Das beginnt oft schon in der Mittagspause. Statt durchzuatmen, wird schnell eingekauft, nebenbei mit den Kindern telefoniert, es werden Arzttermine organisiert oder im Home-Office noch rasch die Waschmaschine angestellt. Zum Schluss bleibt kaum Zeit zum Essen und der Erholungseffekt ist gleich null. Am Abend setzt sich dieses Muster fort und am Ende des Tages bleibt vor allem eins: Eine tiefe Erschöpfung. Häufig behandeln wir Erholung wie einen weiteren Punkt auf der To-do-Liste, füllen Pausen mit Erledigungen, ersetzen echtes Abschalten durch digitale Reize und folgen selbst in der Freizeit dem Anspruch, möglichst effizient zu sein. So fehlt der mentale Abstand, der notwendig wäre, um neue Energie zu sammeln. Nicht selten fühlen sich Menschen auch nach Feierabend oder sogar nach dem Urlaub weiterhin erschöpft oder innerlich getrieben. Genau an dieser Stelle setzt das DRAMMA-Modell an, damit Erholung bewusster, wirksamer und nachhaltiger gelingen kann.
Ziel ist es, Erholung messbar und verständlich zu machen und zu zeigen, welche Erlebnisse im Alltag wirklich zur Regeneration beitragen.
Der Ursprung des DRAMMA-Modells
Das DRAMMA-Modell stammt aus der Arbeits- und Organisationspsychologie und wurde entwickelt, um zu erklären, wie Erholung in der Freizeit tatsächlich wirkt und welche psychologischen Bedürfnisse dafür erfüllt sein müssen. Vorgestellt wurde es erstmals 2014 im Journal of Happiness Studies durch die Psychologen David Newman, Louis Tay und Ed Diener im Kontext der Erholungs- und Freizeitforschung. Das Modell baut auf früheren Forschungsarbeiten zur Erholung und zum Stressabbau auf, etwa den Studien von Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz zur Messung von Erholungserfahrungen und zeigt, dass Erholung weit mehr ist als nur Freizeit: Sie hängt davon ab, ob wir psychologisch abschalten, entspannen, selbstbestimmt handeln, neue Fähigkeiten erleben, Sinn erfahren und soziale Verbundenheit spüren. Ziel ist es, Erholung messbar und verständlich zu machen und zu zeigen, welche Erlebnisse im Alltag wirklich zur Regeneration beitragen.
Das DRAMMA-Modell beschreibt sechs psychologische Bedürfnisse
Was ist das DRAMMA-Modell?
Das DRAMMA-Modell beschreibt sechs psychologische Bedürfnisse, die erfüllt sein sollten, damit Pausen, Freizeit und Feierabend wirklich erholsam wirken. Es geht nicht darum, was wir tun, sondern wie wir uns dabei fühlen.
Die sechs Bausteine der Erholung
- Detachment – Abschalten
Detachment bedeutet, mental und emotional Abstand von der Arbeit zu gewinnen. Gedanken an Aufgaben, Konflikte oder To-do-Listen dürfen bewusst ruhen.
Tipp für den Arbeitsalltag: In der Pause keine dienstlichen Mails lesen und klare Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit setzen. - Relaxation – Entspannung
Relaxation steht für körperliche und geistige Entspannung. Der Stresspegel sinkt, Atmung und Herzschlag beruhigen sich.
Tipp für den Arbeitsalltag: Kurze bewusste Pausen einlegen, zum Beispiel ein paar Minuten ruhig sitzen, tief durchatmen oder einen kurzen Spaziergang machen. - Autonomy – Selbstbestimmung
Autonomy bedeutet, selbst entscheiden zu können, wie Pausen und Freizeit gestaltet werden, also ohne fremde Erwartungen oder Druck.
Tipp für den Arbeitsalltag: Die Mittagspause so nutzen, wie es einem selbst gut tut und nicht so, wie es vermeintlich erwartet wird. - Mastery – Kompetenzerleben
Mastery beschreibt das Erleben von Wachstum und Kompetenz durch neue oder herausfordernde Tätigkeiten, die nichts mit Arbeit zu tun haben müssen.
Tipp für den Arbeitsalltag: Nach der Arbeit bewusst Aktivitäten wählen, die Freude machen und Erfolgserlebnisse ermöglichen, etwa ein Hobby oder Lernen aus Interesse. - Meaning – Sinn
Meaning steht für das Erleben von Sinnhaftigkeit und persönlicher Bedeutung in dem, was man tut.
