Smalltalk ist gar nicht so „small“
Das Wetter, der letzte Urlaub, das Fußballspiel oder die Frage, was es heute zu essen gibt: Beim Smalltalk geht es selten um die wirklich großen Themen. Trotzdem macht das Geplauder einen beachtlichen Teil unserer täglichen Kommunikation aus. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen: Was macht Smalltalk eigentlich mit uns?
Was ein paar Worte mit unserem Wohlbefinden machen
Ein kurzer Plausch kann offenbar mehr bewirken, als wir denken. Das zeigten Sandstrom und Dunn 2014 in einer Studie: Menschen, die häufiger Kontakt zu eher losen Bekannten hatten, berichteten von mehr Wohlbefinden und einem stärkeren Zugehörigkeitsgefühl. In einer weiteren Studie ließen die Forscher Menschen beim Kaffeekauf entweder möglichst schnell ihren Kaffee holen oder ein paar Worte mit dem Barista wechseln. Die Plauderer fühlten sich anschließend besser und stärker mit anderen verbunden. Es muss also nicht immer das tiefgründige Gespräch sein.
Vielleicht sind wir beim Smalltalk einfach zu skeptisch?
Warum wir Smalltalk trotzdem manchmal lieber vermeiden
Einfach einen Fremden ansprechen? Lieber nicht. Genau das dachten offenbar auch viele Teilnehmer einer Studie von Epley und Schroeder. Pendler sollten während ihrer Fahrt entweder mit einem Fremden ins Gespräch kommen oder für sich bleiben. Viele erwarteten, dass die Ruhe angenehmer wäre. Tatsächlich machten aber diejenigen die positivere Erfahrung, die sich unterhielten.
Vielleicht sind wir beim Smalltalk einfach zu skeptisch? Dazu würde der sogenannte „Liking Gap“ passen: Studien von Boothby und Kollegen zeigen, dass wir nach einem Gespräch häufig unterschätzen, wie sympathisch wir der anderen Person waren und wie gerne sie sich mit uns unterhalten hat. Eine beruhigende Erkenntnis für alle, die von sich behaupten: „Smalltalk ist nicht mein Ding!“
Wenn ein kurzer Plausch unser Wohlbefinden steigern kann, müsste Smalltalk doch auch bei der Arbeit eine gute Sache sein. Oder?
Plaudern am Arbeitsplatz: Gut fürs Team, schlecht für die Konzentration?
Wenn ein kurzer Plausch unser Wohlbefinden steigern kann, müsste Smalltalk doch auch bei der Arbeit eine gute Sache sein. Oder? Ganz so eindeutig ist es nicht.
Forscher um Jessica Methot (2021) begleiteten Beschäftigte über mehrere Wochen und fragten täglich nach ihren Smalltalk-Erlebnissen bei der Arbeit. Dabei zeigte sich: Smalltalk sorgte für positivere soziale Gefühle und war mit einem höheren Wohlbefinden am Ende des Arbeitstages sowie größerer Hilfsbereitschaft verbunden.
Doch die Gespräche zwischendurch hatten auch einen Haken: Sie konnten die Konzentration unterbrechen und den Wiedereinstieg in die Arbeit erschweren. Smalltalk kann also guttun und gleichzeitig ablenken. Es kommt offenbar auch darauf an, wann wir uns Zeit für einen Plausch nehmen.
Smalltalk braucht vor allem eines: Gelegenheit.
Mehr als nur nette Plauderei?
Smalltalk braucht vor allem eines: Gelegenheit. Auf dem Flur, in der Pause, beim Schichtwechsel oder beim gemeinsamen Mittagessen entstehen Gespräche oft ganz nebenbei. Man trifft Kollegen, mit denen man sonst vielleicht kaum zu tun hat, erfährt, was sie gerade beschäftigt, oder kommt überhaupt erst miteinander ins Gespräch.
Im Homeoffice ergeben sich solche zufälligen Begegnungen zwar seltener, dafür kann ein kurzer Plausch vor dem Online-Meeting, ein spontaner Anruf oder eine persönliche Nachricht Raum für informellen Austausch schaffen. Entscheidend ist also weniger der Ort als die Gelegenheit, auch mal über etwas anderes als die nächste Aufgabe zu sprechen.
Doch was ist eigentlich mit denen, die sagen: „Smalltalk? Kann ich nicht!“
„Ich kann keinen Smalltalk!“ Stimmt das überhaupt?
Während manche scheinbar mühelos mit jedem ins Gespräch kommen, würden andere dem Plausch am liebsten aus dem Weg gehen. Doch muss man für guten Smalltalk wirklich besonders schlagfertig oder extrovertiert sein?
Eine Studie von Huang und Kollegen aus dem Jahr 2017 liefert dazu eine interessante Erkenntnis. In mehreren Experimenten zeigte sich: Wer mehr Fragen stellte, wurde als sympathischer wahrgenommen. Besonders gut kamen Anschlussfragen an, denn sie signalisierten echtes Interesse und aufmerksames Zuhören.
Und genau das ist wichtig. Denn Smalltalk kann auch ausgrenzen. Stehen drei Kollegen zusammen und zwei unterhalten sich ausgiebig über Fußball, während der dritte mit dem Thema nichts anfangen kann, wird aus dem verbindenden Plausch schnell das Gegenteil.
Und was hat der Betriebsrat mit Smalltalk zu tun?
„Jetzt wird aber wieder gearbeitet!“ Wo Beschäftigte beim kurzen Plausch gleich einen kritischen Blick ernten oder vom Vorgesetzten ermahnt werden, bleibt wenig Raum für informellen Austausch. Dabei zeigen die Studien, dass solche kleinen Gespräche durchaus positive Seiten haben können.
Für Betriebsräte lohnt es sich deshalb, auch die Kommunikationskultur im Unternehmen im Blick zu behalten. Gibt es Raum für Begegnungen und persönlichen Austausch? Oder herrscht eine Kultur, in der jedes Gespräch abseits der eigentlichen Arbeit als Zeitverschwendung gilt? Ebenso wichtig ist, dass niemand außen vor bleibt und Gelegenheiten zum Austausch für möglichst alle Beschäftigten entstehen.
Natürlich soll aus fünf Minuten Smalltalk keine halbe Stunde werden. Und ja, manchmal lenkt ein Gespräch zur falschen Zeit auch einfach ab. Trotzdem zeigt die Forschung: Ein bisschen Plaudern gehört zum menschlichen Miteinander und kann durchaus guttun. Vielleicht sind ein paar Minuten Smalltalk also besser investiert, als mancher Chef denkt. (sw)

