Smartphone: Aus dem Leben eines Alltagsgeräts

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Stand:  24.2.2026
Lesezeit:  02:30 min
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Warum Nicht-Tippen manchmal die beste Antwort ist

Endlich mal Ruhe! Ich bin ein Smartphone und stecke gerade in einer erstaunlich bequemen Hosentasche. Warm, dunkel, gemütlich. Genau so stelle ich mir meine wohlverdiente Auszeit vor. Leider werden diese Momente immer seltener. Mein Display läuft im Dauerbetrieb, ich komme kaum noch zur Ruhe. Dabei bin ich in manchen Situationen am besten, wenn ich einfach liegenbleibe. Warum das so ist? Das erzähle ich Ihnen gern.

Unser Siegeszug

Ich muss sagen, wir Smartphones haben es weit gebracht. Vor ein paar Jahren waren wir noch schicke Technikspielzeuge. Heute sind wir eine echte Massenbewegung. Rund 71 Millionen von uns sind in Deutschland im Einsatz. Und jedes Jahr kommen etwa 20 Millionen neue Kollegen dazu. Wir sind also nicht nur präsent, wir sind flächendeckend organisiert.
Unser Markt wächst ebenfalls kräftig. Mit allem, was zu uns gehört - Geräte, Dienste, Apps und Netze - wird inzwischen ein Umsatz von über 40 Milliarden Euro erzielt. Wir sind also nicht nur beliebt, wir sind auch wirtschaftlich relevant. Durchschnittlich kosten wir über 600 Euro. Man könnte sagen, wir sind keine spontane Laune mehr, sondern eine Investition. Und genutzt werden wir ausgiebig. Im Schnitt verbringen die Menschen in Deutschland mehr als zweieinhalb Stunden täglich mit uns.

Aber jetzt kommt der interessante Teil. Obwohl wir so verbreitet sind und so intensiv genutzt werden, geben rund drei Viertel der Menschen zu, dass es sie nervt, wenn andere in Meetings oder Gesprächen ständig aufs Smartphone schauen. Hier ein Beispiel dafür.

Ich beantrage Rederecht, habe aber keins

Heute wohne ich als Smartphone einer Betriebsratssitzung bei. Und ich möchte offiziell festhalten: Ich wurde nie gefragt, ob ich Mitglied dieses Betriebsrats sein will. Ich liege mitten auf dem Tisch, zwischen Unterlagen und Kaffeetassen. Um mich herum wird engagiert diskutiert. Mitbestimmung, Arbeitszeiten, Verantwortung. Große Themen. Neben mir liegen weitere Geräte  - eine kleine Parallelversammlung. Wir sind alle ohne Stimmrecht, aber mit maximaler Aufmerksamkeit.

Fast hätte ich mich also in mein stilles Dasein gefügt. Fast. Wäre da nicht mein Nutzer. Er schaut mich an, nimmt er mich hoch und tippt. Wischt. Scrollt. Nickt zwischendurch in den Raum, als hätte er gerade einen besonders klugen Gedanken verarbeitet. Dabei dreht sich alles lediglich um die Frage, wer heute zum Supermarkt fährt.
Ich möchte an dieser Stelle betonen: Ich habe nicht vibriert. Ich habe nicht geleuchtet. Ich habe mich vorbildlich benommen. Wenn hier jemand Unruhe reinbringt, dann nicht ich. Und trotzdem spüre ich es. Diese Blicke der anderen. Manche schauen genervt. Manche resigniert. Manche mit dieser Mischung aus „Nicht schon wieder“ und „Ich sage jetzt nichts“.
Hallo? Ich würde ja gerne unsichtbar werden. Wirklich. Aber ich bin nun mal ein Bildschirm. Meine Existenz basiert auf Leuchten.