Tipp für den Arbeitsalltag: Zeit für Tätigkeiten einplanen, die den eigenen Werten entsprechen, etwa Engagement, Kreativität oder bewusste Zeit mit wichtigen Menschen. - Affiliation – Soziale Verbundenheit
Affiliation meint positive soziale Beziehungen, Zugehörigkeit und echte Verbundenheit mit anderen.
Tipp für den Arbeitsalltag: Pausen gelegentlich für wertschätzende Gespräche nutzen, ohne Arbeitsbezug oder Ablenkung durch das Handy.
Viele Pausen fühlen sich erholsam an, wirken aber nur oberflächlich.
Warum nicht jede Pause gleich erholsam ist
Viele Pausen fühlen sich erholsam an, wirken aber nur oberflächlich. Der Grund liegt oft darin, dass nur ein einzelner DRAMMA-Faktor angesprochen wird. Das DRAMMA-Modell zeigt jedoch, dass Erholung ein Zusammenspiel mehrerer Bedürfnisse ist. Wird nur eines erfüllt, bleibt der Erholungseffekt meist begrenzt oder kurzlebig.
Ein Beispiel ist Sport nach der Arbeit. Er kann das Kompetenzerleben (Mastery) stärken und Stress abbauen, reicht aber nicht aus, wenn gedanklich weiter an E-Mails oder Konflikte gedacht wird. Ohne Detachment, also echtes Abschalten, bleibt der Kopf im Arbeitsmodus. Ähnlich verhält es sich mit Social Media. Hier entsteht manchmal kurzfristige Entspannung, doch oft fehlen Sinn, Selbstbestimmung oder echte soziale Verbundenheit, sodass keine nachhaltige Erholung entsteht.
Die Forschung zeigt, dass mindestens zwei bis drei DRAMMA-Faktoren gleichzeitig erfüllt sein sollten, damit Erholung spürbar und stabil wirkt. Besonders wirksam ist die Kombination aus Abschalten, Entspannung und Selbstbestimmung. Je nach Person und Situation können weitere Faktoren wie Sinn oder soziale Nähe hinzukommen. Es geht dabei nicht um Vollständigkeit, sondern um eine passende Mischung, die zu den eigenen Bedürfnissen passt.
Um dauerhaft handlungsfähig zu bleiben, ist wirksame Erholung daher keine Nebensache...
Bedeutung des DRAMMA-Modells für den Betriebsrat
Die Arbeit für Sie als Betriebsrat ist häufig mit hoher emotionaler und kommunikativer Belastung verbunden und findet nicht selten zusätzlich zur regulären Tätigkeit statt. Um dauerhaft handlungsfähig zu bleiben, ist wirksame Erholung daher keine Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für gute Betriebsratsarbeit.
Das DRAMMA-Modell zeigt, dass Erholung mehrere psychologische Bedürfnisse erfüllen muss, um nachhaltig zu wirken. Für Betriebsratsmitglieder bedeutet das, Selbstfürsorge bewusst einzuplanen, klare Pausen zuzulassen und nicht in eine dauerhafte Erreichbarkeit zu geraten. Abschalten und Erholen sind kein Luxus, sondern notwendig, um konzentriert, ausgeglichen und belastbar zu bleiben.
Gleichzeitig bietet das DRAMMA-Modell eine hilfreiche Orientierung für die Mitbestimmung. Es inspiriert Sie als Betriebsrat dabei, Arbeitszeiten, Pausen, mobile Arbeit oder Erreichbarkeit so mitzugestalten, dass für die Belegschaft auch echte Erholung möglich wird.
Fazit: Erholung braucht Qualität, nicht nur Zeit
Erholung ist also kein Zufallsprodukt und auch nicht automatisch erledigt, nur weil „Pause“ im Kalender steht. Das DRAMMA-Modell zeigt, wie wir neue Energie tanken, und zeigt, dass wir Erholung nicht zwischen Einkaufsliste und E-Mails quetschen sollten. Ein guter erster Schritt ist deshalb ganz einfach: die nächste Pause nicht optimieren, sondern bewusst erleben und sich ehrlich fragen, ob sie dem Kopf wirklich Erholung gegönnt hat. (sw)
Downloads