News Kommunikation Brainrot: Wenn das Gehirn auf Sparflamme läuft

Brainrot: Wenn das Gehirn auf Sparflamme läuft

Warum unser Denken wieder mehr Tiefe braucht

Noch nie war so viel Inhalt verfügbar und so wenig davon wirklich gehaltvoll. Tendenz steigend. Während wir scrollen – verwundert, amüsiert oder kopfschüttelnd weiterwischen, verlernt unser Gehirn langsam die Tiefe und das komplexe Denken. Dieses Phänomen hat sogar einen Namen – Brainrot. Worum es dabei geht, zeigt ein genauerer Blick.

Stand:  23.2.2026
Lesezeit:  02:15 min
Brainrot | © AdobeStock |Natalia S.

Wir alle kennen das. Eigentlich wollten wir nur kurz etwas auf dem Smartphone nachschauen und finden uns plötzlich im endlosen Feed von Instagram wieder, auf der Jagd nach dem nächsten Lacher oder einem besonders niedlichen Katzenvideo. Ein kurzer Blick auf die Uhr später ist klar: Die Zeit ist einfach davongerannt. Beruhigend reden wir uns ein, wir wollten ja nur ein bisschen abschalten. Stimmt auch. Das Gehirn tut genau das, es schaltet ab. Manchmal allerdings etwas zu gründlich. 

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit rund 98.000 Teilnehmern aus 70 Studien, veröffentlicht im Psychological Bulletin, zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen intensivem Konsum von Kurzvideos wie TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts und eingeschränkter kognitiver Leistungsfähigkeit sowie schlechterer psychischer Gesundheit. Besonders betroffen sind Aufmerksamkeit, Fähigkeiten zur Planung, Kontrolle, Selbststeuerung und das Gedächtnis, begleitet von erhöhtem Stress, Angst- und Depressionssymptomen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht einzelne Videos, sondern dauerhafte, algorithmisch getriebene Nutzungsmuster problematisch sind. Dieses Phänomen trägt einen Namen: Brainrot, auf deutsch gern etwas drastischer als „Gehirnfäule“ bezeichnet. 

Mit Brainrot ist die schleichende geistige Ermüdung gemeint

Brainrot – wenn wir durch Inhalte das Denken verlernen 

Der Begriff klingt schockierend, beschreibt aber kein medizinisches Krankheitsbild, sondern eine kulturelle Erscheinung. Mit Brainrot ist die schleichende geistige Ermüdung gemeint, die entsteht, wenn über längere Zeit vor allem kurze, stark vereinfachte oder inhaltsarme Medien konsumiert werden. Dazu zählen endlose Kurzvideos, belanglose Clips, algorithmisch optimierte Reizabfolgen und zunehmend auch automatisch erzeugte KI-Inhalte. 

Das Gehirn wird dabei nicht überfordert, sondern dauerhaft unterfordert. Komplexes Denken, Einordnung und kritische Distanz kommen kaum noch zum Zug. Oder, etwas salopper gesagt: Das Gehirn lebt von Fast Food und wundert sich später, warum ihm die Ausdauer fehlt. 

Der Begriff ist älter als TikTok 

Auch wenn Brainrot nach einem Jugendwort klingt, ist die Idee dahinter erstaunlich alt. Der US-Schriftsteller Henry David Thoreau verwendete den Begriff bereits 1854 in seinem Werk Walden. Er kritisierte damals, dass einfache, leicht konsumierbare Inhalte komplexe Gedanken verdrängen. Thoreau verglich diesen geistigen Verfall mit der Kartoffelfäule, einer Krankheit, die ganze Ernten zerstörte. Die Metapher passt bis heute erstaunlich gut. 

Im digitalen Raum tauchte Brainrot ab den 2000er-Jahren wieder auf, zunächst ironisch, später ernst gemeint. Über Plattformen wie TikTok, YouTube und Diskussionsräumen wie Discord wurde der Begriff zu einem festen Bestandteil der Internetkultur von Generation Z und Alpha. 

Das Oxford English Dictionary wählte Brainrot 2024 sogar zum Wort des Jahres. Die offizielle Definition beschreibt eine wahrgenommene Verschlechterung geistiger Fähigkeiten durch den übermäßigen Konsum trivialer Inhalte. Damit war der Begriff endgültig im Mainstream angekommen. 

Brainrot ist keine Diagnose. Niemand bekommt ein Attest mit der Aufschrift „akuter TikTok-Befall“ oder „chronische Instagram-Infektion“.

