebsräte: Deutschland gilt aufgrund seiner starken Industrie, Automobilbranche und Logistik als einer der wichtigsten europäischen Märkte für den Einsatz von Smart Glasses in Produktion, Wartung und Qualitätskontrolle.

Zusätzliche Informationen im Sichtfeld können die Arbeit erleichtern, aber auch zu Ablenkungen und einer höheren mentalen Belastung führen.

Wo Chancen entstehen, entstehen auch Fragen

So hilfreich Smart Glasses im Arbeitsalltag sein können, für Betriebsräte lohnt sich ein genauer Blick auf die Technologie. Denn die digitalen Brillen sind weit mehr als ein Anzeigegerät. Kameras, Mikrofone, Sensoren, KI-Funktionen und eine Anbindung an Cloud-Dienste – gerade die Vorteile der Technik können neue Fragen aufwerfen. Werden Arbeitsschritte digital erfasst, lassen sich nicht nur Fehler reduzieren, sondern unter Umständen auch Rückschlüsse auf Arbeitsleistung, Arbeitstempo oder Bewegungsprofile ziehen. Die digitalen Helfer erleichtern sicher die Zusammenarbeit und Analyse von Arbeitsabläufen, erfordern aber einen verantwortungsvollen Umgang mit den dabei erhobenen Daten.

Auch der Arbeitsschutz spielt eine wichtige Rolle. Zusätzliche Informationen im Sichtfeld können die Arbeit erleichtern, aber auch zu Ablenkungen und einer höheren mentalen Belastung führen. Unklar sind zudem die langfristigen Auswirkungen auf die Augen. Erste Studien berichten zwar überwiegend von einer guten Verträglichkeit, nennen aber auch Beschwerden wie müde oder gereizte Augen. Dazu gibt es bis jetzt noch zu wenige Erkenntnisse.

Was Betriebsräte beim Einsatz von Smart Glasses prüfen sollten

Datenschutz
•    Welche Daten werden durch die Brille erfasst und gespeichert?
•    Werden Bilder, Videos oder Sprachaufnahmen an Cloud-Dienste oder externe Anbieter übertragen?
•    Wer hat Zugriff auf die Daten und wie lange werden sie aufbewahrt?
•    Werden auch Kunden, Besucher oder Kollegen erfasst?

Leistungs- und Verhaltenskontrolle
•    Können Arbeitsgeschwindigkeit, Fehlerquoten, Bearbeitungszeiten oder Standortdaten ausgewertet werden?
•    Ist eine Zuordnung der Daten zu einzelnen Beschäftigten möglich?
•    Besteht die Gefahr einer direkten oder indirekten Leistungsüberwachung?
•    Gibt es klare Regelungen zur Nutzung und Auswertung der Daten?

Arbeitsschutz und Gesundheit
•    Gibt es eine Gefährdungsbeurteilung und werden die Erfahrungen der Beschäftigten im laufenden Betrieb berücksichtigt?
•    Welche Auswirkungen haben die Einblendungen auf Aufmerksamkeit, Konzentration und Ablenkungsrisiken?
•    Welche Folgen hat die dauerhafte Nutzung für Augen und Sehvermögen, insbesondere da Langzeiterfahrungen bislang begrenzt sind?
•    Werden Tragekomfort, individuelle Einschränkungen sowie Vorsorgeangebote berücksichtigt?

Darauf sollten Sie als Betriebsrat  oder Wirtschaftsausschuss achten: Werden Smart Glasses im Unternehmen eingeführt, sollte geprüft werden, ob bestehende Betriebsvereinbarungen zu Digitalisierung, IT-Systemen, Datenschutz oder KI den Einsatz bereits abdecken. Häufig wird eine Ergänzung oder sogar eine eigene Betriebsvereinbarung erforderlich sein, um den Umgang mit den neuen Technologien klar zu regeln.

Unser Expertentipp für die Betriebsvereinbarung: Grundsätzlich ist alles verboten, es sei denn es ist erlaubt. Das heißt: die Datenverarbeitung ist nur für bestimmte Zwecke erlaubt und für alle weiteren verboten. 
(Stephan Sägmüller, ifb Bildungsreferent)

Fazit: Eine smarte Zukunft braucht mehr als nur smarte Brillen. Sie braucht auch eine smarte Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat. Nur wenn Nutzen, Datenschutz, Gesundheitsschutz und die Interessen der Beschäftigten gleichermaßen berücksichtigt werden, können Smart Glasses ihr Potenzial entfalten. Gelingt dieser Spagat, können Smart Glasses ihre Stärken voll ausspielen und sowohl Beschäftigte als auch Unternehmen unterstützen. (sw)

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