Der Elfmeter der Mitbestimmung

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Stand:  25.6.2026
Lesezeit:  03:45 min
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Mit Druck umgehen: Was Betriebsräte von Fußballprofis lernen können

Elf Meter, ein kurzer Anlauf, tausende Augen auf einen gerichtet und plötzlich ist da nur noch der Schütze, der Torhüter und der Moment. Druck gehört im Fußball zum Alltag. Für Betriebsräte ebenfalls. Doch während Profis den Umgang mit Stress systematisch trainieren, bleibt er in der Mitbestimmung oft unsichtbar. Zeit, einmal genauer hinzusehen. 

Es ist einer dieser Augenblicke, der sich ins schier Unermessliche zieht. Der Schütze legt sich den Ball auf den Elfmeterpunkt, tritt ein paar Schritte zurück, im Stadion wird es still (wenn auch nicht ganz). Die Anspannung ist förmlich greifbar. Der Elfmeter ist wohl die klarste Drucksituation im Fußball, weil die Erwartung ziemlich eindeutig  ist – „Der Ball muss rein!“ – und ein mögliches Scheitern unmittelbar sichtbar wird. Das Ergebnis in den Topligen: Laut FIFA-Report werden rund 75 bis 80 Prozent aller Elfmeter verwandelt. Und doch sprechen Spieler immer wieder von der enormen mentalen Belastung. Denn wer verschießt, scheitert ganz allein. 

Druck im Betriebsratsalltag

So dramatisch wie ein Elfmeterschießen bei einem WM-Spiel ist es im Alltag von Betriebsräten selten. Und doch gibt es die eine oder andere Parallele. Wenn Betriebsräte etwa über wichtige Knackpunkte in Betriebsvereinbarungen verhandeln, Kündigungen widersprechen oder in Konflikten zwischen Geschäftsführung und Belegschaft vermitteln, stehen sie ebenfalls im Fokus. Die Kollegen erwarten Klarheit und eine eindeutige Haltung pro Mitarbeiter, Arbeitgeber erwarten wiederum Sachlichkeit, Verständnis und Verlässlichkeit.

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Nicht selten entscheidet eine Verhandlung darüber, ob Arbeitsplätze gesichert werden oder verloren gehen.

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Und nicht selten entscheidet eine Verhandlung darüber, ob Arbeitsplätze gesichert werden oder verloren gehen. Auch hier gilt also: Die Situation ist oft eindeutig, die Erwartungen hoch, die Folgen spürbar. Und der Applaus? Der fehlt im Gegensatz zum Stadion meistens.

Warum Profis mit Druck umgehen können 

Fußballprofis haben nicht von Geburt an „Nerven aus Stahl“, sondern lernen von klein auf, mit Druck im sportlichen Kontext umzugehen. Sportpsychologische Studien zeigen, dass Routinen, Visualisierung und Atemtechniken entscheidende Faktoren sind, um in Stresssituationen leistungsfähig zu bleiben. Viele Spieler entwickeln also feste Abläufe für die Elfmetersituation: Anzahl der Schritte, Blickrichtung, Atmung. Hinzu kommt ein ganz entscheidender Faktor: Akzeptanz. Profis (und auch Amateure) wissen, dass Fehler zum Spiel gehören. Selbst die Besten der Welt haben schon mal einen Elfmeter verschossen – siehe Harry Kane im WM-Viertelfinale 2022. Entscheidend ist also nicht die Fehlervermeidung, sondern der Umgang mit Fehlern.

Routinen können helfen 

Und genau das könnten sich Betriebsräte abschauen: Druck verschwindet nicht, indem man ihn ignoriert, aber man kann lernen, damit umzugehen. Wer in kritische Gespräche geht, kann von klaren Routinen profitieren: eine bewusste Vorbereitung, ein gedanklicher Fahrplan und vielleicht sogar ein einstudierter Einstieg als „Icebreaker“. Das mag zunächst ungewohnt klingen, ist aber äußerst professionell. Und auch die gedankliche Vorwegnahme schwieriger Situationen hilft. Wie reagiere ich, wenn mein Gegenüber unerwartet emotional wird? Was tue ich, wenn ein Argument ins Leere läuft? 

Und noch einen weiteren Punkt zeigt der Fußball eindrucksvoll: Ein verschossener Elfmeter mag bitter sein und von so manchem Experten rauf und runter analysiert werden. Für den Spieler entsteht allerdings in den seltensten Fällen dadurch eine Blockade – siehe Bastian Schweinsteiger, der den entscheidenden Elfmeter im Champions-League-Finale 2012 verschossen hatte, dafür ein Jahr später die Champions League gewann und 2014 Weltmeister wurde.

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Jede Situation ist Teil eines längeren Spiels.

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Im Betriebsratsalltag besteht oft die Gefahr, Vereinbarungen oder Ähnliches im Nachhinein zu persönlich zu nehmen. Kritik aus der Belegschaft trifft einen nun mal direkt und das manchmal äußerst hart. Wer also jede Entscheidung als ultimative Bewährungsprobe sieht, erhöht den eigenen Druck unnötig. Hilfreicher ist da die Perspektive, die Profis längst verinnerlicht haben: Jede Situation ist Teil eines längeren Spiels. Nicht jede Entscheidung wird richtig sein, entscheidend ist das Ergebnis, wenn der Schiedsrichter abpfeift. (tis)

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