Wer als Auszubildender nach Home-Office fragt, bekommt häufig eine klare Antwort: Nein! Während die Kollegen im Team längst mobil arbeiten dürfen, gilt für Azubis weiterhin uneingeschränkte Präsenzpflicht. Häufige Begründungen: Ausbildung braucht Anleitung, Nähe und – nun ja – eben auch Kontrolle. Man müsse „erst einmal richtig arbeiten lernen“.
Home-Office? Für Auszubildende leider nicht vorgesehen!
Und so ganz von der Hand zu weisen sind die Argumente definitiv nicht. Denn, dass viele Unternehmen Home-Office für Azubis ablehnen, hat meist wenig mit bösem Willen zu tun. Die Ausbildung folgt einem klaren gesetzlichen Auftrag: Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten systematisch zu vermitteln. Viele Betriebe fürchten, diesem Anspruch außerhalb des Betriebs nicht gerecht zu werden. Dazu kommen praktische Fragen: Wer begleitet die Lernprozesse? Wie wird gearbeitet? Und wer haftet eigentlich? Skepsis ist also angebracht, darf aber durchaus mal hinterfragt werden. Aber: Einen gesetzlichen Anspruch auf Home-Office gibt es nicht! (Siehe §14 Berufsbildungsgesetz)
Die Vorteile: Selbständigkeit, Motivation, Realitätssinn
Richtig eingesetzt kann Home-Office für Azubis einige Vorteile bieten. Es fördert beispielsweise die Selbstständigkeit, weil Arbeitsaufgaben eigenverantwortlich geplant und umgesetzt werden müssen. Gleichzeitig kann mobiles Arbeiten motivierend wirken: Vertrauen stärkt häufig das Engagement und die Bindung an den Betrieb. Besonders für Auszubildende, die bereits fortgeschritten sind oder eigenständige Aufgaben erledigen, kann Home-Office ein Zeichen von Wertschätzung sein. Darüber hinaus ist mobiles Arbeiten die Realität vieler moderner Arbeitswelten. Gerade in kaufmännischen, IT- oder mediennahen Berufen gehört digitales und ortsunabhängiges Arbeiten längst zum Alltag. Eine Ausbildung, die diese Komponenten zumindest punktuell berücksichtigt, bereitet automatisch besser auf die spätere Berufspraxis vor.
Die Risiken: Lernen braucht Nähe
Den Vorteilen stehen jedoch klare Risiken gegenüber. Ausbildung ist mehr als das reine Erledigen von Aufgaben. Gerade junge Auszubildende profitieren von unmittelbarer Anleitung, vom Zuhören, Beobachten und Mitmachen. Spontane Rückfragen, kurze Erklärungen auf dem Flur oder an der Kaffeemaschine sowie das gemeinsame Lösen von Problemen lassen sich im Home-Office nur eingeschränkt abbilden. Es besteht zudem die Gefahr, dass Auszubildende unter- oder überfordert werden: Entweder sie erhalten im Home-Office lediglich Routineaufgaben oder stehen mit komplexen Anforderungen zu lange allein da. Auch der soziale Lernaspekt darf nicht unterschätzt werden. Wer selten im Betrieb ist, verpasst informelle Gespräche, Teamstrukturen und das Gefühl, wirklich Teil des Unternehmens zu sein.
Die Rolle der JAV: Es braucht ein Konzept!
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Home-Office für Azubis grundsätzlich erlaubt oder verboten sein sollte, sondern unter welchen Bedingungen es sinnvoll eingesetzt werden kann. An dieser Stelle kommt die Jugend- und Auszubildendenvertretung ins Spiel. Die JAV kennt die Perspektive der Auszubildenden und erlebt deren Alltag unmittelbar. Sie kann Bedürfnisse und Probleme aufnehmen und diese strukturiert in Richtung Betriebsrat und Arbeitgeber tragen. Gerade beim Thema Home-Office kann die JAV darauf hinwirken, dass nicht alle Azubis über „einen Kamm geschoren werden“. Sie kann Anstöße für Pilotenregelungen geben, auf faire Behandlung achten und gleichzeitig dafür sorgen, dass dem Ausbildungsauftrag Rechnung getragen wird. Eine aktive JAV kann maßgeblich dazu beitragen, Ängste abzubauen und Lösungen zu entwickeln, die sowohl den Betrieben als auch den Auszubildenden gerecht werden. (tis)