Brainrot ist kein medizinischer Befund, aber ein kulturelles Warnsignal 

Wichtig ist: Brainrot ist keine Diagnose. Niemand bekommt ein Attest mit der Aufschrift „akuter TikTok-Befall“ oder „chronische Instagram-Infektion“. Dennoch beschreibt der Begriff ein reales Phänomen, das viele aus ihrem Alltag kennen. Konzentration fällt schwerer, Texte werden schneller überflogen, komplexe Zusammenhänge wirken anstrengend und Geduld wird knapp. 

Diese Veränderungen betreffen nicht nur das Denken, sondern auch das psychische Wohlbefinden. Dauerhafte Reizüberflutung, ständiger Wechsel zwischen Inhalten und das Gefühl, immer informiert sein zu müssen, können innerlich erschöpfen. Das Gehirn kommt kaum noch zur Ruhe, selbst dann nicht, wenn wir eigentlich abschalten wollen. 

Typische Anzeichen zeigen sich unter anderem durch: 

  • den reflexhaften Griff zum Smartphone bei jeder Leerlaufsekunde, 
  • Schwierigkeiten, längeren Texte oder Argumentationsketten zu folgen, 
  • einer zunehmenden Nutzung von Internet-Slang auch außerhalb digitaler Kontexte, 
  • das Gefühl, ständig informiert zu sein, aber wenig wirklich verstanden zu haben. 

Abends noch schnell ein paar Clips schauen, dann nebenbei eine Serie laufen lassen und zwischendurch KI-generierte Zusammenfassungen statt eigener Lektüre nutzen. Für sich genommen ist all das vielleicht harmlos. In der Summe kann es jedoch zu mentaler Ermüdung und Schlaflosigkeit führen, die sich schleichend auf Aufmerksamkeit, Belastbarkeit und innere Ruhe auswirkt. 

Neu ist, dass Brainrot nicht mehr nur durch menschlich produzierte Inhalte entsteht.

KI-Slop, Newsfeeds und das neue Informationsrauschen 

Neu ist, dass Brainrot nicht mehr nur durch menschlich produzierte Inhalte entsteht. Mit generativer KI wächst die Menge an Texten, Bildern und Videos rasant. Vieles davon ist korrekt, aber oberflächlich. Inhalte werden nicht mehr geschrieben, um verstanden zu werden, sondern um ausgespielt zu werden. 

Für Betriebsräte ist das besonders relevant. Interne Kommunikation, Schulungsunterlagen, Präsentationen und sogar Entscheidungsgrundlagen könnten zunehmend aus KI-Systemen stammen. Die Gefahr liegt nicht im Fehler, sondern in der Belanglosigkeit. Wenn alles „ganz okay“ klingt, aber nichts mehr Tiefe hat, wird kritisches Denken leise ausgebremst. 

Humorvoll gesagt: Nicht jede PowerPoint mit KI-Text löst Brainrot aus, aber manche wirken, als hätte das Gehirn beim Lesen kurz Pause gemacht. 

Fazit: Lasst eure Gehirne arbeiten! 

Komplexe Inhalte sind mitunter anstrengend, aber genau darin liegt ihr Wert. Längere Texte, differenzierte Argumente, widersprüchliche Perspektiven oder juristische Feinheiten zwingen das Gehirn zur Arbeit. Sie fördern Urteilsfähigkeit, Abwägung und Transferwissen. Fähigkeiten, die Betriebsräte täglich brauchen. 

Wer bewusst komplexere Inhalte auswählt, trainiert geistige Ausdauer. Wer sich Zeit nimmt, statt sich treiben zu lassen, gewinnt Überblick. Zeit ist dabei die eigentliche Ressource. Genau deshalb ist es sinnvoll, Fortbildungen als Betriebsrat bewusst zu nutzen, für Austausch, Einordnung und vertieftes Verständnis. (sw) 

Kontakt zur Redaktion Kollegen empfehlen
Drucken

Das könnte Sie auch interessieren

Wenn Meetings mehr Zeit fressen als nötig

Wer kennt das nicht: Der Chef ruft zu einem Meeting, es sitzen 5 Personen am Tisch und nach einer ha ...

Suchterkrankungen im betrieblichen Umfeld

Sucht ist kein Randproblem, das nur einzelne, willensschwache Menschen in der Gesellschaft betrifft. ...