Gerade wird hitzig diskutiert. Es geht um Arbeitszeiten. Um Belastung. Um Respekt und Wertschätzung. Eine Kollegin spricht. Man merkt, das Thema liegt ihr am Herzen. Und in genau diesem Moment werde ich wieder angehoben. Ich fühle mich wie der ungewollte Stargast, der ständig ins Rampenlicht gezerrt wird. Die Kollegin stockt kurz und ihr Blick streift mich. Oder besser gesagt: meinen Nutzer. Ich würde mich am liebsten ausschalten. Unter dem Tisch höre ich ein leises Stöhnen. Ein weiteres Smartphone. Offensichtlich in geheimer Mission unterwegs. Heimliches Tippen. Subtiles Leuchten im Schummerlicht der Tischkante. Echt jetzt? Auch noch im Verborgenen?
Wir führen hier offenbar eine Art Schattenkonferenz durch. Oberhalb des Tisches Mitbestimmung, unterhalb digitale Parallelwelt. Ich kann euch sagen: Es ist anstrengend. Wir Geräte brauchen auch mal Pause. Wisst ihr, was ironisch ist? In dieser Sitzung geht es gerade um Respekt den anderen gegenüber. Um Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und ich liege hier und werde häufiger berührt als die Tagesordnung.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin ein nützliches Werkzeug. Ich organisiere Kalender, speichere Dokumente, erinnere an Geburtstage und vieles mehr. Ich bin loyal. Schnell. Geduldig. Aber ich bin kein Ersatz für Aufmerksamkeit. Ich kann keine Mimik lesen. Ich spüre keine Stimmung. Ich erkenne nicht, wenn jemand gerade Mut zusammenkratzt, um etwas Wichtiges zu sagen. Das könnt nur ihr Nutzer.
Die „dringende“ Nachricht kann meistens warten. Die Welt würde nicht untergehen. Wirklich nicht.  Und wenn nicht, darf man kurz rausgehen, das nehme ich nicht persönlich. Was ich persönlich nehme, ist der Blick aufs Display, während jemand spricht. Er sendet ein leises Signal: Etwas anderes ist gerade wichtiger. Und das schmerzt mehr als jedes Vibrieren.

Gerade wird abgestimmt. Hände gehen hoch. Mein Nutzer schaut auf. Endlich. Er legt mich zur Seite. Ganz bewusst. Dreht mich sogar mit dem Display nach unten. Ich atme innerlich auf.
Also, liebe Menschen in Meetings, Sitzungen und Seminaren: Ich verspreche euch, ich laufe nicht weg. Ich schmolle nicht. Ich fühle mich nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil. Das Respektvollste, was ihr in einer Sitzung tun könnt, ist ganz einfach: Lasst mich liegen.

Im Weiterbildungsseminar als unfreiwilliger Hauptdarsteller

Mal wieder so ein Fall. Heute darf ich mich weiterbilden. Themenblock: Arbeitsrecht. Oder Kommunikation. Oder Konfliktlösung. Ich bekomme das nie ganz mit. Ich werde ja ständig bewegt.
Vorne steht der Referent. Engagiert. Motiviert. Mit Flipchart und Folien bewaffnet. Er erklärt Zusammenhänge, baut Beispiele auf, stellt Fragen in den Raum. Erstmal Stille. Mein Nutzer zieht mich langsam näher heran. Ganz unauffällig natürlich. Ich leuchte dezent. Ich wollte das nicht dramatisch inszenieren, aber ich bin nun mal ein Bildschirm. Wenn ich aktiv bin, sieht man das. Gerade stellt der Referent die Frage nochmal. Eine richtig Gute. So eine, die man nicht googeln kann.
„Was bedeutet das konkret für Ihre Praxis?“
Mehrere Köpfe heben sich. Mein Nutzer nicht. Er ist beschäftigt. Mit mir. „Herr Müller, wie sehen Sie das?“ Langsame Hebung des Blicks. Ein leichtes Räuspern. „Ähm… könnten Sie die Frage nochmal wiederholen?“ Ich würde mich vor Scham am liebsten selbst ausschalten. Der Referent lächelt professionell und wiederholt geduldig. 
Und ganz ehrlich: Das Spannendste im Raum bin selten ich. Es sind die Diskussionen. Die unterschiedlichen Erfahrungen. Die Aha-Momente, die entstehen, wenn jemand wirklich zuhört.

Zuhause am Esstisch, streng überwacht

Feierabend. Endlich liege ich am Esstisch. Neben mir zwei Kollegen in Kinderhänden, beide hochkonzentriert am Tippen. Da räuspert sich mein Nutzer.
„Jetzt ist Schluss. Beim Essen keine Handys. Das ist respektlos gegenüber der Mama und mir.“
Und siehe da: Displays werden umgedreht, Geräte abgelegt und die Gespräche beginnen. Es braucht offenbar manchmal nur einen klaren Satz. Wie schön! Es geht doch. (sw)

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