Betriebsratsarbeit trotz Liquidation?!

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Stand:  19.5.2026
Lesezeit:  04:00 min
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Peter Lüders war 16 Jahre Interessenvertreter in einem Unternehmen, das schon lange abgewickelt wird

Eine längst angekündigte Liquidation bis 2028, schrumpfende Belegschaft, keine Gehaltsanpassungen und trotzdem eine funktionierende Mitbestimmung? Peter Lüders (69), ehemaliger stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Landesentwicklungsgesellschaft für Städtebau, Wohnen und Verkehr des Landes Brandenburg, blickt zurück auf 16 Jahre Betriebsratsamt im Ausnahmezustand. Und erklärt, warum sich der Einsatz trotzdem gelohnt hat. 

Peter, Du warst viele Jahre im Betriebsrat aktiv. Erinnerst Du Dich noch an den Moment, in dem Du Dich entschieden hast, erstmals zu kandidieren?

Peter Lüders: Ja, das war 2006. Ich war mit dem damaligen Betriebsratsvorsitzenden befreundet. Es wurden noch Leute gesucht und irgendwann habe ich dann ja gesagt. Wir waren zu der Zeit noch zwischen 30 und 40 Leuten, der Betrieb war da allerdings schon fünf Jahre in Liquidation. Es hat sich also irgendwie ergeben, nicht aus einem großen Plan heraus.

Wenn ein solches „Damoklesschwert“ über einem Unternehmen schwebt: Wie verändert sich die Betriebsratsarbeit?

Peter Lüders: Vor der Liquidation ging es für den Betriebsrat ganz klassisch um soziale Themen: Betriebsvereinbarungen mit der Firma oder mal um Freistellungen bei Geburt beziehungsweise Heirat. Mit der Liquidation ging es vor allem ums Gehalt. Darum, dass Arbeit anerkannt wird, wenn Leute länger bleiben oder zusätzliche Aufgaben übernehmen. Man gewöhnt sich an vieles, weil es nebenbei laufen muss. Aber es gab Phasen, da war es anstrengender, besonderes direkt nach Beginn der Liquidation. Lange Zeit gab es gar keine Gehaltserhöhungen. 2012 war die erste seit 2001, abgesehen von der Ost-West-Angleichung 2007. Das zehrt dann schon.

Die Liquidation war also der mit Abstand größte Einschnitt …

Peter Lüders: Definitiv! Digitalisierung oder Fachkräftemangel – das spielt alles eine Rolle, jedoch greift nichts so tief wie eine jahrzehntelange Liquidation. Seit 2022 wurde es noch schwieriger, weil der Liquidator kaum noch Auskünfte geben wollte. Da mussten wir regelrecht Gespräche einfordern, um überhaupt Informationen zu bekommen.

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Das Gefühl der Machtlosigkeit war schon da, obwohl wir jedes Jahr Gewinn gemacht haben.

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Welche Themen haben denn die Beschäftigen am meisten umgetrieben?

Peter Lüders: Ganz klar: Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen. Es gab Bleibevereinbarungen, keine neuen Dauerverträge und trotzdem war es faktisch ein Dauerzustand. Viele haben frühzeitig den Betrieb verlassen. Wir haben als Betriebsrat irgendwann gemerkt: Wir müssen die Leute halten, sonst bleibt hier nichts mehr übrig, schließlich durften wir niemanden einstellen. Das Gefühl der Machtlosigkeit war schon da, obwohl wir jedes Jahr Gewinn gemacht haben.

Wo siehst Du die größten Herausforderungen für die betriebliche Mitbestimmung generell?

Peter Lüders: Ich erlebe gerade viel Frust. Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, ist der Blick eher pessimistisch. Es gibt das Gefühl, dass Entscheidungen immer weiter weg von den Beschäftigten getroffen werden und, dass Führung nicht unbedingt besser geworden ist. Mitbestimmung bleibt wichtig, vielleicht wichtiger denn je, aber es wird nicht leichter.

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Das waren keine großen Schlagzeilen, aber für die Betroffenen war das enorm wichtig.“

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Was war rückblickend Dein größter Erfolg im Betriebsratsamt?

Peter Lüders: 2015 gab es eine größere Aktion rund um die Gehälter. Wir haben zum Beispiel für Minijobber durchgesetzt, dass ihre Bezahlung angehoben wird. Das betraf vor allem zwei ältere Beschäftigte, die heute über 80 sind und immer noch arbeiten. Das waren keine großen Schlagzeilen, aber für die Betroffenen war das enorm wichtig.

Anfang 2027 gehst Du mit dann 70 Jahren endgültig in Rente: Fällt Dir der Abschied aus dem Arbeitsleben leicht?

Peter Lüders: Ich glaube schon. Ich kümmere mich viel um meine Enkel und merke, dass die Arbeit für mich weniger wird. Man fühlt sich irgendwann ein bisschen überflüssig und dann ist es gut, zu gehen.

Was nimmst Du persönlich aus Deiner Betriebsratszeit mit?

Peter Lüders: Dass es wirklich Spaß machen kann, sich für andere einzusetzen, selbst wenn man nur kleine Erfolge erzielt. Aber man kann sich dann doch einbilden, einen Kampf gewonnen zu haben. (tis)

Peter Lüders  | © Peter Lüders

Peter Lüders

Peter Lüders ist Chemiker und seit 1993 bei der Landesentwicklungsgesellschaft für Städtebau, Wohnen und Verkehr des Landes Brandenburg tätig. Nach Stationen in der Wasserwirtschaft und im Elektrobereich kam er nach der Wende zur LEG. Ab 2006 war er 16 Jahre lang Mitglied des Betriebsrats, zeitweise stellvertretender Vorsitzender. Der Betrieb befindet sich seit vielen Jahren in der Liquidation. Ende 2026 verabschiedet sich Peter Lüders in den Ruhestand.

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