An einer Stelle im Betrieb hängt die Liste der Ersthelfer, an einer anderen ein Plakat mit Notfallnummern. Gerade läuft wieder eine Auffrischungsschulung für die Kollegen, die diese Aufgabe übernommen haben. Und währenddessen kommt bei vielen der Gedanke auf: Wann habe ich eigentlich zuletzt einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht?
Für die meisten liegt das Jahre zurück, oft verbunden mit dem Führerschein. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und gleichzeitig begegnen uns Notfälle nicht nur im Betrieb, sondern auch im Alltag: Im Straßenverkehr, zu Hause mit Kindern oder bei der Unterstützung älterer Angehöriger. Wenn Unternehmen im Gesundheitsschutz mehr Sicherheit in Notsituationen schaffen wollen, reicht das gesetzlich Notwendige allein oft nicht aus.
Ersthelfer im Betrieb sind nicht nur wichtig und unverzichtbar, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben.
Warum Erste Hilfe kein Nischenthema sein sollte
Wie Sie als Betriebsrat wissen, sind Ersthelfer im Betrieb nicht nur wichtig und unverzichtbar, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben. Aber Notfälle passieren plötzlich, oft genau dort, wo gerade kein ausgebildeter Ersthelfer daneben steht. Wer dann als Kollege erst die Liste der Ersthelfer sucht, verliert wertvolle Zeit. Und manchmal zählt jede Minute. Wenn mehr Beschäftigte wissen, was zu tun ist, entsteht etwas anderes: Sicherheit im Alltag. Es geht nicht darum, perfekt zu handeln, sondern überhaupt handeln zu können.
Fragt man die Beschäftigten, hört man oft, dass sie gerne ihr Wissen zum Thema Erste Hilfe auffrischen würden. Trotzdem passiert es selten und die Gründe sind nachvollziehbar: Der Kurs kostet Geld, die Organisation ist aufwendig, im Alltag fehlt die Zeit, wegen des Anbieters besteht Unklarheit. Und nicht zuletzt wird die Notwendigkeit gern verdrängt. Ein betriebliches Angebot kann genau diese Hürden abbauen.
Ein freiwilliges Angebot im Unternehmen kann den Zugang deutlich erleichtern.
Die Idee: Ein freiwilliger Erste-Hilfe-Kurs für alle
Ein freiwilliges Angebot im Unternehmen kann den Zugang deutlich erleichtern. Der Kurs findet im Betrieb statt oder wird in Kooperation mit einem Anbieter organisiert. Die Teilnahme ist für alle Beschäftigten freiwillig, kann während der Arbeitszeit erfolgen und wird später ausgeglichen. Die Kosten übernimmt der Arbeitgeber.
Und manchmal ist die Umsetzung sogar noch einfacher, als man denkt: Organisationen (wie z.B. das Bayerische Rote Kreuz) bieten verkürzte Erste-Hilfe-Kurse an. Teilweise sogar kostenfrei. Ab einer Gruppengröße von rund zwölf Personen kommen die Trainer direkt ins Unternehmen. Es bleibt also oft nur die Organisation und die Kosten der Anfahrt. Da geht es dann um die Spezialthemen wie,
- Fit in Erster Hilfe
- Fit in Erster Hilfe am Kind
- Fit in Erster Hilfe für Senioren
- Fit in Erster Hilfe im Sport
Für die Beschäftigten bedeutet das vor allem eines: Kein zusätzlicher Organisationsaufwand, kein Suchen nach Terminen am Wochenende, kein Aufschieben. Oder anders gesagt: Wenn das Angebot da ist, wird aus „eigentlich müsste ich mal“ ein „ich mache das jetzt“.
Warum Erste-Hilfe-Kurse in Präsenz stattfinden
Vielleicht kommt an der Stelle die Frage auf, ob sich solche Angebote nicht auch online umsetzen lassen, um Zeit oder Kosten zu sparen. Die Antwort ist klar: Nein.
Erste-Hilfe-Kurse müssen als Präsenzveranstaltung durchgeführt werden. Der Hintergrund ist einfach: Die praktischen Übungen sind ein zentraler Bestandteil der Ausbildung. Dazu gehören unter anderem die Herz-Lungen-Wiederbelebung, die stabile Seitenlage, das Anlegen von Verbänden oder auch der Einsatz eines Defibrillators.
Diese Fähigkeiten lassen sich nicht allein durch Zuschauen oder Zuhören erlernen. Sie brauchen Anleitung, Übung und direktes Feedback durch qualifizierte Ausbilder.
Ein Erste-Hilfe-Kurs vermittelt keine Theorie für die Schublade, sondern ganz praktische Fähigkeiten.
Was Beschäftigte konkret lernen
Ein Erste-Hilfe-Kurs vermittelt keine Theorie für die Schublade, sondern ganz praktische Fähigkeiten. Es geht darum, Situationen zu erkennen, ruhig zu bleiben und Schritt für Schritt das Richtige zu tun.
