Zwischen Mitarbeiterinteressen und Wirtschaftlichkeit

© EVG
Stand:  21.4.2026
Lesezeit:  04:30 min
Teilen: 

Kay Gottschall, stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats der Deutschen Bahn

Pünktlichkeit, Digitalisierung, Personalmangel: Die Deutsche Bahn steht ständig im Fokus der Öffentlichkeit. Aber wer sorgt eigentlich dafür, dass wirtschaftliche Ziele und menschliche Arbeitsbedingungen Hand in Hand gehen? Wir haben mit Kay Gottschall gesprochen. Er ist seit zwölf Jahren im Betriebsrat bei DB Cargo, seit vier Jahren dessen Betriebsratsvorsitzender und seit 2025 stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats.

Kay Gottschall  | © DB Cargo BR C11

Kay Gottschall

Kay Gottschall kommt aus einer echten Eisenbahner-Familie. Dennoch wollte er eigentlich gar nicht zur Deutschen Bahn, landete nach dem Abitur dann aber doch beim Konzern und begann 2008 eine Ausbildung zum Kaufmann für Speditions- und Logistikdienstleistungen. Bereits im ersten Lehrjahr wurde er in die Jugend- und Auszubildendenvertretung gewählt, 2014 folgte der Schritt in den Betriebsrat. Seitdem ist der 37-Jährige freigestelltes Betriebsratsmitglied und auch Mitglied des Gesamtbetriebsrats. 2022 wurde er schließlich zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt und ist seit 2025 zudem stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats.

Kay, würdest Du sagen, dass Kritik von außen – etwa zu Pünktlichkeit oder Performance – für Dich als Betriebsrat eine besondere Rolle spielt?

Kay Gottschall: Ich glaube, die Zahlen muss man immer differenziert bewerten. Wer den Konzern kennt, kann die Kritik von außen anders einordnen. Klar, wir als Unternehmen stehen oft im Fokus und müssen uns an Zahlen messen lassen. Egal ob Fernverkehr, Regionalverkehr oder DB Cargo: Wir müssen liefern, als DB-Konzern wirtschaftlich werden, denn daran bemisst sich ja unser Erfolg. Wenn wir pünktlich sind, gut performen, dann spiegelt sich das dementsprechend in unseren Kassen wider. Unsere Aufgabe auf Betriebsratsseite ist, an diesen Themen mitzuschrauben. Immer unter der Prämisse, dass uns die Kollegen nicht verloren gehen. Es muss ein gutes Mittelmaß geben!

Kannst Du ein Beispiel nennen, bei dem Wirtschaftlichkeit und Mitarbeiterinteressen erfolgreich unter einen Hut gebracht wurden?

Kay Gottschall: Der kombinierte Verkehr bei DB Cargo ist dafür ein gutes Beispiel. Der Arbeitgeber wollte das Geschäft vor knapp zwei Jahren komplett aus der Muttergesellschaft auslagern – massiver Arbeitsplatzabbau wäre die Folge gewesen. Wir konnten das verhindern. Es gab zwar Reduktionen, aber längst nicht in der geplanten Dimension. Ein klarer Erfolg der Interessenvertretung.

Zitat

Als Betriebsrat versuchen wir, Lösungen zu finden, Entlastung zu schaffen, aber das funktioniert nur mit dem Arbeitgeber.

Zitat

Welche Rolle spielen Arbeitsverdichtung und psychische Belastungen angesichts der angekündigten „Generalsanierung“ der Bahn?

Kay Gottschall: Arbeitsverdichtung und dementsprechende Überlastung sind ständig Themen bei uns. Besonders, wenn digitale Weiterentwicklungen nicht wie geplant funktionieren, man aber gleichzeitig schon Arbeitsplätze abgebaut hat. Dann bleiben die Mehraufwände bei den Kollegen hängen, die eben noch da sind. Das macht uns sehr oft zu schaffen. Psychische Belastungen nehmen außerdem zu, wenn zu viele Aufgaben zusammenlaufen. Als Betriebsrat versuchen wir, Lösungen zu finden, Entlastung zu schaffen, aber das funktioniert nur mit dem Arbeitgeber. Digitale Innovationen sind gut, sie brauchen allerdings Zeit, Geld und vernünftige Begleitung.

Der Druck auf Euch Betriebsräte dürfte damit nicht kleiner werden.

Kay Gottschall: Das ist tatsächlich unterschiedlich, zumindest ist das meine Wahrnehmung. Einige glauben, wir könnten alles mitbestimmen, was der Arbeitgeber umsetzen möchte – dem ist ja nicht so. Andere wissen, wo unsere Rechte liegen, holen sich Rat und lassen sich Ängste nehmen. Unser Job ist es, Prozesse zu begleiten und mit dem Management vernünftige Wege zu finden. Der „Arbeit 4.0-Tarifvertrag“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir die Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit gestalten möchten.

