„Kannst du da mal kurz anrufen?“ Eine scheinbar einfache Bitte, die bei manch jungem Menschen für spürbaren Stress sorgt. Das Gespräch wird aufgeschoben, mögliche Formulieren werden im Kopf durchgespielt, in jedem Fall steigt die Nervosität. In der Psychologie wird dieses Phänomen häufig als Telefonphobie bezeichnet. Gemeint ist eine ausgeprägte Angst vor Telefongesprächen, die weit über eine bloße Abneigung hinausgeht. Denn: Gewisse Hemmungen müssen nicht immer gleich problematisch sein, bedenklich wird es erst, wenn das Vermeiden von Telefonaten den (Arbeits-) Alltag einschränkt.
Betroffene befürchten, sich zu verhaspeln, eine falsche Antwort zu geben oder von ihrem Gegenüber negativ bewertet zu werden. Gerade am Telefon fällt es vielen schwerer, die Reaktionen der anderen einzuschätzen. Mimik und Gestik fehlen, Pausen wirken schnell unangenehm und spontane Antworten lassen sich nicht einfach überabreiten wie bei einer geschriebenen Nachricht.
„Psychologisch wirkt sich die Panik vor allem auf das Herz-Kreislauf-System aus. Die Betroffenen erleben Herzrasen und Schweißausbrüche, Erröten ist typisch, dazu kann ein trockener Mund kommen, Zittern und Übelkeit“, erklärt Psychotherapeut Marco Schneider von „100fears“ in einem Interview mit „Watson“.
Eine Frage der Generationen?
Wenngleich sich die Phobie durch alle Altersklassen zieht, fällt in vielen Unternehmen auf, dass vor allem junge Beschäftigte Telefonate als belastend empfinden. Ausbilder berichten immer wieder, dass Auszubildende lieber eine E-Mail schreiben oder eine Nachricht über Teams verschicken, als zum Hörer zu greifen.
Die Generation Z ist schließlich mit digitalen Kommunikationsformen aufgewachsen.
Das hat viel mit veränderten Kommunikationsgewohnheiten zu tun: Die Generation Z – also die ungefähr zwischen 1995 und 2010 Geborenen – ist schließlich mit digitalen Kommunikationsformen aufgewachsen. Messenger, Sprachnachrichten oder soziale Medien ermöglichen eine Form des Austauschs, bei der Antworten nicht sofort erfolgen müssen. Nachrichten können formuliert, korrigiert und notfalls wieder gelöscht werden, bevor sie abgeschickt werden. Telefonate hingegen verlangen spontane Reaktionen. Man muss unmittelbar antworten, ohne viel Zeit zum Nachdenken.
Wenn man in der Ausbildung plötzlich telefonieren muss
Hinzu kommt, dass viele alltägliche Situationen, in denen früher telefoniert wurde, heute digital erledigt werden. Termine werden online gebucht, Informationen lassen sich via App abrufen und selbst kurze Abstimmungen laufen oft über Chatprogramme. Wer im Alltag wenig telefoniert, entwickelt entsprechend weniger Routine. 44 Prozent der 16- bis 29-Jährigen gaben in einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom an, sich häufiger vor notwendigen Telefonaten zu drücken.
Im Berufsleben lässt sich das Telefon allerdings nicht immer umgehen. Viele Abläufe funktionieren schneller und direkter, wenn man kurz miteinander spricht. Für Auszubildende kann das schnell zu einem Gefühl der Überforderung führen. Wer unsicher ist, vermeidet oft Telefongespräche. Wird diese Unsicherheit im Betrieb nicht wahrgenommen, entsteht zusätzlicher Druck. Kommentare wie „Das ist doch nur ein Anruf“ helfen Betroffenen meist wenig, weil sie das Problem eher verharmlosen.
Eine Aufgabe für die Jugend- und Auszubildendenvertretung
Gerade die Jugend- und Auszubildendenvertretung kann hier eine wichtige Brücke sein. Sie steht in engem Kontakt mit Auszubildenden und bekommt früh mit, welche Herausforderungen im Alltag auftreten. Allein das offene Ansprechen des Themas kann helfen, die Hemmschwelle zu senken. Wenn junge Mitarbeiter merken, dass sie mit ihrer Unsicherheit nicht allein sind, fällt es leichter, darüber zu sprechen.
Allein das offene Ansprechen des Themas kann helfen, die Hemmschwelle zu senken.
Sinnvoll können auch Angebote sein, die Telefongespräche praktisch trainieren. Häufig werden Kommunikationsfähigkeiten zwar vorausgesetzt, geübt werden sie aber kaum. Kleine Trainings oder Workshops, etwa im Rahmen von Ausbildungstagen, können helfen, typische Gesprächssituationen kennenzulernen. Dabei spielt auch die Kultur im Betrieb eine Rolle. Wenn Azubis das Gefühl haben, dass kleine Fehler akzeptiert werden und Gespräche nicht perfekt laufen müssen, sinkt der Druck.
Routine statt Angst
Telefonphobie ist kein Zeichen mangelnder Leistungsbereitschaft, häufig spiegelt sie schlicht veränderte Kommunikationsgewohnheiten wider. Die Erfahrung zeigt, dass sich Sicherheit im Telefonieren relativ schnell entwickeln kann – vorausgesetzt, junge Beschäftigte bekommen Gelegenheit zu üben und stoßen im Betrieb auf Verständnis statt auf Spott. Dann wird aus dem Stressmoment irgendwann das, was ein Telefonat im Arbeitsalltag eigentlich sein sollte: ein unkomplizierter Weg, Dinge schnell zu klären. (tis)