„Sag mal, wo sind eigentlich Peter und Maren aus der Buchhaltung? Die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.“
„Hast du das nicht mitbekommen? Die sind nicht mehr im Unternehmen. Angeblich im gegenseitigen Einvernehmen gegangen.“
„Ach so. Und Georg aus der IT?“
„Der ist auch weg. Die Stelle wird wohl nicht nachbesetzt.“
Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann sind Sie möglicherweise Zeuge eines Phänomens geworden, das in den USA inzwischen unter dem Begriff „Forever Layoffs“ diskutiert wird.
Mit „Forever Layoffs“ beschreiben Arbeitsmarktexperten einen schleichenden Stellenabbau...
Forever Layoffs: Wenn der Stellenabbau zum Dauerzustand wird
Mit „Forever Layoffs“ beschreiben Arbeitsmarktexperten einen schleichenden Stellenabbau, der nicht in einer großen Entlassungswelle erfolgt, sondern durch viele kleinere Personalmaßnahmen über Monate oder sogar Jahre hinweg. Statt tausende Beschäftigte auf einen Schlag zu entlassen, werden Stellen schrittweise reduziert, etwa durch kleinere Kündigungsrunden, auslaufende Befristungen, Einstellungsstopps oder die Nicht-Nachbesetzung freiwerdender Arbeitsplätze.
Im Unterschied zur klassischen Restrukturierung gibt es dabei oft keinen klaren Einschnitt, der öffentlich wahrgenommen wird. Der Personalabbau erfolgt vielmehr kontinuierlich und kann sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Für Beschäftigte und Betriebsräte wird dadurch häufig erst spät sichtbar, wie stark sich die Belegschaft tatsächlich verändert hat.
Viele deutsche Unternehmen befinden sich seit Jahren in einem Anpassungsprozess.
Die Zahlen: Warum das Thema an Bedeutung gewinnt
Auch wenn der Begriff „Forever Layoffs“ aus den USA stammt, steht fest: Viele deutsche Unternehmen befinden sich seit Jahren in einem Anpassungsprozess. Nach einer Analyse von EY verlor die deutsche Industrie allein im Jahr 2025 rund 124.100 Arbeitsplätze, davon etwa 50.000 in der Automobilbranche. Seit 2019 summiert sich der Beschäftigungsabbau laut EY auf mehr als 340.000 Stellen. Gleichzeitig plante nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Ende 2025 etwa jedes dritte Unternehmen, im Jahr 2026 Personal abzubauen. Auch das ifo-Institut sieht in nahezu allen Industriebranchen weiterhin rückläufige Beschäftigungserwartungen.
Diese Zahlen belegen keinen Trend zu „Forever Layoffs“. Sie zeigen jedoch, dass viele Unternehmen unter hohem wirtschaftlichem Anpassungsdruck stehen und Personalabbau häufig nicht mehr als einmalige Maßnahme betrachten.
Der Blick in die USA
Der eigentliche Begriff „Forever Layoffs“ entstand in den USA. Dort beobachten Arbeitsmarktexperten seit einigen Jahren eine Veränderung beim Stellenabbau. Laut dem Glassdoor Worklife Trends Report 2026 stieg der Anteil kleiner Entlassungsrunden mit weniger als 50 Betroffenen von 38 Prozent im Jahr 2015 auf 51 Prozent im Jahr 2025. Die Studie deutet darauf hin, dass Unternehmen zunehmend auf kleinere, wiederkehrende Personalabbaumaßnahmen setzen, anstatt große Entlassungswellen durchzuführen.
Begleitet wird diese Entwicklung von Begriffen wie „Rolling Layoffs“ oder „Quiet Layoffs“. Gemeint ist ein schrittweiser Stellenabbau, der oft deutlich weniger öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt als klassische Massenentlassungen. Allein im Mai 2026 wurden in den USA rund 97.000 geplante Stellenstreichungen angekündigt. Ähnliche Diskussionen gibt es inzwischen auch in China, wo internationale Medien über vergleichbare Formen eines weniger sichtbaren Personalabbaus berichten.
Bei einer schrittweisen Massenentlassung werden alle Entlassungen innerhalb eines Zeitraums von 30 Kalendertagen zusammengerechnet.
