Warum ausgerechnet bei McKinsey über einen Betriebsrat gestritten wird
Wenn in einem deutschen Unternehmen ein Betriebsrat gegründet wird, ist das normalerweise keine große Nachricht – vielmehr sollte es als „normal“ gelten. Bei der Unternehmensberatung McKinsey ist das etwas anders. Dort beschäftigt der Streit um einen möglichen Betriebsrat mittlerweile das Gericht. Das liegt nicht nur am konkreten Fall in Berlin, sondern gewissermaßen auch an einer Branche, die sich lange Zeit vor Mitbestimmung scheute.
Die Unternehmensberatung McKinsey gehört zu den bekanntesten Strategieberatungen der Welt. Ihre Berater unterstützen Konzerne, Behörden und andere Organisationen bei wichtigen Entscheidungen. In Deutschland beschäftigt das Unternehmen rund 3.000 Mitarbeiter (Quelle: Handelsblatt, Stand 2023). Normalerweise macht McKinsey Schlagzeilen mit Wirtschaftsstudien, Restrukturierungsprojekten oder prominenten Kunden. Nun rückt jedoch ein anderes Thema in den Fokus: die Mitbestimmung.
Erstmals ein Betriebsrat?
Wie unter anderem das Handelsblatt berichtet, sollte bei einer Betriebsversammlung am Berliner Standort ein Wahlvorstand eingesetzt werden – der erste Schritt auf dem Weg zu einer Betriebsratswahl. Doch dazu kam es nicht. In geheimer Abstimmung votierte wohl eine Mehrheit der Teilnehmer gegen die Einsetzung eines Wahlvorstands. Damit war die Geschichte allerdings nicht beendet. Mehrere Beschäftigte zogen anschließend vor das Arbeitsgericht, sie wollen erreichen, dass gerichtlich ein Wahlvorstand eingesetzt wird. Sollte dies gelingen, könnte bei McKinsey erstmals ein Betriebsrat gewählt werden. Ein Eilverfahren wurde laut dem Bericht abgelehnt, der Termin für die Verhandlung sei auf den 29. Juli 2027 festgesetzt.
Die Auseinandersetzung wird inzwischen weit über den Berliner Standort hinaus beobachtet. Denn sie wirft eine Frage auf, die für viele zunächst überraschend klingt: Warum ist ein Betriebsrat in einer deutschen Unternehmensberatung überhaupt etwas Besonderes?
Anders als in anderen Branchen – oder doch nicht?
In der deutschen Industrie gehören Betriebsräte seit Jahren selbstverständlich zum Unternehmensalltag. Ob Automobilhersteller, Chemiekonzern oder Maschinenbauer: Arbeitnehmervertreter sind dort fest verankert. Bei den großen Strategieberatungen entwickelte sich dagegen eine andere Kultur. Die Unternehmen verstehen sich als leistungsorientierte Organisationen, viele Beschäftigte verfügen über Hochschulabschlüsse, übernehmen früh Verantwortung und erzielen vergleichsweise hohe Einkommen. Wer unter solchen Bedingungen arbeitet, braucht keinen Betriebsrat? Ganz so ist das sicherlich nicht.
Wer den Blick auf die großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften richtet, findet eine ähnliche Arbeitswelt wie bei McKinsey vor – zumindest von außen betrachtet. Auch bei beispielsweise Deloitte, EY, KPMG oder PwC arbeiten hochqualifizierte Fachkräfte, die internationale Kunden betreuen und häufig unter hohem Leistungsdruck stehen. Trotzdem existieren dort Betriebsratsgremien; und sie haben die Unternehmen weder daran gehindert zu wachsen noch erfolgreich im internationalen Wettbewerb zu bestehen.
Mehr als eine Frage des Einkommens
Die Debatte rund um McKinsey zeigt also noch etwas anderes. Häufig entsteht der Eindruck, Betriebsräte seien vor allem dort wichtig, wo es um niedrige Einkommen, klassische Schichtarbeit oder größere Konflikte mit dem Arbeitgeber geht. Das Betriebsverfassungsgesetz macht einen solchen Unterschied selbstverständlich nicht und interessiert sich weder für Gehalt noch für einen Abschluss. Fragen rund um Arbeitszeit, Leistungsdruck, Erreichbarkeit, technische Überwachung oder betriebliche Veränderungen können schließlich überall entstehen.
Auch in Beratungsunternehmen dürften viele dieser Themen bekannt sein. Wer internationale Kunden betreut, erlebt häufig enge Fristen, intensive Arbeitsphasen und eine starke digitale Vernetzung. Der Arbeitsalltag mag anders aussehen als in einem Industriebetrieb, die Interessen von Beschäftigten verschwinden deshalb aber nicht. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des Falls: Die Diskussion über die Mitbestimmung in einer ganzen Branche. (tis).
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