Die Teilnehmer lernen z.B., wie man in einer Notfallsituation die eigene Sicherheit im Blick behält. Denn helfen kann nur, wer sich selbst nicht in Gefahr bringt. Ebenso wichtig ist der erste Kontakt mit der betroffenen Person: ansprechen, beruhigen, Orientierung geben. Ein zentraler Punkt ist das Erkennen von lebenswichtigen Funktionen. Ist die Person bei Bewusstsein? Atmet sie normal? Gibt es Anzeichen für Kreislaufprobleme? Genau hier entsteht häufig Unsicherheit.
Aber auch viele Alltagssituationen werden abgedeckt, wie die Versorgung von Wunden und stärkeren Blutungen, der Umgang mit Knochenbrüchen oder Gelenkverletzungen sowie Sofortmaßnahmen bei Verbrennungen.
Hinzu kommen Themen, mit denen man im Alltag schneller konfrontiert ist, als man denkt: Was tun bei einem Schock? Wie reagiere ich bei Vergiftungen oder Verätzungen? Und worauf muss ich bei inneren Verletzungen achten? Wie funktioniert Wiederbelebung und wann kommt ein Defibrillator zum Einsatz?
Es geht nicht darum, alles perfekt zu können. Es geht darum, typische Situationen wiederzuerkennen und die ersten Schritte sicher zu beherrschen.
Das eigene Wissen macht den Unterschied.
Beispiele aus dem Alltag, die zeigen, warum es sich lohnt
- Der kleine Unfall im Büro
Eine Kollegin schneidet sich beim Öffnen eines Pakets mit der Schere tief in den Finger. Es blutet stärker als gedacht. Jemand bleibt ruhig, legt einen Druckverband an und weiß, wann ein Arztbesuch nötig ist. - Kreislaufprobleme im Meeting
Während einer Besprechung wird einem Kollegen plötzlich schwindelig, er sackt zusammen. Wer Erste Hilfe kennt, bringt ihn in die richtige Position, sorgt für frische Luft und weiß, worauf zu achten ist, bis Hilfe da ist. - Sturz auf dem Firmenparkplatz
Eine Mitarbeiterin rutscht im Winter auf dem Eis aus und bleibt bewusstlos liegen.
Hier entscheidet sich oft, ob jemand vorschnell hilft oder richtig handelt. Wissen über stabile Seitenlage oder das Ruhigstellen kann entscheidend sein. - Notfall im Home-Office
Ein Mitarbeiter arbeitet von zu Hause, das Kind stürzt beim Spielen und reagiert kurz nicht. In solchen Momenten gibt es keinen betrieblichen Ersthelfer. Das eigene Wissen macht den Unterschied. - Hilfe im Straßenverkehr
Auf dem Weg zur Arbeit kommt es zu einem Unfall. Viele stehen daneben, wenige greifen ein. Wer einen Kurs gemacht hat, erkennt die Situation schneller, sichert die Unfallstelle und leistet Hilfe. - Ergänzung zur Ersthelferstruktur
In einem größeren Gebäude passiert ein Notfall. Der offizielle Ersthelfer ist gerade in einem anderen Stockwerk. Bis er da ist, überbrücken Kollegen die Zeit, weil sie wissen, was zu tun ist.
Ein solches Angebot ist keine Pflicht, sondern eine Investition mit spürbarem Mehrwert.
Sicherheit statt Unsicherheit: Vorteile für alle
Ein solches Angebot ist keine Pflicht, sondern eine Investition mit spürbarem Mehrwert. Für die Beschäftigten bedeutet es mehr Sicherheit im Umgang mit Notfällen, nicht nur im Job, sondern auch im privaten Umfeld. Es baut Unsicherheit ab und nimmt die Hemmschwelle zu handeln. Für den Arbeitgeber entsteht ebenfalls ein klarer Vorteil: mehr Handlungssicherheit im Betrieb, eine sinnvolle Ergänzung zur gesetzlichen Ersthelferstruktur und ein sichtbarer Beitrag zum Arbeits- und Gesundheitsschutz.
Und darüber hinaus: Die Förderung von Erste-Hilfe-Kenntnissen ist auch ein gesellschaftlicher Beitrag. Denn Hilfe endet nicht am Werkstor.
Ein Impuls, der zeigt, wie Arbeits- und Gesundheitsschutz weitergedacht werden kann.
Rolle von Betriebsrat und Arbeitsschutzausschuss
Betriebsrat und Arbeitsschutzausschuss sollten das Thema “Erste Hilfe” aktiv anstoßen und beim Arbeitgeber einbringen.
Es geht dabei nicht um eine Verpflichtung für alle, sondern um ein sinnvolles Zusatzangebot. Ein Impuls, der zeigt, wie Arbeits- und Gesundheitsschutz weitergedacht werden kann. Gerade im Arbeitsschutzausschuss lassen sich solche Ideen gut platzieren, da hier Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung gemeinsam Lösungen entwickeln.
Ein Erste-Hilfe-Kurs für alle Beschäftigten ist ein Angebot, das sofort Wirkung zeigt und weit über den Betrieb hinausreicht. Ein guter Grund, sich als Betriebsrat genau dafür stark zu machen. (sw)