„Ich hasse Ungerechtigkeit – genau deshalb engagiere ich mich“

© Kim Wessel
Stand:  12.5.2026
Lesezeit:  03:00 min
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Notfallsanitäterin und Jugend- und Auszubildendenvertreterin Kim Wessel

Mit Zwölf-Stunden-Schichten, wechselnden Einsatzorten und hohem psychischem Druck ist der Rettungsdienst sicherlich kein einfacher Arbeitsplatz – besonders für Auszubildende. Jugend- und Auszubildendenvertreterin Kim Wessel berichtet, warum Sichtbarkeit ein zentrales Problem ist, welche Themen junge Beschäftigte im Rettungsdienst umtreiben und was sie dank ihrer Beharrlichkeit tatsächlich schon verändern konnte. 

Kim Wessel | © Kim Wessel

Kim Wessel

Kim Wessel ist ausgebildete Notfallsanitäterin und arbeitet in einem Rettungsdienst im Schichtbetrieb. Seit rund zwei Jahren engagiert sie sich in der Jugend- und Auszubildendenvertretung ihres Arbeitgebers. Aktuell führt sie das Amt allein, obwohl die JAV als Dreiergremium vorgesehen wäre.

Kim, Notfallsanitäterin ist kein einfacher Beruf: War das schon immer Dein Ziel?

Kim Wessel: Ja, tatsächlich schon. Mein Papa ist Berufsfeuerwehrmann und hat früher immer viel erzählt. Ich habe mir das dann angeschaut und gemerkt: Das ist genau das, was ich machen will. Es ist wirklich mein Traumberuf. 

Du engagierst Dich zusätzlich in der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Wie bist Du dort gelandet?

Kim Wessel: Ich bin jetzt im zweiten Jahr in der JAV. Vor meiner Zeit gab es bei uns schon eine JAV, ich habe sie aber leider gar nicht so wirklich wahrgenommen und das wollte ich anders machen, präsenter sein. Richtig aufgeploppt ist das Thema dann, als das Neun-Euro-Ticket eingeführt wurde. Plötzlich haben wir nur noch neun Euro Fahrkosten bekommen, was für viele natürlich ein Problem war. Da wurde deutlich: Es braucht jemanden, der sich kümmert.

Du bist derzeit allein im JAV-Gremium, obwohl drei Mitglieder möglich wären …

Kim Wessel: Leider war das Interesse nicht so groß. Ich hoffe sehr, dass sich das bei den kommenden Wahlen ändert und wir dann ein Dreiergremium aufstellen können. Dafür versuche ich, sichtbar zu sein: Ich habe Flyer und Aushänge mit meinem Bild, meiner Telefonnummer und meiner E-Mail-Adresse verteilt. Tatsächlich melden sich auch einige bei mir. 

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Ich setze mich einfach gerne für andere ein.

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Was hat Dich persönlich motiviert, Dich zu engagieren?

Kim Wessel: Ich setze mich einfach gerne für andere ein und hasse Ungerechtigkeit. Das kann ich ganz schlecht aushalten. Deshalb hoffe ich immer, dass ich mit meinem Engagement ein bisschen was bewirken kann.

Mit welchen Themen beschäftigst Du Dich denn aktuell besonders?

Kim Wessel: Ein großes Thema ist die Dienstplangestaltung. An einer unserer Wachen gibt es einen Wunschdienstplan, Festangestellte haben dort wesentlich mehr Freiwünsche als Azubis. Viele Auszubildende fühlen sich dadurch benachteiligt, was ich gut nachvollziehen kann. Uns ist klar, dass Auszubildende nicht alles genauso haben können wie Festangestellte, daher versuchen wir gerade, einen gesunden Mittelweg zu finden.

Was war bislang Deine größte Herausforderung in der JAV-Arbeit?

Kim Wessel: Dass viele gar nicht wissen, wie wichtig die JAV ist und was sie alles darf. Zum Beispiel gab es bei uns noch nie eine Jugend- und Auszubildendenversammlung, einfach, weil niemand wusste, dass es so etwas gibt. Ich habe das erst durch Seminare gelernt, die erste JAV-Versammlung ist jetzt für den Sommer geplant. Organisatorisch ist das nicht ganz einfach, weil manche Azubis in der Schule sind, manche im Krankenhaus, andere auf der Wache. 

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Das fand ich schon schön, zu sehen, dass sich wirklich etwas geändert hat.

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Gab es einen Moment, in dem Du gemerkt hast: „Das was ich hier mache, bewirkt wirklich etwas“?

Kim Wessel: Ja, den gab es. Früher war es so, dass Auszubildende im Krankenhaus Spät-, Nacht- oder Feiertagsdienste gemacht haben, dafür aber keine entsprechenden Zulagen bekommen haben. Das haben wir angesprochen und inzwischen bekommen sie diese Zulagen. Das fand ich schon schön, zu sehen, dass sich wirklich etwas geändert hat.

Wie wichtig ist Mitbestimmung aus Deiner Sicht für junge Menschen generell?

Kim Wessel: Extrem wichtig! Ich bin mal über den Satz gestolpert, sinngemäß: Auszubildende seien aufgrund der Gesetzeslage anders zu behandeln, weil sie keine festen Mitarbeiter sind. Das fand ich ganz schlimm, weil Auszubildende feste Mitarbeiter sind. Oft läuft ohne sie nichts. Und auch der alte Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ geht für mich gar nicht. Wenn jemand die gleiche Arbeit macht, warum soll er oder sie dann anders behandelt werden? 

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Wenn ich einfach nur sage: ‚Die Auszubildenden finden das blöd‘, bringt das wenig.

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Was hast Du persönlich durch Dein Engagement gelernt?

Kim Wessel: Ich gehe Gespräche inzwischen ganz anders an, nehme immer einen Lösungsvorschlag mit. Wenn ich einfach nur sage: „Die Auszubildenden finden das blöd“, bringt das wenig. Wenn ich mir jedoch vorher Gedanken mache und sage: „Könnte man es so oder so lösen?“, dann kommt man viel eher zusammen.

Kannst Du Dir vorstellen, langfristig in der Interessenvertretung zu bleiben, vielleicht mal im Betriebsrat?

Kim Wessel: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Aktuell möchte ich unbedingt erstmal in der JAV bleiben, am liebsten ab Herbst dann in einem Dreiergremium. Vielleicht kandidiere ich für den Betriebsrat nach der aktuellen Amtsperiode, aber das hat jetzt noch Zeit. (tis)

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