Kleine Schritte statt großer Schlagzeilen
In Deutschland muss ein Arbeitgeber nach § 17 KSchG eine Massenentlassung bei der Agentur für Arbeit anzeigen, wenn innerhalb von 30 Tagen bestimmte Schwellenwerte überschritten werden. Zudem ist der Betriebsrat umfassend zu informieren und anzuhören.
Bei einer schrittweisen Massenentlassung werden alle Entlassungen innerhalb eines Zeitraums von 30 Kalendertagen zusammengerechnet. Außerhalb dieses Zeitraums wird ein schrittweiser Stellenabbau, etwa durch kleinere Kündigungsrunden, auslaufende Befristungen oder Altersteilzeitprogramme nicht von den Vorgaben einer Massenentlassungsanzeige erfasst – bekannt als “Salami-Taktik”. Manche Arbeitgeber sehen hierin Vorteile: Große Schlagzeilen bleiben oft aus, die öffentliche Aufmerksamkeit ist geringer und der Personalbestand lässt sich “flexibler” an die wirtschaftliche Entwicklung anpassen. Statt eines großen Einschnitts erfolgt der Stellenabbau in vielen kleinen Schritten. Manchmal unbemerkt für die Arbeitnehmervertreter.
Auch die verbleibenden Mitarbeiter leiden häufig unter den Auswirkungen.
Wenn die Unsicherheit bleibt
Die Folgen von Forever Layoffs treffen nicht nur die Beschäftigten, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Auch die verbleibenden Mitarbeiter leiden häufig unter den Auswirkungen. Arbeitspsychologen sprechen vom sogenannten „Survivor Syndrome“. Wer erlebt, wie Kollegen nach und nach das Unternehmen verlassen müssen, fragt sich oft unweigerlich, ob er selbst als Nächster betroffen sein könnte. Die Folge sind Verunsicherung, sinkendes Vertrauen in den Arbeitgeber und eine höhere Wechselbereitschaft. Gleichzeitig müssen die verbliebenen Beschäftigten häufig zusätzliche Aufgaben übernehmen, wenn Stellen nicht nachbesetzt werden. Aus vielen kleinen Personalabbauschritten kann so eine dauerhafte Belastung für die gesamte Belegschaft entstehen.
Praxistipp für Betriebsräte: Schleichenden Stellenabbau erkennen
Forever Layoffs fallen oft nicht durch eine große Ankündigung auf. Umso wichtiger ist es, die Personalentwicklung regelmäßig im Blick zu behalten. Folgende Fragen können Ihnen als Betriebsrat dabei helfen:
Warnsignale erkennen
- Werden frei werdende Stellen nicht mehr nachbesetzt?
- Laufen befristete Verträge aus, ohne verlängert zu werden?
- Gibt es einen Einstellungsstopp?
- Schrumpfen bestimmte Abteilungen oder Standorte kontinuierlich?
- Werden Aufgaben zunehmend an Dienstleister oder andere Standorte vergeben?
- Steigen Arbeitsbelastung, Überstunden oder Krankenstände in einzelnen Bereichen?
Informationen beim Arbeitgeber einfordern
- Wie hat sich die Beschäftigtenzahl in den letzten 12, 24 oder 36 Monaten entwickelt?
- Welche Personalplanung verfolgt das Unternehmen für die kommenden Jahre?
- Welche Bereiche sollen wachsen, welche schrumpfen?
- Sind weitere Auslagerungen oder Umstrukturierungen geplant?
Oft wird erst im Rückblick über einen längeren Zeitraum sichtbar, dass viele kleine Maßnahmen zusammen einen erheblichen Stellenabbau ergeben haben.
Das Große und Ganze im Blick haben
Oft wird erst im Rückblick über einen längeren Zeitraum sichtbar, dass viele kleine Maßnahmen zusammen einen erheblichen Stellenabbau ergeben haben. Deshalb lohnt es sich, Personalzahlen, Befristungen, Nachbesetzungen und Outsourcing kontinuierlich zu dokumentieren und regelmäßig auszuwerten. So können Entwicklungen frühzeitig erkannt und gegenüber dem Arbeitgeber thematisiert werden. Und Sie als Betriebsrat haben schnell im Blick, wann und warum Kollegen wie Maren, Peter oder Georg nicht mehr im Unternehmen sind. (sw)