„Uns fehlt nicht so sehr das Geld, sondern die Zeit“

© stock.adobe.com | drubig-photo
Stand:  28.4.2026
Lesezeit:  02:45 min
Teilen: 

Eine ehemalige Betriebsratsvorsitzende wechselt vom Flughafen in die ambulante Pflege

Aus dem Betriebsratsbüro in den Pflegeeinsatz: Claudia L. hat jahrelang an einem deutschen Flughafen gearbeitet, war zudem als Betriebsrätin tätig, bevor sie zurück in ihren ursprünglichen Beruf als Pflegefachkraft ging. Heute vertritt sie Kollegen ohne offizielles Mandat – und übt deutliche Kritik an Arbeitsleistungen, Bürokratie und Ausbildungssystem.

Der Wechsel wirkt ungewöhnlich: Raus aus einem großen Konzern mit starker Mitbestimmung, hinein in die ambulante Pflege – ohne Betriebsrat, dafür mit knappen Ressourcen und hohem Zeitdruck. Claudia L. (Name von der Redaktion geändert) kennt beide Welten. Als Betriebsratsvorsitzende (neun Jahre lang) an einem deutschen Flughafen war die 62-Jährige früher tief in Mitbestimmungsangelegenheiten eingebunden, seit rund vier Jahren arbeitet sie wieder in ihrem erlernten Beruf als Pflegefachkraft. Ihre Erfahrungen zeigen, wie unterschiedlich Arbeitsrealitäten sein können und wo das Pflegesystem aus ihrer Sicht grundlegend reformiert werden müsste.

Claudia, vom Flughafen zurück in die Pflege, das ist kein alltäglicher Schritt: Was hat Dich dazu bewogen?

Claudia L.: Das war am Ende eine sehr praktische Entscheidung. Ich hatte eine tägliche Fahrzeit von rund dreieinhalb Stunden. Als es dann während Corona Kurzarbeit gab, war mir das für vier Stunden Arbeit oder Betriebsratstätigkeit einfach zu viel. Ich habe mir gesagt: Bevor ich zu alt werde, gehe ich zurück in meinen ursprünglichen Beruf. Heute fahre ich sieben Minuten zur Arbeit und habe dadurch deutlich mehr Freizeit, das ist mir lieber als Karriere. Und ich habe jetzt einen Arbeitgeber, dem die Menschen wichtiger sind als das Geld.

Du bist also keine Quereinsteigern?

Claudia L.: Nein, nein! Ich habe ursprünglich Krankenschwester gelernt, bin dann nach Südafrika, habe dort sieben Jahre gearbeitet und meine Kinder großgezogen, ehe wir wieder nach Deutschland gezogen sind. Der Wechsel zum Flughafen kam später und jetzt bin ich eben wieder zurück. Die Pflege war immer mein Beruf, hier kann ich wieder direkt mit Menschen arbeiten. Ich sehe jeden Tag dieselben Klienten, kann Beziehungen aufbauen und Entwicklungen verfolgen. Das ist sehr erfüllend, gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen extrem schwierig. 

Zitat

Wir haben schlicht nicht genug Zeit für die Menschen.

Zitat

Was ist aus Deiner Sicht das größte Problem in der Pflege?

Claudia L.: Ganz klar der Zeitmangel. Es geht in erster Linie gar nicht so sehr um unsere Bezahlung. Wir haben schlicht nicht genug Zeit für die Menschen. Alles ist getaktet, jede Leistung wird minutengenau vorgegeben. Das funktioniert in der Praxis aber nicht. Man nehme das Beispiel mit den Kompressionsstrümpfen. Dafür sind vier Minuten vorgesehen, in der Realität dauert das deutlich länger. Oder Wundversorgung: Eine Desinfektion soll, laut Vorgabe des Herstellers, eigentlich 15 Minuten einwirken. Bezahlt werden aber oft nur zehn oder zwanzig Minuten für den gesamten Verband. Das passt nicht zusammen. Wir müssen deshalb ständig improvisieren. Ich bereite beispielsweise parallel Material vor, um überhaupt auf eine halbwegs sinnvolle Einwirkzeit zu kommen.

Du sprichst die Bürokratie an. Wie stark belastet sie die Pflege allgemein?

Claudia L.: Enorm. Wir dokumentieren täglich Dinge, die sich gar nicht verändern. Wunden müssen jeden Tag neu beschrieben werden, obwohl sich die über Wochen nicht groß verändern. Gleichzeitig läuft die Dokumentation immer noch doppelt, digital und auf Papier. Das ist extrem zeitaufwendig und oft nicht sinnvoll. Dazu kommen ständig Folgeverordnungen, Genehmigungen, Formulare. Das kostet Zeit, die wir eigentlich für die Menschen bräuchten.

Du warst viele Jahre im Betriebsrat tätig. Fehlt eine solche Interessenvertretung bei Euch?

Claudia L.: Grundsätzlich ja, denn ein Betriebsrat kann viel bewirken. Aber in einer kleinen Einrichtung wie bei uns ist das oft schwer umzusetzen. 

Zitat

Meine Erfahrung aus der Betriebsratsarbeit hilft mir dabei sehr, ohne diese könnte ich das so nicht leisten.

Zitat

Dennoch übernimmst Du eine Art Vertretung der Kollegen?

Claudia L.: Ja, schon. Mein Arbeitgeber ist sehr kulant und irgendwie bin ich in die Rolle reingewachsen, die Arbeitnehmer auch mit Hilfe des Betriebsverfassungsgesetzes und Arbeitsrecht zu vertreten. Ich bringe Themen ein, mache Vorschläge und versuche Prozesse zu verbessern. Meine Erfahrung aus der Betriebsratsarbeit hilft mir dabei sehr, ohne diese könnte ich das so nicht leisten. (tis)

Kontakt zur Redaktion

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Wenden Sie sich gerne direkt an unsere Redaktion. Wir freuen uns über konstruktives Feedback!

redaktion-dbr@ifb.de

Jetzt weiterlesen