Du bist seit 2025 auch im Europäischen Betriebsrat (EBR) der Deutschen Bahn: Wie sieht es dort mit der Mitbestimmung aus? 

Kay Gottschall: Da ist es etwas komplexer, weil Länderrechte, Gewerkschaftsstrukturen oder auch Streiktraditionen unterschiedlich sind. Frankreich beispielsweise ist streikfreudig, Italien hat bis heute keinen Vertreter im EBR, weil dieser von den Gewerkschaften entsendet wird und die zwei dominierenden sich nicht auf eine Person einigen können. Wir müssen den Markt verstehen, insbesondere für den Güterverkehr, da Deutschland allein hier nicht ausreicht. Der EBR hilft, Probleme in den Ländern auf den Tisch zu bringen und Lösungen zu koordinieren.

Zitat

Der EBR hilft, Probleme in den Ländern auf den Tisch zu bringen und Lösungen zu koordinieren.

Zitat

Wie geht man denn mit den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen um?

Kay Gottschall: Es wäre natürlich ideal, europäisch aufgestellt zu sein und überall die gleichen Bedingungen zu haben. Ich befürchte nur, dass uns das nicht gelingen wird. Wir müssen eher schauen, dass wir nach gleichen Maßstäben agieren. Etwa beim Thema Subunternehmen, sodass es nirgends dubiose Auftraggeber oder Auftragnehmer mehr gibt. Wir haben beispielsweise ein sogenanntes „Shared Service Center“ in Bukarest, was einmalig im Konzern ist. Da hat der EBR mit dem Arbeitgeber sehr gute Vereinbarungen getroffen, unter anderem zu den Arbeitsbedingungen in Rumänien. Da ist uns doch schon mächtig was gelungen. Dennoch können nicht alle gleich gehalten werden, wenn ich zum Beispiel die Verdienstmöglichkeiten in Dänemark, Norwegen oder Finnland sehe. Die sind ganz anders ausgeprägt als im Osten oder auch in Deutschland oder noch weiter südlich. Da muss man schon differenziert drauf blicken. 

Was steht denn aktuell auf der Agenda des EBR?

Kay Gottschall: Das Sanierungsprogramm der DB AG steht ganz oben. Wie geht es da in den einzelnen Gesellschaften weiter? Da gibt es noch einige Themen, die es aufzuräumen gilt. Frau Palla als neue Konzernvorständin ist da sehr „straight“ unterwegs und setzt die Planungen um, weil sie es auch einfach muss. Außerdem ist das Thema Neustart bei DB Cargo ganz oben, weil es da gerade am meisten brennt. Hier müssen die Vereinbarungen aus dem EU-Beihilfeverfahren eingehalten werden, sonst ist 2027 Schluss. Die französische Güterverkehrssparte wurde kürzlich zur Auflösung verdonnert, weil sie es eben nicht geschafft hat. Darüber hinaus versuchen wir, auch auf politischer Ebene mitzuwirken und Lobbyarbeit zu betreiben. Man muss ja dazu sagen, dass immer noch der Staat Haupteigentümer des DB-Konzerns ist.

Zitat

Mein Herz brennt für dieses Unternehmen.

Zitat

Wie blickst Du in die Zukunft der Deutschen Bahn?

Kay Gottschall: Mein Herz brennt für dieses Unternehmen und da ich jetzt mal purer Egoist bin, sage ich bewusst, dass ich meine Arbeit gerne weitermachen würde, die nächsten fünf bis zehn Jahre Minimum. Ich bin aber tatsächlich optimistisch gestimmt, dass wir es irgendwie hinbekommen werden, dieses Unternehmen in eine andere Richtung zu lenken. Es bedarf gewisser Parameter, die noch aufgearbeitet werden müssen. Es muss auch kulturmäßig war passieren, aber die Konzernleiterin macht momentan an der einen oder anderen Stelle schon den richtigen „Move“, insbesondere hinsichtlich kürzerer Entscheidungswege. Und das Sanierungskonzept, das für die DB Cargo aufgestellt wurde, ist von Wirtschaftsprüfern als positiv besiegelt worden, was die ja nicht einfach so machen. Es bleibt ein harter Weg und sehr herausfordernd, weil es nochmal massive Kürzungen im Bereich des Personals geben wird, was kein schönes Thema ist. Dennoch glaube ich, dass wir uns hier eher zu einem positiven Trend entwickeln. (tis) 

Kontakt zur Redaktion

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Wenden Sie sich gerne direkt an unsere Redaktion. Wir freuen uns über konstruktives Feedback!

redaktion-dbr@ifb.de

Jetzt weiterlesen